Ein kalter Wind weht an diesem Sonnabendmittag über den Landschaftsfriedhof in Gatow. Polizeiwagen stehen an der Zufahrt, um die ordnungsgemäße Zufahrt zum Friedhof zu gewährleisten, hieß es. Denn immerhin hatte der Organisator der Beisetzung für den in Dresden getöteten Asylbewerber aus Eritrea, Khaled Idris Bahray, eintausend Teilnehmer angemeldet.

Rund 250 Menschen sind gekommen, aus ganz Deutschland, Italien, Schweden. Die Landsleute des Toten haben sich an der Trauerhalle eingefunden. Eine Frau hält ein Taschentuch in den Händen, sie weint. Die Frau ist die Tante des Toten, der jeden Moment eintreffen muss. Sie ist extra aus der Nähe von Essen angereist, um ihrem Neffen die letzte Ehre zu erweisen. "Er hat ganz früh seinen Vater verloren. Deutschland war für ihn das Land der Hoffnung", sagt sie. Khaled habe den harten Weg durch die Wüste und die lebensgefährliche Überfahrt nach Europa überlebt. Und dann sei ihm hier der blanke Hass und schließlich der Tod begegnet.

Zunächst rassistische Tat vermutet

Der Tote liegt beim Eintreffen auf dem Friedhof noch in einem Sarg. Khaled Idris Bahray war am 12. Januar im sächsischen Dresden getötet worden. Dort hatte der 20 Jahre alte Mann in einer Asylbewerberunterkunft gelebt.

Sein Tod hatte für einen Aufschrei gesorgt, weil man in der durch Pegida aufgestachelten Atmosphäre zunächst auch einen rassistischen Hintergrund nicht ausschließen konnte. Zudem hatte die Polizei trotz der Stichverletzungen an Hals und Oberkörper anfangs von einem natürlichen Tod gesprochen. Mittlerweile sitzt ein 26-jähriger Landsmann des Toten in Untersuchungshaft. Er hat sich mit dem Opfer das Zimmer geteilt, und er soll gestanden haben, Khaled Idris im Streit um das Haushaltsgeld getötet zu haben.

Es ist kurz nach 12 Uhr, als Freunde des Totes den inzwischen eingetroffenen Sarg auf die Schulter nehmen und zum islamischen Teil des Friedhofs tragen, zu einem Stein, der gen Mekka gerichtet ist. Dort spricht ein Imam das Totengebet. Viele Landsleute des Toten sprechen das Gebet mit.

Unter den Trauergästen ist auch Kristina Winkler, sie ist die Integrations- und Ausländerbeauftragte der Stadt Dresden, und sie vertritt an diesem Tag die Dresdener Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) bei den Trauerfeierlichkeiten. "Ich bin hier, um die Anteilnahme der Stadt Dresden auszudrücken und um unsere Solidarität und unser Mitgefühl für die Flüchtlinge auszudrücken", sagt sie und beschönigt nichts. Es gebe in ihrer Stadt eine latente Diskriminierung von Ausländern. Menschen würden bespuckt, erzählt sie. Man habe derzeit in Dresden eine sehr polarisierte und gespaltene Bevölkerung. Pegida sei ein Beispiel dafür, wie sich Unzufriedenheit Raum suche und zu Übergriffen auf andere Menschengruppen führe.

Winkler erklärt, dass es seit etwa drei Jahren auch auf dem Dresdener Heidefriedhof die Möglichkeit einer islamischen Beisetzung gebe. "Doch Sachsen hält noch immer an der Sargpflicht fest, deswegen wird der junge Mann jetzt hier in Berlin begraben." Berlin hatte 2010 seine Bestattungsregeln geändert, seitdem dürfen die Toten nach muslimischem Brauch im Leichentuch beerdigt werden.

Die Mutter von Khaled Idris hat das wohl so gewollt. Ein Sprecher der Inititive in Gedenken an Oury Jalloh, die die Beisetzung organisiert hat, erzählt, dass Khaleds gläubige Mutter nach ihrer Flucht mit ihren Kindern aus Eritrea noch immer im Sudan lebe. "Ein Sohn ist bei der Flucht nach Europa bereits ertrunken. Der Tod ihres zweiten Sohnes hat sie sehr geschockt. Es war ihr allergrößter Wunsch, dass Khaled nach muslimischem Brauch beigesetzt wird", sagt er.

Ein Produkt der Ausgrenzungspolitik

Nach dem Totengebet wird der Sarg zur Grabstelle getragen. Sie liegt auf einem neuen, noch kahlen Friedhofsfeld. Am Grab wird der in ein Leichtuch gewickelte Leichnam aus dem Sarg geholt und in die Erde gelassen. Koranverse ertönen. Khaleds Tante hält sich in den hinteren Reihen auf, sie wird von einer Verwandten gestützt. Ein Mann mit Wollmantel und Wollschal tritt zu ihr, gibt ihr die Hand. Hakan Tas ist sicherheitspolitischer Sprecher der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus. "Das hier ist ein trauriger Anlass", sagt er kurz darauf. Khaled sei nach Deutschland gekommen, um an einem besseren Leben teilhaben zu können. Sein Tod sei das Produkt der Ausgrenzungspolitik. Die Flüchtlinge seien in ihren Unterkünften völlig isoliert. "Ich hoffe, dass dieses Ereignis Menschen nachdenklich macht. Vor allem diejenigen, die bei Pegida oder Legida mitmachen", sagt Has.

Die Landsleute von Khaled, die mit ihm in der Wohnung im Dresdener Plattenbaugebiet Leubnitz-Neuostra gelebt haben, wollen noch immer nicht glauben, dass einer von ihnen den 20-Jährigen umgebracht hat. "Wir haben am Freitag noch einmal den Leichnam von Khaled in der Charite obduzieren lassen", sagt der Sprecher der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh. Zudem habe man Akteneinsicht beantragt. Eine Anwältin aus Hamburg werde sich um den Fall kümmern. Bis eine Schuld des Mitbewohners von Khaled gerichtlich festgestellt sei, gelte die Unschuldsvermutung.

Gegen 12.45 Uhr ist die Zeremonie am Grab beendet, der Leichnam beerdigt. Drei Kränze liegen auf dem frischaufgeschütteten Erdhügen und ein paar weiße Tulpen. Einige Landsleute von Khaled Idris sind noch da, einige wischen sich verstohlen ein paar Tränen aus den Augen.