Die Regierung hatte ihre Amtsgebäude mit langen Reihen von leeren Containern verbarrikadiert, als sich am Sonnabend Tausende afghanische Schiiten im Westen der Hauptstadt Kabul zu einem Protestmarsch versammelten. Sie wollten dagegen protestieren, dass eine Überlandleitung zur Stromversorgung des Landesinnern um ihre Heimatprovinz Bamian einen Bogen machen soll – ein typischer Fall von Diskriminierung durch die Politiker der sunnitischen Mehrheit, beklagen sie. Doch kaum waren die Demonstranten losmarschiert, mussten sie schon um ihr Leben rennen. Mindestens ein Selbstmordattentäter der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) zündete eine Bombe. Mindestens 80 Menschen wurden zerfetzt, mehr als 200 weitere verletzt, viele schwebten auch am Sonntag noch in Lebensgefahr.

Ein neuer Gegner

„Ein IS-Kommandeur aus Nangahar hat den Anschlag angeordnet“, verlautete aus afghanischen Sicherheitskreisen. Es war das schlimmste Blutbad in Kabul seit der Intervention ausländischer Truppen im Jahr 2001. Seit sie vor anderthalb Jahren das Gros ihrer Kräfte abzogen, verschlimmert sich die Lage stetig. 2014 verloren die Sicherheitskräfte laut Angaben aus Militärkreisen 5000 Soldaten, 2015 waren es 6000.

Und in der ersten Hälfte dieses Jahres sind bereits 20 Prozent mehr Soldaten gefallen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die radikalislamischen Talibanmilizen hetzen die 350 000 Mann starken Sicherheitskräfte nahezu nach Belieben vor sich her.

Doch sie sind längst nicht mehr der einzige Gegner der Regierung. Vor allem in Teilen der Provinz Nangahar an der Grenze zu Pakistan hat sich auch der IS festgesetzt, der seine Kämpfer in Afghanistan vor allem aus den Reihen der alten „Islamischen Bewegung Usbekistan“ (IMU) rekrutiert.

Dabei versuchen nicht nur Afghanistan und die USA, die fanatischen Gotteskrieger auszulöschen. Selbst die Talibanmilizen haben eine Spezialtruppe formiert, um die Konkurrenzbewegung zu vernichten. Sie beschuldigen den IS, am Hindukusch einen Bürgerkrieg zu entfesseln.

Ehemalige IMU-Kämpfer bekannten sich erstmals zum IS, nachdem sie gemeinsam mit Tausenden anderen Kämpfer vom pakistanischen Militär aus der dortigen Provinz Waziristan nach Afghanistan vertrieben wurden. „Sie führten viel Geld mit sich und verteilten es“, beschrieb ein asiatischer Geheimdienstler ihr Vorgehen. „Sie forderten die Leute auf, vorläufig nicht aktiv zu werden und Befehle abzuwarten.“

Schon vor dem Anschlag vom Sonnabend plante die Regierung in Kabul mit US-Rückendeckung eine Operation namens „Dämmerung“ gegen den IS in Nangahar. US-Präsident Barack Obama hatte erst kürzlich verkünden lassen, Washington werde 8400 statt wie ursprünglich geplant 5000 Soldaten am Hindukusch belassen. Außerdem soll der Luftkrieg wieder verschärft werden.

Zwei Jahre nach dem Nato-Abzug scheint es höchste Zeit, das Blatt in Afghanistan wieder zu wenden. Die grausame Attacke in Kabul am Sonnabend zeigt, dass der sogenannte „Eiserne Ring“, eine Kette von Wachposten und Straßensperren um die Hauptstadt, so löchrig geworden ist, dass der IS Sprengstoff aus der Provinz nach Kabul schaffen kann.

Viele Hasara denken an Flucht

Präsident Ashraf Ghani, der intern angesichts der desolaten Sicherheitslage unter massivem Druck steht, verkündete: „Wir werden Rache nehmen.“ Die UN sprachen nach dem Anschlag von einem Kriegsverbrechen. Für die schiitischen Hasara, die bereits seit zwei Jahren mit wachsender Panik die Aktivitäten des sunnitischen IS beobachten, sehen sich in ihrer Furcht bestätigt. Sie stellten bereits 2015 einen großen Teil der Flüchtlinge in Europa – und viele von ihnen werden nun wieder verstärkt nach Möglichkeiten suchen, ihre Heimat zu verlassen.