Darf Weiß noch beginnen?
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BerlinJohn Adams ist neulich der Kragen geplatzt. Der ehemalige australische Schachfunktionär bekam einen Anruf vom Radiokanal ABC Sidney: Sagensemal, wieso zieht Weiß immer zuerst? Ist Schach rassistisch? Adams, ein konservativer Knochen, verweigerte die Auskunft und explodierte lieber online: „Marxistische Ideologen“ wollten das königliche Spiel schänden. Das gab Schlagzeilen. Selbst Garri Kasparow echauffierte sich.

In einer anderen Zeit hätte ich matt gegrinst und mir weiter die Nasenhaare gestutzt. Wohl wieder so ein Dudelfunktelefonstreich, die Down-under-Version des NDR-Flunkeronkels Leif Tennemann. Inzwischen weiß ich: Wenn es absurd klingt, ist es ernst. So wie beim Heiligen Mauritius, dem legendären römischen Offizier und Märtyrer. Dessen dunkelhäutiges Haupt soll nun zum zweiten Mal aus dem Coburger Wappen getilgt werden. Wirkte der Stadtpatron 1934 nicht arisch genug, so gilt er 2020 als Ausgeburt kolonialistischer Stereotype. Aus ebenfalls angeblich antirassistischen Gründen holten Leute jüngst in San Francisco Ulysses S. Grant vom Sockel – den Unionsgeneral, der bei Gettysburg die Sklavenhalterarmee geschlagen hatte. In Washington steht eine Abraham-Lincoln-Statue auf der Kippe. Sie wurde einst von befreiten Schwarzen finanziert. Nein, nichts ist noch ein Scherz.

ABC Sidney versicherte später, keineswegs halte man Schach für rassistisch – als wäre es nicht schon seltsam genug, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender diesen Mumpitz diskussionswürdig findet. Ein twitternder Vater soll das Ganze inspiriert haben. Er habe seinem Kind Schach beibringen wollen, sei aber gewarnt worden, dabei Diskriminierungsmuster zu verbreiten.

Auf dem Schachbrett stehen sich Streitmächte und nicht Gewebepigmentierungen gegenüber. Rassismus wäre es, dürfte stets der hellhäutigere Spieler beginnen und nicht jener mit den bleicheren Steinen. Ganz sicher geht, wer 32 gleichfarbige Figuren benutzt. So wird aus dem konfrontativen ein kooperatives Spiel, und es gibt – moderner Pädagogik gemäß – am Ende keinen Verlierer. Oder beide Seiten ziehen einfach gleichzeitig. Das verleiht dem sonst so kopflastigen Duell eine erfrischende und zeitgemäße Irrationalität. Der Rubikon aller Korrektheit schiene mir jedenfalls überschritten, würde die Redensart „Weiß beginnt, schwarz gewinnt“ im Regelwerk verankert. Unsicher bin ich noch, ob ein privilegierter alter weißer Mann überhaupt mit Schwarz spielen sollte. Ist das nicht auch eine Form von Blackfacing? Bei den „Simpsons“ darf ja auch kein Weißer mehr eine schwarze Zeichentrickfigur sprechen.

Im antirassistischen Kampf ist es wie mit dem gegen Sexismus: Die Wahl bizarrer Nebenkriegsschauplätze macht vom wichtigen Hauptanliegen einiges kaputt. Ich finde es wenig zielführend, sich für hehre Ziele zum Vollhorst zu machen. Klar, Judoka muss das nicht jucken. Bei denen tragen Champions die schwarzen und Nobodys die weißen Gürtel. Aber mein Lieblingssport Snooker wird sich Fragen stellen lassen müssen. Bei dieser Art Billard bringt es die meisten Bonuspunkte, mit dem hegemonialen weißen Spielball eine schwarze Kugel in finstere Löcher zu stoßen, wieder und wieder. Wer das in einem Durchgang sechzehnmal macht und dazu alle anderen Kugeln of Color versenkt, der hat die Chance auf das ganz große Ding: ein sogenanntes Maximum Break. Irgendjemand wird dieses Fass aufmachen. Lachen Sie nicht. Alles ist möglich.