JERUSALEM - Es war keine große Demonstration, gerade mal tausend Anhänger brachte die ultra-orthodoxe Sekte Eda Haredit am Sonnabend auf den Sabbat-Platz in Jerusalems frommstem Viertel Mea Schearim. Aber ihr Protest gegen angeblich anti-religiöse Hetze der israelischen Mehrheit hätte kaum provokanter ausfallen können. Auf offenem Laster wurden rund zwanzig Kinder, gekleidet in KZ-Uniformen mit angeheftetem gelben Davidstern, herangekarrt.

Einige hatten die Organisatoren gar so ausstaffiert wie den Jungen aus dem Warschauer Ghetto, dessen Bild zum Symbol der Judenverfolgung unter dem Terrorregime der Nazis geworden ist. Mit ängstlichem Blick, die Hände erhoben, mussten die Kleinen auf der Kundgebung posieren. Für die „Gottesfürchtigen“, auf Hebräisch Haredim genannt, Ausdruck dafür, dass sie sich im Jüdischen Staat angefeindet fühlen.

Minister Jossi Peled vom Likud, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde und der selber als Kind den Holocaust überlebte, gestand empört, ihm sei bei dem Anblick „das Blut in den Adern gefroren“. Andere Abgeordnete wie Kadima-Mitglied Marina Solodkin von Shevach riefen nach dem Staatsanwalt. Jeder, der derart die Würde der Shoah-Überlebenden missachte, müsse die Härte des Gesetzes spüren.

Den Nicht-Orthodoxen reicht’s

Nicht zum ersten Mal haben Demonstranten in Israel den Holocaust für politische Zwecke missbraucht. Bei der Zwangsräumung Gazas 2005 zogen radikale Siedler gestreifte KZ-Hemden an, um Assoziationen an das dunkelste Kapitel jüdischen Leidens wachzurufen. Auch israelische Polizisten werden bei Zusammenstößen mit den Ultraorthodoxen immer wieder als Nazis beschimpft. Doch seit den jüngsten Vorfällen wie dem Anspucken eines achtjährigen Mädchens aus Beit Schemesch, dessen Kleidung frommen Eiferern nicht züchtig genug erschien, reicht es vielen säkularen wie auch religiösen Israelis.

Die Proteste am Samstag löste allerdings ein anderer Fall aus. Die Haredim gingen auf die Barrikaden, weil Schmuel Weissfisch, ein junger Mann aus ihrer Mitte, für zwei Jahre ins Gefängnis soll. Er hatte einen Elektronikladen demoliert, der Musikspieler verkaufte – eine Versuchung frommer Seelen aus ultraorthodoxer Sicht. Gegen solche Verfolgung durch die Zionisten müsse man sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen, rechtfertigte Mordechai Hirsch, ein Führer einer der extremsten Haredim-Sekten, die Aktion. Auch seine Neffen, keine zehn Jahre alt, hätten deshalb mitgemacht. Aus Sicht israelischer Kommentatoren ein klarer Fall von Kindesmissbrauch.