Wir treffen die Schauspielerin Iris Berben im Hotel Savoy in Berlin. Sie ist kleiner, als ich dachte, sehr, sehr aufgeregt und so zierlich, dass ich mit meinen dreißig Kilo Übergewicht Angst habe, sie anzuschauen. Sie steht am Fenster und schaut zwei miteinander schnäbelnden Vögeln zu.

Berben: Jetzt fliegt einer weg!

Der Mann oder die Frau?

Der Mann natürlich!

Woran sehen Sie das?

Wie soll es sonst sein? Haben Sie andere Erfahrungen? Plaudern Sie doch mal aus dem Nähkästchen!

Ausgezeichnete Idee! Mir schmeichelt sie. Aber es wäre sehr langweilig für unsere Leser. Rudolf Thome engagierte Sie 1968 für Ihren ersten Film, „Detektive“, auf der DVD lachen Sie Jahrzehnte später darüber, wie verklemmt Sie damals waren …

Verletzlich, unsicher. Nicht verklemmt. Wer verklemmt ist, traut sich nichts. Ich hatte vielleicht Angst, aber ich habe mich getraut. Es stimmt: Mich befallen immer wieder Zweifel und Unsicherheit. Ich bin auch schwach. Aber ich überwinde die Unsicherheit. Ich löse mich, wenn Sie es so nennen wollen, aus der Verklemmung.

Es geht Ihnen darum – auch jetzt bei diesem Interview …

Bestehen zu wollen? Ja. Darum geht es. Von außen wird mir oft gesagt: Reicht dir denn nicht, was du geschafft hast? Warum, woher, wozu die Unsicherheit? Ich kann dazu nur sagen: Das Erreichte ist ein gutes Fundament, aber darum hört doch das Bestehen-Wollen nicht auf. Oder dieses Angenommen-Werden-Wollen. Das ist es wohl eher. Ich weiß noch nicht einmal, wovon ich angenommen werden möchte.

In Ihrem neuen Buch schwärmen Sie andererseits auch davon, wie frei Sie sich damals fühlten.

Damals ließ ich mich einfach völlig ahnungslos in Filme hineinfallen. Das mache ich heute nicht mehr. Ich überlege, ob ich diese Aufgabe auch schaffen kann, ob die Gefahr des Scheiterns nicht doch zu groß ist. Diese Gedanken hatte ich damals alle nicht. So gesehen, war ich damals rotziger. Ich machte Dinge, von denen ich absolut keine Ahnung hatte.

Sie waren 18. Das hatte auch noch etwas Pubertäres.

Es kam viel zusammen. Der Ausbruch nach elf Jahren Internat. Der Zeitgeist von 1968, als eine Generation begann, jede Autorität infrage zu stellen. Man hatte noch nichts verstanden, aber man war dagegen. Als Instinkt war das erst mal nicht schlecht.
Ich besuche zurzeit den NSU-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages.

Das muss spannend sein.

Er ist öffentlich. Jeder kann hin und es sich ansehen.

Ich wünschte, ich hätte im Augenblick auch nur noch fünf Minuten für irgendetwas Zeit. Heute sind es drei Interviews. Übermorgen beginnen Dreharbeiten. Ich würde das gerne einmal selbst erleben.

Sie waren bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des NSU.

Ja.

Sehr deutlich wird, dass schon sehr früh Überlegungen, die Morde könnten von Rechtsradikalen verübt worden sein, beiseitegeschoben wurden.

Das macht mir Angst. So viele Zufälle – das ist meine Befürchtung – kann es nicht geben, das Unterdrücken von Material, das Verschwinden von Material, das Vernichten von Material. Das ist einfach zu viel. Die Wendung, mit der unsere Generation groß wurde, wird doch schrecklich bestätigt: auf dem rechten Auge blind.

1968, als dieser Satz Hochkonjunktur hatte, zog keine rechtsradikale Mördertruppe durch Deutschland.

Nein. Damals ging es darum, dass in den Ämtern die alten Nazis saßen.

Manchmal sitze ich in dem Ausschuss und denke: Es war alles vergebens, was man die letzten Jahrzehnte getan hat.

Als junges Mädchen fand ich den Nationalsozialismus natürlich schrecklich, aber ich fand ihn auch so absurd, dass die Vorstellung, so etwas könnte wiederkommen, mir ganz fern lag. Aber man wird älter, das Leben wächst mit einem und man – vielleicht – auch mit ihm. Ich bekam Hasstiraden zu hören, weil ich mit einem jüdischen Mann zusammenlebte. Da wuchs auch in mir die Angst, es könnte wieder- kommen. Heute glaube ich, es wäre naiv, anzunehmen, man könnte es verhindern. Die Menschheit hat nach jedem Krieg „Nie wieder Krieg“ gerufen und ist dennoch in den nächsten hineinspaziert. Ich glaube, wir sind mit dem Rechtsradikalismus zu lässig umgegangen. Ist uns da etwas aus der Hand gerutscht? Ich weiß es nicht.

Wer ist „uns“?

Uns – die Gesellschaft. Also auch uns, die wir glaubten, wir seien aufmerksam, wachsam. Uns, die wir ja mit darüber entscheiden, wer uns regiert.

Heute haben wir erfahren, dass Herr Steinbrück für die SPD antreten wird.

Ja. Das war die erste Nachricht heute morgen.

Es wird wohl Frau Merkel weiter regieren. Wenn die SPD den Kanzler stellen wollte, hätte sie doch nicht Steinbrück aufgestellt.

Wen sonst? Ich mag Steinbrück. Es ist noch ein ganzes Jahr. Da kann noch alles passieren. Was führen wir eigentlich? Ein politisches Gespräch?

Ja.

Ach du Schreck. Es fällt mir schwer, die beiden großen Volksparteien auseinanderzudividieren. Steinbrück ist aber doch einer, dem ich gerade im Zuge einer Wirtschaftskrise zutraue, das Richtige zu tun. Sie wollen vielleicht Jüngere an der Macht sehen, aber auf das Alter kommt es nicht an. Sondern auf den Sachverstand und das politische Geschick. Bei Steinbrück kann ich mir vorstellen, dass er sich auch trauen würde, unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen. Ohne die werden wir nicht vorankommen. Außerdem: Es ist doch mit das Auffälligste an den derzeitigen Diskussionen um Euro-, Wirtschafts- und Schuldenkrise, dass es selbst bei den anerkannten Experten die unterschiedlichsten Meinungen gibt. Vielleicht ist die Lage ja so komplex, dass es den einen, einzig richtigen Weg gar nicht gibt.

Immer nur Mainstream

Hat das auch etwas mit dem Alter zu tun, dass man die Lage so sieht, dass man sie so sehen kann?

Ich glaube schon. Als wir jung waren, waren wir alle ungestümer. Wenn wir keine uns einleuchtenden Antworten bekamen, haben wir uns unsere eigenen gebastelt. Erst einmal Behauptungen aufzustellen, ist doch ein Vorrecht der Jugend, die ja noch nichts zu entscheiden hat. Inzwischen bin ich in einem Alter, in dem ich ahne, dass die Dinge so komplex sind, dass es wahrscheinlich die Person gar nicht geben kann, die in der Lage wäre, die eine alles entscheidende Ansage zu machen. Wir wünschen uns, wenn es richtig scheiße läuft, gerne so jemanden. Aber den gibt es nicht.

Im Film könnte man doch Ansagen machen. Da lastet ja nicht die Gefahr der Realisierung auf einem.

Wir könnten sicher mehr tun. Nur in Wahrheit ist es doch so: Die kleinen Kinos gehen ein. Die großen bringen immer weniger, was nicht Mainstream ist. Es gibt sehr, sehr viele deutsche Filme, die zwar gedreht werden, aber nicht in die Kinos kommen. Es gibt bei uns keine Kinoindustrie und keine Kinokultur wie in Frankreich. Ob es gut wäre, es so zu reglementieren wie die Franzosen, ist fraglich. Aber eine zu haben, wäre schon schön. Auch solche Filme, ich sage immer Erwachsenenfilme, zu haben, wäre schön. Es ist in Deutschland schwierig, sie zu drehen, und es ist schwierig, ein Publikum für sie zu finden.

Und es wird immer schwieriger?

Es war immer schwierig. Kino ist immer in der Krise. Aber im Augenblick scheint alles zu stehen. Wir sind wohl in einer Warteschleife. Wir alle wohl. Oder? In den Zeitungen ist es doch auch so.

Wenn es denn mal eine Warteschleife ist und nicht für sehr viele der Anfang vom Ende.

Das höre ich aus vielen Verlagen. Ich will das nicht. Ich lese gerne Zeitung. Ich fasse sie gerne an. Ich sitze gerne beim Frühstück und sage: „Du, hör mal, das muss ich dir vorlesen.“ Ich will das nicht missen. Loslassen können! Ich mag nicht.

Sie wollen die Veränderungen nicht erleben?

Doch! Ich will das unbedingt mitbekommen. Schon darum möchte ich möglichst lange dableiben.

Bei der Lektüre des Buches hat man den Eindruck, Sie wollen ewig leben.

Ja, sicher! Ich lebe gerne. Ich habe Lust zu leben.

Ewig?

Das ist doch nur ein Bild! Ich sage doch: Es ist schade, dass man sich davon verabschieden muss. Ich würde gerne wissen: Wie geht das weiter? Allein die technologischen Neuerungen der letzten 30 Jahre! Was wird da noch kommen? Ich bin neugierig. Stellen Sie sich vor: Was wird es geben in 500 Jahren? Was wird es nicht mehr geben? Na klar würde ich das gerne wissen.

Sie haben sich die Tausende von Jahre alten Bäume in den USA angesehen?

Toll, oder? Ich stehe mit sentimentaler Ehrfurcht davor. Ich werde auch ehrfürchtig, wenn ich den Atlantik sehe. Diese Natur hat etwas Tröstendes, und sie hat etwas Erschreckendes. Es ist tröstend, dass man weiß, dass zwar jede Welle, jeder Tropfen anders ist, dass aber der Atlantik immer so sein wird. Erschreckend ist, dass es so ist. Es ist beides.

Im Buch sagen Sie einmal etwas über Barbara Sukowa …

Von den drei tollen Männern?

Ja.

Mit einem davon, Hans-Michael Rehberg, drehe ich gerade wieder. Die letzte Folge von „Rosa Roth“.

Drei wunderbare Männer, sagen Sie da, und mit jedem ein Kind.

Es sind drei Männer, die ich wirklich verehre. Für das, was sie machen und wie sie es machen. Die Idee finde ich wunderbar, von solchen drei Granatenmännern drei Kinder zu haben.

Was ist ein Granatenmann?

Ein Schauspieler wie Hans-Michael Rehberg zum Beispiel in seiner Genauigkeit, in seiner Unverwechselbarkeit. Arbeiten mit ihm ist ein intellektueller Vorgang. Er ist schnell, sehr gescheit. Ich schaue ihm einfach auch gerne zu. Ich mag die Stimme. Da kommt alles zusammen. Es sind ja auch die eigenen Widersprüche, die man haben möchte: langsam und schnell, groß und klein, bunt und schwarz-weiß. Es gibt ein Wort, das habe ich für meinen Hund Paul erfunden. Wenn Sie mit ihm spielen, freut er sich, wenn Sie so tun, als wollten sie ihm den Ball wegnehmen, und er ärgert sich, wenn Sie es wirklich tun, aber in Wahrheit ist beides nicht voneinander zu trennen, und genau das liebt er: das Frägern.

Interview: Arno Widmann