Im Studium hat sich Jeremy Issacharoff das erste Mal mit Berlin beschäftigt. In seiner Masterarbeit ging es um Abschreckung im Kalten Krieg – und auch um die geteilte Stadt. Seit August 2017 ist der Jurist, der als Diplomat in New York, Washington und Jerusalem gearbeitet hat, Israels Botschafter in Deutschland und lebt nun selbst in der Stadt, die schon lange nicht mehr geteilt ist. Am Montag besuchte er die Redaktion der Berliner Zeitung.

Herr Botschafter, Sie haben in Jerusalem, London, New York und Washington gelebt. Seit einem halben Jahr sind Sie in Berlin. Gibt es etwas, das hier anders ist, gewöhnungsbedürftiger?

Gar nichts, ehrlich gesagt. Von der ersten Minute fühlte sich alles hier sehr leicht und natürlich an. Israel und Deutschland haben eine sehr spezielle Beziehung zueinander, und es ist interessant zu sehen, wie sich aus der Vergangenheit eine neue positive Gegenwart entwickelt hat. Ich bin wirklich enthusiastisch und froh, hier zu arbeiten.

Sie haben eine turbulente Zeit hier erlebt, in der nicht klar war, wie die neue Regierung aussehen wird und auch, ob Angela Merkel wieder Bundeskanzlerin sein wird. Sind Sie froh, dass sie es noch einmal geschafft hat?

Angela Merkel gehört zu Deutschlands bedeutendsten Führungspersönlichkeiten. Sie steht innerhalb des Landes für eine demokratische, tolerante Gesellschaft, und sie hat auch die Beziehungen zu Israel sehr geprägt. Genau vor zehn Jahren hat sie in der Knesset über die besonderen Beziehungen zu Israel und über die historische Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk gesprochen. Diese Rede hat ein sehr besonderes Bündnis zwischen Israel und Deutschland geschaffen und wird ein starkes Erbe hinterlassen.

Viele junge Israelis sind in den letzten Jahren nach Berlin gezogen. Warum?

Ich denke, auch diese jungen Leute spüren diese neue Art der Beziehung zwischen Israel und Deutschland, die eine sehr dynamische Beziehung auf ganz vielen Gebieten ist: in der Forschung, der Autoindustrie, der Softwareindustrie. Ich sehe Start-ups, die hierherkommen und zusammen mit ihren deutschen Kollegen neue Ideen entwickeln, und ich denke, beide Seiten realisieren gerade, dass deutsche und israelische Köpfe zusammen viel mehr zustandebringen als alleine.

Sind diese jungen Israelis gekommen, um zu bleiben?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt ja auch immer die Möglichkeit, im selben Raum zu sein, wenn man nicht im selben Land ist. Technologie ermöglicht alles. So sehr ich mich freue, wenn Israelis hierherkommen, so bevorzuge ich es, dass sie eines Tages zurück nach Israel kommen.

Kommen wir zu den unangenehmen Dingen, mit denen Sie sich beschäftigen mussten, seit Sie in Berlin angekommen sind: der antisemitische Angriff auf den Besitzer eines Schöneberger Restaurants zum Beispiel oder das Verbrennen der israelischen Fahne vor dem Brandenburger Tor. Die Vergangenheit ist noch nicht vorbei, oder?

Ich denke, die Vergangenheit ist kompliziert und es gibt immer noch Dinge, die daran erinnern, aber es gibt hier eben auch ganz andere Reaktionen darauf als in der Vergangenheit. Beim Verbrennen der israelischen Flagge haben Deutschlands führende Politiker ganz klar gesagt, das kann nicht toleriert werden. Und das war wichtig, denn wer eine Fahne verbrennt, tut nicht einfach nur seine Meinung kund, sondern sagt ganz klar, Israel hat kein Recht zu existieren. Das ist nicht zu tolerieren, und schon gar nicht in Berlin. Im Restaurant „Feinberg“ hat sich gezeigt, dass Antisemitismus nicht nur in bestimmten Kreisen verbreitet ist, sondern das er in jedem Teil der Gesellschaft vorkommen kann. Aber auch darauf gab es sehr schnelle Reaktionen. Der Mann, der den Restaurantbesitzer angriff, wurde danach zum Beispiel nicht mehr in seine Stammkneipe gelassen. So erschrocken ich über den Vorfall an sich war, desto ermutigender fand ich die Reaktionen der Deutschen darauf.

In Deutschland wird gerade darüber diskutiert, ob Besuche von Schülern in ehemaligen Konzentrationslagern Pflicht werden sollten. Was halten Sie davon?

Ich denke, es ist wichtig, sich an die Geschichte zu erinnern, um sich darüber klar zu werden, was sich seitdem verändert hat, wie weit wir es gebracht haben. Ich selbst habe seit meinem Amtsantritt hier einige ehemalige KZ besucht und gemerkt, du kommst da nicht als der gleiche Mensch wieder raus. So ein Besuch hat einen sehr dramatischen Effekt, und ich denke, es ist ein Schritt von vielen, die gegangen werden müssen, um Antisemitismus langfristig in der Gesellschaft zu bekämpfen.

Am 14. Mai feiert Israel den 70. Jahrestag seiner Staatsgründung. Am selben Tag lässt Donald Trump die US-Botschaft in Jerusalem eröffnen. Ist das für Sie ein Grund zum Feiern?

Sehen Sie, Jerusalem ist meine Heimatstadt. Meine Familie lebt hier seit mehreren Generationen. Tage, an denen versucht wird, jegliche Beziehung zwischen Jerusalem und den Juden zu leugnen, sind sehr traurige Tage für mich. Tage, an denen die Beziehung gestärkt wird, sind dagegen gute Tage. Ich hatte gehofft, dass sich dieser Gedanke in den letzten 70 Jahren seit Israels Staatsgründung verfestigt hat. Die Knesset, die Gerichte, die Regierung, die Ministerbüros, das Büro des Ministerpräsidenten, alles ist ja schon längst hier. Jerusalem ist, und das ist eine Tatsache, die Hauptstadt Israels. Ich denke, dass es im Nahen Osten wichtig ist, Realitäten anzuerkennen und dass der Umzug der Botschaft ein freudiger Anlass ist. 70 Jahre Israel ist natürlich ohnehin ein sehr guter Grund zum Feiern. Ich hoffe, das wird auch in Berlin zu spüren sein.