Anklam - Den prägnantesten Satz ihres politischen Lebens hat Iris Gleicke über ihren Vorgänger gesagt. Und in gewisser Weise war er auch programmatisch, dieser Satz. „Christoph Bergner ist genauso, wie der Westen sich den Ossi wünscht: fleißig, brav, bescheiden und kein bisschen aufmüpfig“, befand die Sozialdemokratin aus Südthüringen. Gleicke war in jenem Sommer 2012 Bergners Opponentin als Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion für ostdeutsche Fragen. Und so wie Bergner, der Christdemokrat aus Sachsen-Anhalt, damals Ostbeauftragter der Bundesregierung , wollte sie nicht sein. Dann lieber keck und selbstbewusst.

Was Iris Gleicke, heute 52 Jahre alt, nicht ahnen konnte: dass sie Bergner zwei Jahre später beerben würde als Ostbeauftragte. Obwohl sie es besser gefunden hätte, wenn ein gesamtdeutscher Beauftragter für strukturschwache Regionen benannt worden wäre. Heute sagt Gleicke: dass sie ihr Amt in dieser Form gar nicht gewollt habe, das sei falsch. Die Bemerkung sei nur auf den mangelnden Erfolg ihres Vorgängers gemünzt gewesen – auf Bergner eben.

Heiße Kartoffel

Die SPD-Politikerin Gleicke ist durch die Wendewirren in die Politik gespült worden und sitzt seit 1990 im Bundestag. Seit drei Jahren ist sie die Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, wie es offiziell heißt. Der erste Beauftragte war Johannes Ludewig, ein westdeutscher CDU-Mann mit ähnlich patriarchalischem Blick auf den Osten wie sein Chef Helmut Kohl. Es folgte Rolf Schwanitz von der SPD, der so farblos war, dass die Thüringer Allgemeine einmal einen weißen Fleck abdruckte, wo ein Interview mit Schwanitz hatte stehen sollen.

Nach ihm kam der Stasi-belastete Manfred Stolpe. Dieser wurde vom ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee abgelöst, der den beleidigenden Spitznamen „Flachwasser“ ertragen musste. Sie gehörten der SPD an. Nächster Ostbeauftragter war Thomas de Maizière, der in Bonn zur Welt kam, nach der Wende aber in den Osten ging und in dessen viel zu große Fußstapfen der CDU-Parteifreund Bergner dann trat. Unterdessen wechselte die Zuständigkeit für das Amt des Ostbeauftragten vom Wirtschaftsministerium ins Kanzleramt, vom Kanzleramt ins Verkehrsministerium, vom Verkehrsministerium ins Innenministerium und von dort wieder zurück ins Wirtschaftsministerium. Als wäre der Osten eine heiße Kartoffel.

Iris Gleicke ist die erste Frau auf dem Posten, sie hat Erfahrung als stellvertretende Fraktionsvorsitzende, Staatssekretärin und als Parlamentarische Geschäftsführerin. Dass sie „brav, bescheiden und kein bisschen aufmüpfig“ sei, lässt sich nicht behaupten. Gleicke, die gern leuchtend rote Kostüme oder Hosenanzüge trägt, geht Konflikten nicht aus dem Weg. Sie mag es direkt.

Was sich gut beobachten lässt an diesem Tag, an dem ein Ausflug von Berlin nach Vorpommern auf dem Programm steht; eine Betriebsbesichtigung und ein Diskussionsabend in Anklam warten. Der Morgen beginnt allerdings gemächlich. Iris Gleicke hat auf der Rückbank ihres Dienstwagens Platz genommen, neben ihr sitzt Martin Müller, ihr persönlicher Referent. Gleicke, die gelernte Bauzeichnerin aus Schleusingen blättert in den Unterlagen, in denen steht, was sie in Anklam, der 13.000-Einwohner-Stadt, erwartet.

Das Positive würdigen, für das Negative Akzeptanz schaffen

Am Autofenster ziehen Plattenbauten vorbei und unsanierte Ost-Berliner Altbauten. Schließlich die Autobahn. Nach einigem Schweigen kommen wir auf die Themen, die Iris Gleicke betreuen muss. Die Wirtschaftsförderung spielt ebenso eine Rolle wie die Sozialpolitik, Bildung und die Bundeswehr. Auch im 27. Jahr der Vereinigung gibt es fast überall noch spezifische Ostbezüge. Und dann ist da das heikle Gelände der DDR-Aufarbeitung.

„Wir sind 1989 nicht vom Baum gefallen“, sagt Iris Gleicke. „Sonst hätten wir keine friedliche Revolution machen können.“ Diese Feststellung ist ein Teil ihrer typischen Dialektik. „Meine Aufgabe ist es aber nicht, rosa-rote Brillen zu verteilen, damit sich alle wohlfühlen. Sonst hätte ich meinen Job verfehlt.“ Das ist der andere Teil. Die Ostbeauftragte versucht, das Positive zu würdigen und so Akzeptanz zu schaffen für die Erwähnung des Negativen.

Dazu gehört Streit. Und den gab es reichlich. In Gleickes erstem Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit war zu lesen: „Der ganz großen Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger ging es darum, ein anständiges Leben zu führen.“ Das passte einigen CDU-Leuten nicht, weil sie die Ansicht vertraten, in der sozialistischen DDR habe es gar keine Bürger geben können. Ein Jahr später forderte das Finanzministerium, die nach 1990 teilweise sehr umstrittene Arbeit der Treuhandanstalt durchweg kritiklos zu beschreiben. Iris Gleicke stellte klar, dass diese Anstalt auch für Marktbereinigungen und Zerschlagungen stehe und betonte: „Dass das bis heute nachwirkt, halte ich für einen Nachteil.“

Im letzten Bericht wies sie auf den im Osten besonders verbreiteten Rechtsextremismus hin, der „eine ernste Bedrohung für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der neuen Länder“ sei. Kanzleramt und Innenministerium sagten: nein. Ost-Ministerpräsidenten bestritten gar die Existenz des Problems, das allenfalls ein gesamtdeutsches sei.

Bald darauf, sagt Gleicke irgendwann auf der Fahrt jenseits der Uckermark, habe sie sich bestätigt gesehen – als sich nämlich Kanzlerin Angela Merkel und der damalige Bundespräsident Joachim Gauck bei den Feiern zur deutschen Einheit in Dresden von Pegida-Anhängern hätten beleidigen lassen müssen. Ohnehin findet Gleicke: „Diskussionen anzustoßen, ist auch eine Aufgabe der Ostbeauftragten.“

Zwanzig Kilometer vor Anklam fährt der Fahrer rechts ran. Frau Gleicke und Herr Müller steigen aus. Die Ostdeutsche und der Westdeutsche rauchen.

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