Paris - Ein Jahr nach der islamistischen Anschlagsserie von Paris gedenkt Frankreich der Opfer: Mit einem Konzert des britischen Musikers Sting wurde am Samstagabend die Konzerthalle Bataclan wiedereröffnet, wo die Attentäter am 13. November vergangenen Jahres 90 Menschen töteten. Insgesamt starben bei der Anschlagsserie 130 Menschen, rund 400 weitere wurden verletzt. Frankreichs Regierungschef Manuel Valls rief die Europäer zu verstärkten Sicherheitsanstrengungen auf.

Sting begann seinen Auftritt mit einer Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer der Anschlagsserie. „Wir werden sie nicht vergessen“, sagte er. „Heute Abend haben wir zwei Aufgaben in Einklang zu bringen: Zunächst jener zu gedenken, die ihr Leben bei dem Anschlag verloren haben, und dann, das Leben und die Musik an diesem historischen Ort zu feiern“, sagte Sting auf Französisch. Sein erstes Lied „Fragile“ trieb vielen Zuhörern Tränen in die Augen. Doch mit seinem zweiten Song, „Message In a Bottle“ von seiner früheren Band „Police“, riss Sting sein Publikum mit.

Gedenktafeln an den Anschlagsorten

Unter den Zuhörern waren zahlreiche Überlebende und Angehörige von Opfern. Die Einnahmen sollen an zwei Vereine gehen, die sich für Opfer und Hinterbliebene einsetzen. „Ich bin das erste Mal seit einem Jahr wieder in der Öffentlichkeit“, sagte Aurelien, der den Anschlag im Bataclan vor einem Jahr überlebte. „Ich war nicht im Kino, nicht im Konzert, mein Essen lasse ich mir liefern - ich bin immer zuhause geblieben.“ Zum Sting-Konzert zu gehen, empfinde er als „Pflicht, weil es 90 Menschen gibt, die nicht mehr kommen können“, sagte er sichtlich bewegt und mit zitternden Händen.

Am Sonntag, dem Jahrestag, wollen Frankreichs Staatschef François Hollande und die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo alle sechs Anschlagsorte aufsuchen: das Stade de France, vor dessen Toren die Anschlagsserie während des Fußball-Freundschaftsspiels zwischen Frankreich und Deutschland begann, ein Restaurant sowie drei Bars und das Bataclan. Jedesmal soll eine Gedenktafel enthüllt werden. Der Erzbischof von Paris, Kardinal André Vingt-Trois, liest am Sonntag in der Kathedrale Notre Dame eine Gedenkmesse. Valls rief die Europäer in einem Zeitungsbeitrag auf, angesichts der Bedrohung durch den „islamistischen Terrorismus“ zusammenzuhalten und ihre Anstrengungen für die eigene Sicherheit zu verstärken.

Attentäter Abdeslam verweigert Aussage

In dem am Samstag veröffentlichten Gastbeitrag in mehreren großen europäischen Tageszeitungen schreibt Valls, der „islamistische Terrorismus“ werde Europa erneut treffen, aber letztlich würden die Europäer „siegen“. „Angesichts dessen müssen wir Europäer noch mehr Verantwortung übernehmen, um unsere Sicherheit zu gewährleisten. Und dies um so mehr, als die Vereinigten Staaten sich immer mehr aus dem Weltgeschehen zurückziehen. Europa kann sich nicht länger seinen Pflichten entziehen und sich hinter seinem amerikanischen Verbündeten verstecken,“ schrieb Valls unter anderem in der Zeitung „Die Welt“ (Samstagsausgabe). Die EU müsse ihre Außengrenzen besser schützen. „Außerdem muss jedes Land seinen Verteidigungsaufwand erhöhen, indem es ihm mindestens zwei Prozent seines BIP widmet.“

Zugleich wandte der Premier sich an die Familien der Anschlagsopfer: „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an die 130 Opfer des 13. November denke, an die hunderten Verletzten, an alle weiteren Opfer des Terrorismus, an ihre Familien.“ Der mutmaßliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam hat sich nach Angaben seines ehemaligen Verteidigers Sven Mary im Gefängnis weiter radikalisiert. „Er trägt einen Bart, er ist ein richtiger Fundamentalist geworden, während er zuvor nur ein Straßenjunge mit Nike-Turnschuhen war“, sagte Mary der niederländischen Zeitung „De Volkskrant“. Abdeslam gilt als der einzige überlebende Attentäter vom 13. November und soll bei der Anschlagsserie eine zentrale Rolle gespielt haben. Bisher verweigert der 27-Jährige jede Aussage zum Geschehen. (AFP)