Es war eine schlechte Nachricht für Europa. Einen Tag, bevor die wichtigsten Repräsentanten der Union den Friedensnobelpreis entgegennahmen, verkündete just an dem Ort, an dem einst mit den Römischen Verträgen der Grundstein für ein vereinigtes Europa gelegt wurde, der Mann seinen vorzeitigen Rücktritt, der als Garant galt, dass Italien nicht zum nächsten Krisenfall wird.

Mario Monti, vor gerade mal einem Jahr von Staatspräsident Giorgio Napolitano als Retter in der Not auserkoren, erklärte, er werde sein Amt niederlegen, nachdem ihm Silvio Berlusconis Partei Volk der Freiheit die Unterstützung entzogen hatte. Er hat damit wahr gemacht, womit er vom ersten Tag an gedroht hatte, dass er der Expertenregierung nämlich jederzeit „den Stecker herausziehen“ könne.

Nüchtern betrachtet, endet die ohnehin ablaufende Legislaturperiode nun eben ein paar Wochen früher. Es spricht für Monti, dass er sich nicht von Silvio Berlusconi vor sich her treiben lassen mochte, dass er das Land nicht wieder in den Zustand einer Regierung ohne Mehrheit manövrieren wollte. Wochen und Monate einer politischen Lähmung hat Monti Italien damit erspart. Gleichwohl schrillen andernorts in Europa die Alarmglocken. Schließlich will ausgerechnet Silvio Berlusconi, der Antipolitiker, der Italien fast zwei Jahrzehnte lang regiert und am Ende bis an den Rand des Staatsversagens getrieben hatte, noch einmal antreten.

Man könnte es für einen sehr schlechten Witz halten, dass einer der größten Scharlatane der europäischen Nachkriegsgeschichte nun zum fünften Mal sein Land „retten“ möchte. Man könnte Silvio Berlusconis erneute Kandidatur abtun als die eines abgehalfterten Verführers. Und man kann erwarten, dass ihn die Wähler abstrafen werden. Seine Partei steht kurz vor dem Zerfall und liegt in Meinungsumfragen nur noch bei um die 15 Prozent der Stimmen. Doch Wahlkämpfe finden in Zeiten der größten Krise der Europäischen Union nicht mehr nur auf innenpolitischem Terrain statt, das weiß auch Berlusconi. Es ist ein Hohn, dass sein gescheiterter Kronprinz Alfano ausgerechnet jetzt von „Verantwortung“ spricht.

Monti seinerseits verfügt über genug europäische Erfahrung, um um die Konsequenzen seiner Ankündigung gewusst zu haben. Nicht zufällig wählte er einen Zeitpunkt, zu dem die Börsen geschlossen waren. Die Reaktionen ließen dennoch nicht lange auf sich warten. Am Montag spielten die Börsen prompt wieder verrückt, während die Renditen für italienische Staatsanleihen in die Höhe kletterten. Schon zuvor hatten europäische Politiker sich hochgradig alarmiert über die neue Lage in Italien geäußert, das Land geradezu beschworen, dass es den Weg der Reformen weiter gehen müsse.

Regierungskrisen in Rom sind nichts Neues. Doch heute können sie schnell zu gesamteuropäischen werden. Das zeigte sich im Sommer und Herbst 2011. Italien ist noch immer der drittstärkste Wirtschaftsraum der Eurozone und eine der großen europäischen Exportnationen. Gleichzeitig hat es jedoch einen gewaltigen Nachholbedarf an institutionellen, ökonomischen wie politischen Reformen. Und es ist vom Berlusconismo verheert. Italien braucht vor allem eines: Zeit.

Schriller Alarmismus seitens der europäischen Partner schadet Italien nur. Die Gefahr ist groß, dass sich die bekannten Muster wiederholen. Blasen die Märkte wieder zur Hatz, droht tatsächlich erneut eine europäische „Ansteckung“. Das spielt am Ende Berlusconi in die Hände. Wie er den Wahlkampf zu führen gedenkt, hat er bereits wissen lassen, mit scharfen antieuropäischen und auch antideutschen Rattenfängereien. Millionen von Italienern bekommen die Krise schmerzhaft zu spüren, Montis Popularität hat empfindlich gelitten. Das wird für Berlusconi nicht reichen, ihm aber doch Stimmen bescheren. Es schlägt die Stunde der Populisten, ob sie nun Beppe Grillo oder Silvio Berlusconi heißen. Dass er es war, der die Krise maßgeblich mit verursacht hat, darüber hat in Italien kaum eine ernsthafte Diskussion stattgefunden. Auch seine Gegner im gemäßigt linkten Lager vertändelten die Zeit, lieferten sich die bekannten Diadochenkämpfe, ehe nun endlich ein Spitzenkandidat gekürt wurde.

Der Demokrat Pier Luigi Bersani ist ein integrer Politiker, ein mitreißender Kämpfer aber ist er nicht, und er steht erst Recht nicht für den Wandel, den das Land so nötig hätte. Gewinnt er die Wahlen – und dafür sprechen derzeit die Umfragen und auch das geltende Wahlrecht – , steht er vor der schweren Aufgabe, der eigenen, in klassenkämpferischen Ritualen erstarrten Klientel schmerzhafte Reformen abzuverlangen. Er könnte sich von Gerhard Schröder Nachhilfe geben lassen.