Die ältere Dame in einer römischen Straßenbahn gehört zur Haupt-Risikogruppe. 
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RomDer Chef des italienischen Zivilschutzes, Angelo Borrelli, hat in der Coronakrise eine unangenehme Aufgabe. Allabendlich muss er vor die Fernsehkameras treten, um die aktuellen Zahlen für Italien, das am schlimmsten getroffene Land Europas zu verkünden. Am Mittwochabend hatte er eine besonders traurige Mitteilung: 475 Italiener waren innerhalb von nur 24 Stunden an den Folgen von Covid-19 gestorben. Selbst China, wo die Pandemie ihren Anfang nahm, kennt keine so hohe Steigerung der Opferzahlen in so kurzer Zeit.

Insgesamt haben sich in Italien bisher knapp 36.000 Menschen mit dem Virus infiziert, fast 3000 von ihnen sind daran gestorben. Das Epizentrum, aus dem zwei Drittel der Opfer stammen, liegt in der norditalienischen Region Lombardei, rund um die Städte Brescia und Bergamo.

Premierminister verlängert Ausgangssperre

Premier Giuseppe Conte hat die Italiener am Donnerstag in einem Interview mit dem Corriere della Sera darauf eingestimmt, dass die landesweite Ausgangssperre über den 3. April hinaus verlängert werde. Auch Schulen und Geschäfte müssten länger geschlossen bleiben als geplant. „Wir haben den Zusammenbruch des Systems verhindert, die restriktiven Maßnahmen wirken“, sagte Conte. Das Tempo der Neuansteckungen habe sich verringert. Er hofft darauf, dass in einigen Tagen der Höhepunkt der Epidemie erreicht sein wird und Neuinfektionen sinkt. Aber er betonte: „Auch dann können wir nicht sofort zum vorherigen Leben zurückkehren.“

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Beunruhigend ist jedoch die mit mehr als acht Prozent weltweit höchste Sterberate in Italien. In China liegt sie nach Angaben der Johns Hopkins-Universität bei 3,8 Prozent, in Deutschland bisher unter 0,5 Prozent. Wieso sterben südlich der Alpen so viel mehr Menschen an Covid-19? Über die Frage rätseln auch Wissenschaftler. Bisher gibt es keine klare Antwort.

Gemeinhin wird darauf verwiesen, dass Italiens Bevölkerung im Schnitt die älteste Europas ist. In keinem europäischen Land werden so wenige Kinder geboren. Zugleich ist die Lebenserwartung eine der höchsten weltweit. Über 80-Jährige haben das höchste Risiko, am Virus zu erkranken und zu sterben. Die Zahlen aus Italien belegen das. Das oberste Gesundheitsinstitut ISS hat bisher die Krankenakten von 2000 Corona-Toten ausgewertet.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: John Hopkins University

Demnach sind sie im Schnitt 80 Jahre alt, 70 Prozent von ihnen sind Männer. Nur fünf der an Covid-19-Verstorbenen waren jünger als 40: Männer zwischen 31 und 39 Jahren, die an chronischen Vorerkrankungen litten – Herz-Kreislauf, Nieren, Diabetes. Auch die älteren Corona-Opfer hatten fast alle Vorerkrankungen. Nur 0,8 Prozent waren ganz gesund.

Hinzu kommt, dass die Kliniken Norditaliens vor dem Kollaps stehen. Da kaum noch Intensivbetten und Beatmungsgeräte frei sind, müssen die Ärzte neue Patienten nach Heilungschancen einteilen. Wer Vorerkrankungen hat und sehr alt ist, wird bei der so genannten Triage am ehesten aussortiert. Zumal am Donnerstag der zuständige Regionalkommissar sagte, dass mittlerweile auch immer mehr jüngere Patienten zwischen 40 und 50 kämen, die Beatmung brauchen.

Hängt die Todeszahl mit Feinstaub-Werten zusammen?

Wissenschaftler geben jedoch zu bedenken, dass die weltweiten Corona-Daten nur sehr bedingt aussagekräftig sind. So fallen die Sterberaten unterschiedlich aus, je nachdem, wie viele Menschen im jeweiligen Land auf das Virus getestet werden. Je größer die Zahl der Tests und der dabei festgestellten Ansteckungen, desto niedriger scheint der Anteil der Todesopfer zu sein. Südkorea etwa testet ausgiebig, auch Menschen, die keine Symptome zeigen. Die Sterberate ist dort mit 0,7 Prozent entsprechend gering. Italien dagegen hat vermutlich eine hohe Dunkelziffer von Infektionen. Inzwischen wird kaum noch getestet. In der Lombardei werden selbst Leute mit klaren Symptomen ohne Test nach Hause geschickt.

Dass ausgerechnet die Lombardei so stark betroffen ist, könnte noch andere Gründe haben, vermutet eine Forschergruppe der italienischen Gesellschaft für Umweltmedizin. Die Po-Ebene hat eine der höchsten Feinstaubbelastungen Europas, und die Forscher haben eine Korrelation zwischen Tagen mit erhöhten Feinstaub-Werten und einer stärkeren Verbreitung des Virus entdeckt. Auch die Sterblichkeit durch Covid-19 könnte höher sein, wenn Lunge und Bronchien   chronisch gereizt sind.