Herr Botschafter, in Deutschland häufen sich antisemitische Attacken. Gibt es eine Möglichkeit, die Situation zu verbessern?

Botschafter Jeremy Issacharoff: Jede Attacke auf eine Jüdin oder einen Juden ist für mich erschütternd. Und ich hoffe, dass jede Möglichkeit genutzt wird, solche Taten zu verhindern durch die Justiz. Ob es jetzt um physische oder verbale Gewalttaten geht, ist ganz egal. Manchmal können auch Worte sehr schädlich sein. Alles, was getan werden kann, muss getan werden. Antisemitismus existiert in Europa schon lange. Aber wenn es in Deutschland passiert, dann schockiert mich das besonders. Auch weil die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sich so gut entwickelt haben. Ich finde es so deprimierend, antisemitische Akte zu sehen. Ich denke, das ist etwas aus der Vergangenheit, das in der Gegenwart und in Zukunft nicht passieren darf.

Muss die Zivilgesellschaft mehr tun?

Ja. Ich denke, es gibt eine Möglichkeit, dass jeder involviert ist. Nicht nur die Polizei und Justiz sollte sich engagieren, auch Schulen, Universitäten, Museen, religiöse Institutionen, Kulturinstitutionen. Sie alle sollten über die Notwendigkeit von Toleranz sprechen. Antisemitismus bedroht nicht nur Juden und Israelis. Die wirkliche Gefahr von Antisemitismus richtet sich gegen die deutsche Gesellschaft, Demokratie und Toleranz. Ich denke, keine Demokratie darf Antisemitismus tolerieren. Antisemitismus ist eine große Bedrohung für die Stabilität und Sicherheit dieses Landes.

Sie haben Ihren Job als Botschafter vor vier Jahren begonnen. Hat sich das Bewusstsein für das Problem von Antisemitismus in Deutschland in Ihren Augen in der Zwischenzeit verstärkt?

Es gab einige Vorfälle. Wenn es passiert, wird es in der Presse stark reflektiert. Die Öffentlichkeit reagiert ebenfalls. Wenn vor einem Restaurant ein Mensch einem Juden hier wie vor einigen Jahren sagt: „Ihr werdet in fünf oder zehn Jahren wieder in Gaskammern landen“, da gibt es Reaktionen. Ich denke, dass viele Deutsche, die das verurteilen, sich dafür schämen. Eine Mehrheit der Deutschen würde diese Attacken genauso verurteilen wie ich. Aber es gibt eine extreme Minderheit, die sehr laut ist und eine Resonanz erzeugt, die es in diesem Land nicht geben sollte.

Der Kampf gegen den Antisemitismus muss mit Entschiedenheit geführt werden. Gleichzeitig sehen wir in jüngster Zeit immer wieder, wie der Antisemitismus-Vorwurf von rechten Medien zu politischen Zwecken instrumentalisiert und dabei auch ausgehöhlt wird. Jüngst betraf das Menschen wie Carolin Emcke oder Nemi El-Hassan. Was halten Sie davon?

Ich will keine Einzelbeispiele diskutieren. Ich bin zumindest dagegen, Antisemitismus leichtfertig als Label zu verwenden. Wenn ein Jude wegen seiner Identität verbal oder physisch angegriffen wird, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich um Antisemitismus handelt. Kritik an Israel ist nicht unbedingt antisemitisch. Israel ist ein demokratisches Land, wir haben eine vibrierende Demokratie, Debatte und Kritik sind Teil unseres täglichen politischen Lebens. Die Frage ist: Welches Motiv steckt hinter der Kritik? Will man eine ernsthafte Diskussion und die Situation verbessern? Das ist eine Sache. Etwas anderes ist zu sagen: Ich widerspreche dir, weil du Jude bist. Man muss sehr vorsichtig sein, wenn man das Label Antisemitismus benutzt. Wenn es ausgesprochen werden muss, dann richtig. Aber man sollte das mit Vorsicht tun.

Kontrovers diskutiert wurde zuletzt die sogenannte BDS-Resolution des Bundestages. Zahlreiche Kulturinstitutionen wie das HKW, das Humboldt-Forum und mehrere andere kritisierten die BDS-Resolution dafür, dass sie kritische Stimmen ausgrenze und ebenjene Grenzen zwischen Antisemitismus und legitimer Kritik im deutschen Diskurs verwässere.

Erst einmal muss man sagen: BDS – das ist eine Bewegung, die sagt: Man soll Israel sanktionieren und boykottieren. Kein anderes Land der Welt muss sich mit so einer Kampagne herumschlagen. Warum also Israel? Zweitens: Will man so eine Diskussion so anfangen? Ich saß schon öfter zusammen mit arabischen Diplomaten, mit palästinensischen Kollegen. Wir hatten da generell immer respektvolle Diskussionen. Aber wenn mir jemand sagt: „Ich will, dass dein Land boykottiert und sanktioniert wird!“. Worüber soll man da noch reden? BDS geht es nicht darum, Brücken zu bauen, sondern darum, sie zu zerstören. Ich arbeite in einem Geschäft, das Brücken bauen will.

Sie sagen, die Tatsache, dass Israel herausgehoben wird in einer pauschalen Kritik, wie die BDS-Kampagne das tut, ist faktisch Antisemitismus?

Natürlich kann man Israel kritisieren. Das ist, wie gesagt, nicht unbedingt antisemitisch. Aber ich denke, einen Maßstab an Israel anzulegen, der sich ausschließlich auf Israel bezieht, ist zumindest angelehnt an antisemitische Haltungen.

Sally Rooney hat kürzlich bekannt gegeben, sie wolle ihr neues Buch – solang kein Verlag gefunden ist, der sich mit den Zielen von BDS vereinbaren ließe – vorerst nicht auf Hebräisch publizieren. Ist das für Sie nun ein Beispiel so einer Haltung, die an antisemitische Strategien angelehnt sei?

Eins kann ich sagen: Bücher nicht ins Hebräische übersetzen zu lassen oder andere Boykott-Aktionen, das wird die Menschen nicht zusammenführen. Es trennt sie. Und es rückt mögliche Lösungen in die Ferne.

Was Sie sagen, klingt verständlich. Trotzdem: Viele Menschen hinterfragen, wo die in Deutschland angesetzten Grenzen von Antisemitismus verlaufen. In der Kritik stand zuletzt auch immer wieder die sogenannte IHRA-Definition, welche die BDS-Resolution zur Grundlage nimmt. Zahlreiche Wissenschaftler schlugen mit der sogenannten Jerusalem Declaration (JDA) eine Alternative vor.

Ich denke, die IHRA-Definition funktioniert und ist effektiv. Diese Fragen sollte man nicht philosophischer Spekulation überlassen. Institutionen müssen sich einfach an gewisse Regeln halten. Für mich handelt es sich bei der IHRA-Definition dabei um ein exzellentes Werkzeug, Antisemitismus zu identifizieren und zu bekämpfen.

Kanzlerin Merkel hat kürzlich Israel besucht. Sollte die Bundesregierung eine größere Verantwortung übernehmen, um Kampagnen wie BDS oder andere Initiativen zu kritisieren?

In der Tat habe ich gesagt, dass Antisemitismus eine Gefahr für das deutsche nationale Interesse ist. Wenn man Antisemitismus toleriert, wird er eine Gefahr für die moralische Identität Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir haben es geschafft, unsere Zusammenarbeit mit Deutschland zu stärken. Im Sicherheitsbereich, in der Terrorabwehr, Mobilität, Wissenschaft, in der Kultur. In praktisch jedem dieser Bereiche sehen wir, wie sich die israelisch-deutschen Beziehungen täglich verstärken und das Erbe des Antisemitismus überwinden, der fast ein Drittel der jüdischen Bevölkerung vernichtet und Deutschland fast zerstört hat. Ich denke, Deutschland hat ein sehr klares Gespür für die Rolle, die es zu spielen hat.

Würde sich diese Rolle in Ihren Augen in jedweder Koalition widerspiegeln?

Ich hatte die Gelegenheit, die Führungskräfte der entsprechenden Parteien zu treffen. Ich denke, die Politik, die Bundeskanzlerin Merkel 2008 in der Knesset verlautbart hat, ist tatsächlich Teil der deutschen Staatsraison geworden. Ich glaube, dass auch die anderen Parteien das unterstützen.

Die AfD ist wieder in den Bundestag gekommen, mit einem immerhin noch zweistelligen Ergebnis. Wie bewerten Sie das?

Unsere Politik der AfD gegenüber war über die Jahre hinweg sehr konsistent. Ich kam im August 2017 nach Deutschland, einen Monat bevor die Partei erstmals in den Bundestag gewählt wurde. Wir haben keinen Kontakt zu dieser Partei. Ich finde einige der Äußerungen ihrer Führer und ihre Politik völlig inakzeptabel. Ich denke, jeder Politiker und jede Politikerin sollte dies in ihrem Beitrag zur Verhinderung von Antisemitismus mit berücksichtigen.

Haben Israelis Angst davor, dass die AfD in Deutschland mehr Zustimmung gewinnen oder gar in die Regierung eintreten könnte?

Die von der AfD vertretenen Ansichten lösen bei Juden und Israelis große Besorgnis aus. Ich glaube aber nicht, dass irgendjemand ernsthaft glauben würde, dass die AfD tatsächlich Teil einer Koalition sein wird.

In Israel gibt es seit ein paar Monaten eine Acht-Parteien-Koalition. Können Sie uns ein paar Einblicke geben, wie derart komplexe Koalitionen funktionieren?

Nach vier heiß umkämpften Wahlen in Israel haben wir uns jetzt zu dieser in Israels Geschichte einzigartigen Koalition zusammengefunden, die Menschen der Rechten, der Linken, aus der Mitte und erstmals auch eine arabische Partei umfasst. Letzteres ist meiner Meinung nach unglaublich wichtig, um die arabische Bevölkerung Israels stärker politisch einzubinden. Ich denke, das ist eine einmalige Gelegenheit. Und es spiegelt die Notwendigkeit der israelischen Gesellschaft, einen Mittelweg zu finden: zu reden, zu verstehen, pragmatische Entscheidungen zu treffen. Israelis wollen eine Regierung, die sich ihrer Probleme annehmen kann. Eine der größten Herausforderungen wird die Verabschiedung eines Haushalts sein, die Mitte November ansteht.

Glauben Sie, diese Koalition hat eine Zukunft? Anfangs wurde sie ja als sehr fragil beschrieben.

Ich denke, diese Regierung wird sich als stabiler erweisen, als Leute denken. Jeder hat ein Interesse daran, dass diese Art von Koalition funktioniert. Die Alternative wäre ja, Neuwahlen durchzuführen. Ich denke, für die israelische Gesellschaft ist das wirklich eine Art lehrreicher Moment, und der kann auch für den Rest der Welt wegweisend sein. Man sieht ja weltweit, wie politische Systeme in die Extreme gehen. In Israel sieht man jetzt ein politisches System, das – übrigens ähnlich wie die Koalitionsgespräche in Deutschland – eher zur Mitte tendiert.

Einige der Hindernisse für den Friedensprozess, etwa die Siedlungspolitik, bleiben jedoch weitgehend bestehen. Glauben Sie, dass sich die Bennett-Lapid-Regierung hinsichtlich des Friedensprozesses als entgegenkommender zeigen wird, als die Netanjahu-Regierung das getan hat?

Ich bin kein großer Fan derartiger Vergleiche. Aber ich denke, wenn sich eine Gelegenheit bietet, den Friedensprozess mit den Palästinensern voranzubringen, dann wird das jede Regierung in Israel in Angriff nehmen wollen. Diese Dinge sind nicht nur von Israel abhängig. Wir versuchen in vielerlei Hinsicht, Stabilität zu fördern. Wir versuchen, den Palästinensern bei der Wasserversorgung, der Versorgung mit grundlegenden Gütern, Elektrizität und bei der Bekämpfung der Pandemie zu helfen.  Das palästinensische Lager ist jedoch in sich selbst gespalten und hat noch keine klare Position zum politischen Prozess bezogen.

Das heißt, das Experiment könnte gelingen?

Ich bin da optimistisch. Nach dem Abraham-Abkommen, glaube ich, ist das Potenzial einer israelisch-arabischen Versöhnung gestärkt worden. Das kann zu einer verbesserten Grundlage für eine palästinensisch-israelische Lösung werden. Ich denke übrigens, dass dies auch zu einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen Israel und Deutschland führen kann.

Das Gespräch führten Hanno Hauenstein und Michael Maier.