Insgesamt scheint die Welt vor einer Zeitenwende zu stehen. So schlecht ist die Lage und Davos kommt einem gerade recht als perfektes Symbol einer untergegangenen Ära.

Diesmal ist vieles anders gewesen in Davos. Das lag allerdings ganz sicher nicht am Wetter und dem Umstand, dass der exklusive Club aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ausnahmsweise einmal im Frühling zusammenkam und nicht im Winter, wie jetzt oft erzählt wird.

Tatsächlich steht die in Davos versammelte Elite vor dem Scherbenhaufen ihrer so oft fast hymnisch verehrten Globalisierung. Die Ratlosigkeit ist gewaltig. Selbstkritische Töne hörte man in den vergangenen Tagen allerdings kaum. Probleme werden zwar benannt, bleiben aber ohne Folgen. Und die Frage, was man selbst dazu beigetragen hat, wird lieber gar nicht berührt.

Die Schweizer Bergwelt, in der das Weltwirtschaftsforum WEF jedes Jahr stattfindet, ist gute 9000 Kilometer von Shanghais Containerhafen entfernt. Und doch ist das quasi um die Ecke, weil die Wirtschaft weltweit ja vollständig vernetzt ist. Und so werden die ohne Frage beeindruckenden Grafiken, auf denen der Stau von Containerschiffen vor dem Hafen von Shanghai im Lockdown zeitgleich zum Forum überall in den Medien zu sehen ist, zu einem Problem für Davos.

Mittlerweile legt der Rückstau wegen Shanghai weltweit die Containerschifffahrt lahm. Demnächst wird das auch unseren Komfort betreffen. Denn drinnen in den Containern befinden sich ja nicht nur die begehrten Waren des täglichen Bedarfs, sondern auch die Bausteine unserer Welt. Halbleiter zum Beispiel für Mikrochips. Nicht eine Maschine, nicht mal ein Schalter oder eine Diode kommt heute noch ohne sie aus. Ein Viertel aller Halbleiter aus China verlässt das Land allerdings über diesen gerade blockierten Containerhafen. Und der Rest sitzt eben in anderen Häfen im Rückstau fest.

De-Globalisierung anstelle immer engerer Verflechtung

Es ist nur ein Beispiel. Zerbrochene Lieferketten gibt es allerorten. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat die Verletzlichkeit der europäischen Energienetze und der Lebensmittelversorgung vieler Regionen der Welt nach Davos gebracht. Globalisierung ist ein Problem. Das zumindest scheint angekommen. Ständig wird darüber geredet, auch in Davos. Gelöst werden die Probleme in den Schweizer Bergen aber selbstverständlich nicht. Denn De-Globalisierung ist gar nicht so einfach.

In dieser Situation sitzt der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) dann in dem Städtchen in 1500 Meter Höhe zwischen den Vertretern von Energiekonzernen und Energieministern und warnt vor einer globalen Rezession und den Folgen für die Stabilität. Er zählt auf, welche Krisen sich gerade zu einer unguten Gemengelage verbunden haben: die höchste Inflation seit Jahrzehnten, die Energiekrise, die weltweite Lebensmittelknappheit – und das was erst gerade beginnt, die Klimakrise.

Habeck wie auch einige andere stellen die richtigen Fragen. Bei den Antworten sieht es allerdings schlechter aus. An den Weltmärkten will Habeck festhalten. Egoismus, nur noch an sich selbst zu denken, verschärfe nämlich die Krisen mit Folgen für alle, sagt er. Habeck will lieber neue Marktregeln – Verabredungen etwa beim Ölpreis, damit Staaten wie Russland nicht auch noch profitieren von der Lage. Aber wie realistisch ist das?

Bla, Bla, Bla hat Greta Thunberg einst zum Klimagipfel gesagt. Viel Gerede, wenig Wirkung – das gilt genauso für diese Veranstaltung. Vielleicht sogar noch sehr viel mehr. Hatten doch hier die Mächtigen seit jeher ein Problem mit der Außenwirkung, weil man schon Milliardenumsätze haben muss, um dazuzugehören. Weil die Anreise mit dem Privatjet und die Fahrt innerorts mit dicker Limousine zum nächsten Diner fragwürdig ist und Regenten, die es mit den Menschenrechten nicht so hatten, trotzdem immer hofiert wurden.

Diesmal war das Russlandhaus – berühmt und berüchtigt für große Öl- und Gasgeschäfte, die dort getätigt worden seien – aber dicht. Russische Teilnehmer wurden nicht eingeladen. Stattdessen bot ein ukrainischer Oligarch in dem Gebäude eine Ausstellung über russische Kriegsverbrechen. China war auch kaum präsent. Man darf davon ausgehen, dass der Druck diesmal in beiden Fällen einfach zu groß war. Aber wie glaubwürdig ist es, wenn WEF-Gründer Klaus Schwab jetzt eine wertegeleitete Wirtschaftspolitik preist?

Wenn dieses Forum noch einen Sinn haben soll, muss es sich beweisen. Es sollte sich künftig daran messen wollen, welche Lösungen verabredet werden. Nur drüber sprechen, reicht nicht mehr.