Berlin - Es geht in die falsche Richtung – zumindest was die Infektionszahlen betrifft. So meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) am Sonntag 7676 neue Fälle innerhalb von 24 Stunden. Das waren 1562 mehr als am Sonntag der Vorwoche. Damit erhöhte sich auch die Sieben-Tage-Inzidenz auf bundesweit 60,2. Am Sonnabend hatte sie bei 57,8 gelegen.

Auch in Berlin steigen die Infektionszahlen wieder, wenn auch nur leicht. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt in der Hauptstadt mit 54,9 unter dem Bundeswert. Die entsprechende Corona-Ampel steht aber dennoch weiter auf Rot.

Trotz steigender Infektionszahlen: Schulen öffnen in zehn Bundesländern

Die Fallzahlen bereiten den Politikern Kopfzerbrechen, weil am Montag in insgesamt zehn Bundesländern die Schulen zumindest zum Teil wieder öffnen sollen. Schon wird davor gewarnt, dass dem Land eine dritte Corona-Welle bevorstehen könnte.

Der SPD-Politiker und Epidemiologe Karl Lauterbach ist sich bereits sicher: „Dritte Welle beginnt jetzt“, twitterte er am Wochenende. Die Öffnung der Schulen werde diese Entwicklung beschleunigen. Er forderte erneut, dass Schnelltests auch für Schülerinnen und Schüler „dringend“ eingesetzt werden müssten. Auch müsse die Impfung der Lehrerinnen und Lehrer vorgezogen werden.

Die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) ist der gleichen Meinung. „Wir werden uns auch im Rahmen der Gesundheitsministerkonferenz für eine kurzfristige Änderung der Impfverordnung einsetzen“, sagte sie der Berliner Zeitung am Sonntag. Kita- und Grundschulbeschäftigte stehen nach der aktuellen Impfverordnung in Gruppe drei und wären damit voraussichtlich erst im Sommer dran. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Regierungschefs der Länder hatten das Gesundheitsministerium bei ihrer jüngsten Beratung aber gebeten zu prüfen, ob diese Beschäftigten vorgezogen werden könnten. Dafür müsste die geltende Impfverordnung geändert werden.

Corona-Impfung für Erzieher: Die Stiko ist gegen eine Bevorzugung

Nach Angaben von Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manne Lucha ist diese Änderung bereits in Arbeit. Eine Grundsatzentscheidung solle an diesem Montag fallen, sagte der Grünen-Politiker. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte ebenfalls angekündigt, man wolle die Beschäftigten an Kitas und Grundschulen zügig in die nächsthöhere Impfgruppe nehmen und früher ein Impfangebot machen.

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, verteidigte am Wochenende dagegen die bisherige Impfpriorisierung, die auf Vorschlag der Stiko vorgenommen wurde. „Es ging dabei nicht um das Risiko der Infektion, sondern um das Risiko für schwere Verläufe“, sagte er. Das größte Risiko für schwere Verläufe sei eindeutig das Alter der Infizierten. Selbst vorerkrankte jüngere Menschen hätten ein geringeres Risiko auf einen schweren Krankheitsverlauf als etwa 75- bis 80-Jährige. Er plädierte dafür, die bisherige Reihenfolge beizubehalten. „Das ist das Grundprinzip und daran ist wenig auszusetzen.“

Die Stiko gebe aber nur Empfehlungen, entscheiden müsse die Politik. Wenn sie gute Gründe habe, eine bestimmte Gruppe vorzuziehen, dann sei das das Recht der Politik. Sie müsse die Änderung der Reihenfolge dann aber auch begründen. In Bezug auf die Erzieherinnen und Erzieher sprach Mertens von einem „plausiblen Argument der Politik“, das aber nicht wirklich durch Daten belegt sei.

Trotz der steigenden Fallzahlen bleibt es in Berlin zunächst dabei, dass Schulen und Kitas wie geplant wieder geöffnet werden. „Berlin geht bei den Lockerungen für die erste bis dritte Klasse behutsam und vorsichtig vor, mit Wechselunterricht in halber Klassengröße und Schutzmaskenpflicht für alle“, sagte Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Sonntag. „In anderen Bundesländern sind die Öffnungen viel weitreichender.“

Dennoch sieht man auch beim Berliner Senat die steigende Zahl von Infektionen mit Beunruhigung. „Mir bereitet die Entwicklung große Sorge“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) der Berliner Zeitung am Sonntag. „Die erneut steigenden Infektionszahlen verdeutlichen, warum wir bei Öffnungsschritten so vorsichtig gewesen sind und weiter sein müssen.“ Die Mutanten schlügen offenbar immer häufiger durch. „Das heißt, wir müssen unsere ganze Kraft auf das Impfen und Testen konzentrieren“, so Müller weiter. „Impfen und Testen sind die Wege aus dieser Pandemie.“

Auch Gesundheitssenatorin Kalayci sieht die Virus-Mutanten auf dem Vormarsch. „Dadurch wird die bisher sinkende Inzidenz abgebremst“, sagte sie am Sonntag. „Ich bleibe dabei und mahne erneut: Große Vorsicht.“