Jerusalem - . Die Tränen, der beklemmende Gang entlang der Kerzen für die ermordeten Kinder, eine Kunstausstellung mit einigen Gesichtern aus sechs Millionen Opfern: Es ist natürlich ein Ritual, dass deutsche Staatsgäste in Israel stets die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besuchen, wie es an diesem Sonntag auch Frank-Walter Steinmeier bei seinem Antrittsbesuch als Bundespräsident tut. „Unfassbare Schuld haben wir Deutsche auf uns geladen“, schreibt er ins Gästebuch.

Aber wenn es nun in Deutschland wie in Israel heißt, Steinmeiers Reise sei von dem Eklat überschattet, dass der israelische Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu vor zwei Wochen den deutschen Außenminister Sigmar Gabriel ausgeladen hat, dann hilft ein Blick auf die wahren Schatten – und die Lehren daraus. „In Verantwortung für das, was geschehen ist“, schreibt Steinmeier deshalb auch, „stehen wir fest an der Seite Israels und arbeiten für eine gemeinsame Zukunft.“

Es ist der Grundton aller Äußerungen Steinmeiers bei seinem viertägigen Israel-Besuch sein, den vorher sogar sein eigenes Präsididalamt als Ritt auf der Rasierklinge beschrieben hatte: Bestünde Steinmeier auch als Bundespräsident zu sehr auf der deutschen Haltung, dass Netanjahus aktuelle Siedlungspolitik inakzeptabel sei und dass Israel es Gabriel nicht verbieten kann, regierungskritische Gruppen wie Breaking the silence und B’Tselem zu treffen, könnte das deutsch-israelische Verhältnis weiter Schaden nehmen. Würde sich Steinmeier aber zu sehr um Heilung bemühen, würde das Netanjahus Lager als Einknicken feiern.

In Israel angekommen, versucht Steinmeier die Quadratur des Kreises. Er trifft die Gruppen nicht, nennt nicht einmal ihre Namen in seiner Rede nicht, was viele Linksliberale in Israel enttäuscht haben dürfte und was die Konservativen prompt als Sieg für Netanjahu werten.

Steinmeier trifft David Grossmann

Als Ausgleich trifft Steinmeier jedoch zahlreiche Intellektuelle und Regierungskritiker – zum Frühstück Schriftsteller David Grossmann, dessen Einsatz für die Aussöhnung mit den Arabern mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde; am späten Abend Oppositionsführer Yitzhak Herzog, der Netanjahu nach dem Eklat scharf kritisiert hatte.

Bei mehreren Gelegenheiten stellt er sich auch verbal auf die Seite Gabriels und kritisiert indirekt, aber klar Netanjahu - am deutlichsten bei der zentralen Rede, am Sonntagabend in der Hebräischen Universität.

Die Vorlesung sollte schon in ihren ersten Entwürfen lange vor der Gabriel-Reise die Herausforderungen für die westlichen Demokratien behandeln. Weil Vielstimmigkeit eine Grundlage der Volksherrschaft sei, sagt Steinmeier nun, „verdienen zivilgesellschaftliche Organisationen unseren Respekt als Demokraten auch dann, wenn sie einer Regierung kritisch gegenüber stehen“. Israel und Deutschland müssten „ehrlich und ohne Sprechverbote miteinander zu reden“.

Nach dem Streit darüber, „wer legitime Gesprächspartner sind“, habe man ihm sogar zur Absage der Reise geraten, erzählt er. Wenn er trotzdem gekommen sei, dann „nicht, weil ich die Ausladung des deutschen Außenministers durch Ihren Ministerpräsidenten richtig finde. Sondern weil ich glaube: es entspräche nicht meiner Verantwortung, die Beziehungen unserer beiden Staaten tiefer in eine Sackgasse geraten zu lassen.“

Kein Interesse an Eskalation

Doch auch als Bundespräsident vertritt er aber die deutsche Haltung, wonach die aktuelle Siedlungspolitik völkerrechtswidrig und einen Palästinenserstaat der einzige Ausweg aus der Gewalt sei. Als es in seiner Rede um die aktuelle Polarisierung in den westlichen Gesellschaften geht, lobt er zwar Israels stabile Demokratie trotz Terrorgefahr und Einwanderung – nennt aber auch „die Spuren der Besatzung“ als Grund für Spannungen in der israelischen Gesellschaft. Gleiches gelte für den „Stillstand im Friedensprozess und nicht zuletzt völkerrechtswidrige Siedlungsaktivitäten“.

Es ist klare Kritik am Regierungskurs, und Steinmeier betont auch deshalb die wirtschaftliche Kooperation, den kulturellen Austausch, auch die jungen Israelis, die zum Feiern nach Berlin fliegen, weil diese enge Verbindung angesichts der Geschichte einerseits „ein Wunder“ sei und fragil bleibe – sie es andererseits aber ermögliche, dass man als Freunde offen redet.

Am Sonntag geht der Kniff vorerst auf, denn auch Netanjahu hat kein Interesse daran, den Konflikt weiter zu eskalieren. Er empfängt Steinmeier überaus freundlich zu einem gut einstündigen Gespräch, lobt vorher öffentlich die enge Freundschaft. Zwar platziert er den Seitenhieb, dass dazu auch das „gemeinsame Verständnis“ zähle, dass Israel zur Verteidigung seine Armee brauche, deren „moralische Standards allen überlegen sind“. Genau das bestreitet ja die Gruppe „Breaking the silence“ aus Reservesoldaten, die Menschenrechtsverletzungen der Armee in den Besatzungsgebieten dokumentiert. Doch als Steinmeier sagt, man sollte nun die Stürme der letzten beiden Wochen glätten, entgegnet Netanjahu: „Ich bin sicher, dass wir das können.“ Und streckt ihm mit einem schiefen Lächeln die Hand entgegen.