Sie nennt sich Bird of Jannah, Paradiesvogel. Ihr Symbol im Netz sind zwei weiße Tauben, die die schwarze Flagge des Islamischen Staats (IS) in ihren Schnäbeln halten. In ihrem alten Leben in Malaysia war die 26-Jährige Ärztin. Jetzt ist sie mit einem IS-Kämpfer verheiratet, den sie nie zuvor gesehen hatte, und lebt in der Nähe der syrischen IS-Hochburg Rakka.

In ihrem Blog Diary of a Traveler, Tagebuch einer Reisenden, der ein Mix aus Lebenshilfe, sehr persönlichen Berichten und vor allem Rekrutierungsinstrument ist, ermuntert sie junge Frauen aus dem Westen, wie sie die Hidschra zu machen, das ist der arabische Begriff für Auswandern. Das Bild, das die junge Frau von ihrem neuen Leben unter der Herrschaft der Islamisten zeichnet, ist ein verführerisches. Sie verschweigt nicht, dass es Probleme gibt. Aber diese seien nichts im Vergleich zu dem, was sie in der Gemeinschaft gewonnen habe.

Eine schöne neue Welt

Begeistert beschreibt sie diese schöne neue Welt, in der alle nach den Gesetzen Allahs leben. Gräueltaten? Westliche Propaganda. Frauen werden zur Heirat mit Dschihadisten gezwungen? Alles gelogen. Wer nicht heiraten wolle, könne in einem Hotel für Frauen wohnen. Ein Leser will von ihr wissen, wie die Rolle der Frauen im Kalifat ist: „Das hängt von deinem Talent oder deinem Beruf ab“, antwortet Bird of Jannah oder Sham, wie sie sich auch nennt.

Der IS biete Jobs für Lehrerinnen, Ärztinnen oder Krankenschwestern. Es könnte auch um die Auswanderung nach Kanada gehen, so pragmatisch sind ihre Antworten, wenn da nicht diese Sinnsprüche wären, die eindringlich dafür werben, sich dem IS anzuschließen und ins Kalifat zu kommen. So heißt es an einer Stelle: „Wann willst du kommen? Wenn das Schwierigste vorbei ist?“ Ein anderer Spruch lautet: „Je länger du deine Reise hinauszögerst, desto schwieriger wird es für dich, noch auf den fahrenden Zug zu springen.“

Das Kalifat wie es die junge Frau beschreibt, ist ein Staat, in dem Muslime keine Miete, Steuern oder Strom- und Wasserrechnungen zahlen müssen. In dem die Dschihadisten einmal im Monat kostenlos Lebensmittel aus dem Supermarkt bekommen, Arztbesuche umsonst sind und es außer Kontaktlinsen fast alles gibt. Ein Staat, der sich nicht nur unglaublich großzügig gegenüber seinen Einwohnern zeigt, sondern auch noch ein Muster an Toleranz ist, wie man an den vielen gemischten Paaren sehen könne. Eine Gemeinschaft ohne Rassismus, schwärmt Sham. Eine kleine heile multikulturelle Welt.

Kein Wort darüber, dass der IS Frauen, denen Ehebruch vorgeworfen wird, steinigen lässt. Stattdessen heißt es verständnisvoll an einer Stelle, dass niemand perfekt sei, auch nicht die Mudschaheddin. Kein Wort über die Gesinnungswächter, die mit Sturmgewehren in den Straßen der eroberten Städte patrouillieren und Angst und Schrecken verbreiten.

Kein Wort darüber, dass ihre barmherzigen Brüder Musik verbieten und jeder, der sich ihren strengen Regeln widersetzt, sein Leben riskiert. Politik kommt in ihrem Blog nur am Rande vor, wenn sie zum Beispiel US-Präsident Obama vorwirft, für die Enthauptungen der westlichen Journalisten und Entwicklungshelfer verantwortlich zu sein. Er hätte sie schließlich verhindern können, wenn er sich auf ein Lösegeld oder Verhandlungen mit dem Islamischen Staat eingelassen hätte.

Der virtuelle Sog ist gewaltig

Diese Bloggerin, die für alles eine Erklärung hat und so warmherzig und einfühlsam sein kann, dürfte der Alptraum vieler Eltern sein. Allein aus Deutschland sind bereits 40 Mädchen nach Syrien gegangen, etliche britische, französische oder österreichische Teenager haben ebenfalls mit ihrem westlichen Leben gebrochen und sich dem IS angeschlossen.

Manche der Mädchen kannten ihre Schicksalsgefährtinnen nur über Facebook oder andere soziale Netzwerke, bevor sie sich gemeinsam auf den Weg nach Syrien gemacht haben. „Diese Beziehungen in den Netzwerken können so stark sein, dass die Mädchen das Gefühl haben, ihre Freunde in der virtuellen Welt sind ihnen näher als die in der echten Welt“, erläutert Géraldine Casutt, eine Schweizer Wissenschaftlerin, die über westliche Frauen im Dschihad forscht und an einer Dissertation zum Thema arbeitet.

Für den IS ist eine Bloggerin wie Paradiesvogel deshalb wertvoller als ein Dutzend Kämpfer. Die Miliz mit den Großmachtzielen braucht viele neue Anhänger, um weiter wachsen zu können. „Je mehr Familien von Dschihadisten in den eroberten Gebieten gegründet werden, desto dauerhafter ist die Macht des IS“, erklärt Casutt.

Deshalb werben sie über die sozialen Netzwerke so massiv um die westlichen Mädchen. Ein Foto wie das kürzlich verbreitete der zwei hübschen blonden Wienerinnen, die freundlich in die Kamera lächeln und heute irgendwo in Syrien leben, ist da ein propagandistischer Glücksfall für die islamistischen PR-Profis. „Aus Sicht des IS hat es eine ganz starke Signalwirkung, wenn sie westliche Frauen für ihre Sache gewinnen können.

In der Forschung nennen wir das den CNN-Effekt“, sagt Jennifer Eggert, Terrorismusforscherin an der britischen Universität von Warwick, die an einer Dissertation über die Rolle von Frauen in terroristischen Organisationen arbeitet. Das mediale Interesse nimmt durch solche Bilder schlagartig zu und treibt dem IS neue Anhänger in die Arme.

Doch was bringt einen jungen Teenager aus Glasgow, Wien oder Dinslaken dazu, nach Syrien zu gehen? Die Erklärung, dass die Mädchen in ihrem Schlafzimmer vor dem Computer einer Dschihad-Romantik und Träumereien über den tugendhaften Märchenprinzen erliegen, greift nach Ansicht von Experten zu kurz. Géraldine Casutt sagt: „Die dschihadistische Ideologie bietet auch einen Rahmen, um eine komplizierte Welt zu erklären. Sie erlaubt, viele zersplitterte Identitäten unter einer – Muslimin sein – zu vereinigen.“

So kann die Entscheidung zu gehen, auch die Antwort auf die Suche nach einem alternativen Gesellschaftsmodell sein. Manche Frauen wollen schlicht das Gefühl haben, nützlich zu sein und anderen helfen, andere treibt die Abenteuerlust und die Rebellion gegen die Eltern. Es ist ein Mix aus vielen Motiven. Die Propaganda über die große Wertschätzung der Frauen im IS als treue Gefährtin ihres kämpfenden Mannes und Mutter künftiger Dschihadisten tut dann ein Übriges.

Reise ohne Wiederkehr

Dass sie dafür mit ihrem alten Leben, ihrer Familie brechen müssen, hält die jungen Frauen offenbar nicht vor diesem radikalen Schritt ab. „Aus ihrer Sicht ist der Kontrast zu ihrem bisherigen Leben gerade attraktiv. Sie haben das Gefühl, dass der Rest der Gesellschaft verdorben ist und verachten ihre Freundinnen, die nur ihre Nägel, Haare oder Partys im Kopf haben.

Sie fühlen sich auserwählt und anders“, erklärt Jennifer Eggert. Ein islamkonformes Leben ist für diese jungen Frauen in der verdorbenen westlichen Gesellschaft nicht möglich. Die Hoffnung, dass all diese Mädchen ernüchtert sein werden, wenn sie in das wahre Leben im Kalifat geworfen werden, ist nach Ansicht von Eggert Wunschdenken. Sicher gebe es manche, die mit Schrecken realisieren, in was für eine Situation sie sich gebracht haben. „Aber ich glaube, für viele ist das Leben dort tatsächlich attraktiv. Sie bekommen das, wonach sie gesucht haben.“

Den verzweifelten Eltern bleibt nicht viel mehr, als zu hoffen, dass es ihren Töchtern bei der Terrormiliz tatsächlich gut geht. Denn als Frau haben sie ohne männliche Begleitung keine Chance, durch das Kriegsgebiet zurückzukehren in ihre alte Heimat. Paradiesvogel schweigt dazu. Für Frauen bleibt die Reise in das Kalifat eine Reise ohne Wiederkehr.