Berlin - Man kann die Sache zynisch sehen: Wer am Sonntag entnervt mit einem Korb voller Last-Minute-Geschenke an der überfüllten Kasse eines Kaufhauses angestanden hat -  von der einen Seite bedampft mit kopfschmerzfördernden Glühwein-Schwaden, von der anderen beschallt mit süßlichem „Jingle-Bells“-Gedudel -  dem mag durchaus der Gedanke gekommen sein, warum er sich jedes Jahr diesen Stress antut.

Wäre es wirklich so schlimm, wenn die Schulleitung eines türkischen Elite-Gymnasiums mit deutscher Abteilung in Istanbul das Aufhängen von Adventskalendern und das Singen von Weihnachtsliedern verbietet?, könnte sich der aufgeklärte deutsche Bildungsbürger fragen.

Tatsächlich wirkt die Empörungswelle, die seit den ersten, teilweise widersprüchlichen Meldungen über die Vorgänge am Lisesi-Gymnasium durch das Berliner Regierungsviertel rollt, auf den ersten Blick befremdlich. Vom bayerischen CSU-Finanzminister Markus Söder bis zur Linken-Bundestagsabgeordneten Sevim Dagdelen reicht die Protestfront, die wahlweise die Einbestellung des türkischen Botschafters, die Aufkündigung des Flüchtlingsdeals mit der Türkei oder die Einstellung der Lehrer-Finanzierung am Lisesi fordert.

Kleiner Fall im großen Zusammenhang

Natürlich schielt manch einer auf eine billige Schlagzeile in nachrichtenarmer Zeit. Und natürlich ist der Anlass im Vergleich zu der seit Monaten tobenden Säuberung der türkischen Behörden und der massiven Einschränkung der Meinungsfreiheit am Bosporus eher marginal.

Doch manchmal verdeutlichen kleine Ereignisse sehr viel größere Missstände. So kann eine konkrete Situation zum Kristallisationspunkt eines weit verbreiteten, aber eher diffusen Unbehagens werden. Das scheint nun bei dem Istanbuler Gymnasium der Fall zu sein. Es steht unter staatlicher türkischer Leitung, hat jedoch eine deutsche Abteilung mit 35 deutschen Lehrern, die aus hiesigen Steuermitteln bezahlt werden. Diese Zusammenarbeit soll nach dem deutsch-türkischen Kulturabkommen von 1957 ausdrücklich dazu dienen, die Kenntnisse der Kultur des anderen Landes zu verbessern.

Doch das wird offenbar zunehmend schwieriger. Schon im Juni durfte der deutsche Generalkonsul vor den Schülern keine Rede halten. Nun wurde dem Schulchor verboten, an der Weihnachtsfeier des Generalkonsulats teilzunehmen. Die Leitung der deutschen Abteilung berichtet von einer Weisung der türkischen Schulleitung, die Beschäftigung mit christlichen Weihnachtsbräuchen ganz aus dem Unterricht zu verbannen. Das wird von türkischer Seite zwar bestritten.

Erdogan wendet sich zunehmend ab

Der nachgeschobene Vorwurf, das Thema sei allerdings „auf eine Weise behandelt (worden), die nicht im Lehrplan vorgesehen ist“, eröffnet aber breiten Interpretationsspielraum. Lehrer bestätigen zudem, dass Adventsfeiern und Adventskalender verboten worden seien.

So vergleichsweise klein der Vorgang sein mag, so deutlich macht er, wie sich das Regime von Präsident Recep Tayyip Erdogan zunehmend von Europa abwendet. Welchen Sinn hat ein Kulturabkommen, in dem über wesentliche, längst säkularisierte Alltagsbräuche nicht gesprochen werden darf?

Man mag von Weihnachten halten, was man will. Aber Erdogan geht es nicht um Konsumkritik. Er baut die Türkei Schritt für Schritt zu einer islamisch-konservativen Autokratie um. Dass sich die Bundesregierung mit dem Flüchtlingsdeal von diesem Herrscher abhängig gemacht hat, wirkt immer problematischer. Wenn Ankara nun vorschreiben will, was von Deutschland bezahlte Lehrer im Unterricht sagen dürfen und was nicht, wird das überdeutlich.

Sicher: In dieser Situation helfen emotional aufgeheizte Reaktionen gar nichts. Aber Kanzlerin Angela Merkel wird zu dem Istanbuler Weihnachts-Streit nicht schweigen können. Das Thema hat das Zeug zum gesellschaftlichen Aufreger. Wenn in der Bevölkerung der Eindruck entsteht, Deutschland sei aus taktischen Gründen bereit, notfalls auch seine Kultur und seine Werte zu verstecken oder gar zu verleugnen, steht mehr als ein paar Weihnachtslieder auf dem Spiel: Dann schlägt die Stunde der rechten Populisten.