Island: Staatsakt mit Präsidentin und ihrer Frau

Islands Ministerpräsidentin Johanna Sigurdardottir reist am Montag für eine viertägige Staatsvisite nach China. Es ist die letzte Amtshandlung der 70-jährigen Sozialdemokratin, ehe sie zu den Wahlen Ende des Monats zurücktritt, und auf dem Programm steht unter anderem die Unterzeichnung eines Freihandelsabkommens. Das wird in den isländischen Zeitungen dieser Tage ausführlich behandelt.

In der internationalen Presse und den sozialen Medien Chinas weckt der Besuch hingegen aus ganz anderem Grund Aufmerksamkeit. Lapidar vermerkt das Pekinger Regierungsbulletin: „Die Ministerpräsidentin von Island und ihre Frau, Jonina Leosdottir, statten China einen offiziellen Besuch ab.“

Johanna, wie die Isländer sie nur nennen, ist die weltweit erste offen homosexuelle Staats- oder Regierungschefin. In ihrer Heimat ist das längst kein Thema mehr, international hingegen schon. Als sie nach der tiefen Finanzkrise in Island die Zügel übernahm, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen, spielte ihr Privatleben keine Rolle. Ihre Landsleute mochten sie, weil sie ihr soziales Gewissen bewahrt hatte. Für die internationalen Medien war die sexuelle Orientierung eine Sensation.

Familienverhältnisse sind kein Thema

Vier Jahre später ist der Ruhm der „heiligen Johanna“ nach Jahren harter Sanierung und einer Unzahl politischer Niederlagen getrübt. Träte sie wieder an, würde sie die Wahlen verlieren. Ihre Familienverhältnisse sind kein Thema. Jonina, eine 58-jährige Schriftstellerin, mit der sie seit 2002 zusammenlebt, hält sich aus der politisierten Öffentlichkeit heraus und begleitet ihre Frau, wenn es das Protokoll erfordert.

Die Reise nach China ist nicht ihr erster offizieller Auslandsauftritt, aber der spektakulärste. Denn in China ist Homosexualität zwar nicht mehr kriminalisiert, aber hochgradig tabu. Mit großer Aufmerksamkeit beobachten daher Gay-Aktivisten, wie die Pekinger Führung und die offiziellen Medien mit den Staatsgästen umgehen werden, denn Sigurdardottir und Frau werden sowohl von Präsident Xi Jinping wie von Premier Li Keqiang empfangen.

Das ist spannender als das Freihandelsabkommen, obwohl dieses das erste zwischen China und einem westeuropäischen Land ist und angesichts des Ungleichgewichts zwischen 300 000 Isländern und 1,3 Milliarden Chinesen das Interesse Pekings an der arktischen Region unterstreicht. Chinesische Vorkämpfer für Homo-Rechte haben Johanna und Jonina eingeladen, ob es zu einem Treffen kommen wird, steht noch nicht fest.