Rom - Die italienischen Nachrichtensender unterbrachen am Freitag die Live-Übertragung der konstituierenden Sitzungen des neuen Parlaments und zeigten stattdessen in voller Länge, wie Papst Franziskus jedem einzelnen seiner mehr als 200 Kardinäle die Hände schüttelte. Es spiegelte gut die Stimmung in Italien: Die Erleichterung, dass wenigstens ein neuer Papst gewählt ist und die Ungewissheit im Vatikan ein Ende hat – wohingegen die Ratlosigkeit über die politische Lage mit jedem Tag wächst. Eine Auflösung des Patts zwischen den Parteien und eine regierungsfähige Mehrheit scheinen immer unwahrscheinlicher.

Die Überraschungswahlsieger von Beppe Grillos Bewegung Fünf Sterne beanspruchen mit ihren 25 Prozent Wählerstimmen die Regierungsbildung und verweigern jede Zusammenarbeit. Die Demokraten unter Pier Luigi Bersani wiederum werben vergebens um die Fünf Sterne als Partner und wollen in keinem Fall eine große Koalition mit dem Berlusconi-Lager eingehen. Angesichts der Totalblockade werden baldige Neuwahlen immer wahrscheinlicher.

Keine Einigung

In den ersten Versammlungen der beiden Parlamentskammern hätten die Abgeordneten eigentlich die Vorsitzenden von Abgeordnetenhaus und Senat bestimmen müssen. Doch schon vorher schrieben die Zeitungen in Anlehnung an die Papstwahl: „Schwarzer Rauch im Parlament“. Es war klar, dass man sich nicht auf die Verteilung der Posten würde einigen können.

Die Fünf Sterne stimmten am Freitag wie angekündigt für ihre eigenen Kandidaten, die Mitte-Links-Abgeordneten gaben leere Stimmzettel ab, ebenso Berlusconis Partei Volk der Freiheit (PdL), die Lega Nord und das Zentrumsbündnis von Mario Monti. Im Senat, wo es keine Mehrheit gibt, findet der letzte Wahlgang wohl erst am Samstag statt. Im Abgeordnetenhaus hat Bersanis Lager zwar die Mehrheit und könnte den Kammerpräsidenten stellen. Aber er will sich den Weg für weitere Verhandlungen mit den Fünf Sternen offen halten.

Bersani, Chef der Demokratischen Partei (PD), hat Grillos Protestbewegung ein Acht-Punkte-Programm vorgeschlagen. Eine Minderheitsregierung seines Mitte-Links-Bündnisses würde sich auf diese Ziele konzentrieren – etwa die Korruption bekämpfen, die Kosten der Politik senken, Arbeitsplätze schaffen. Er hofft, dass sich genügend Fünf-Sterne-Abgeordnete finden, die ihn unterstützen, und er so im Senat die fehlenden 37 Stimmen bekommt. Auch linke Intellektuelle und Künstler haben einen Appell veröffentlicht, in dem sie eine Zusammenarbeit einfordern.

Grillo bleibt hart

Doch Grillo beharrt strikt auf seiner Linie. Eine Zusammenarbeit mit den Parteien? Niemals. Alle seien sie marode, korrupt und schuld am Ruin Italiens. Erst drohte Grillo, bei einer Annäherung werde er die Bewegung verlassen. Dann lautete die Ansage: Jeder Abweichler wird davongejagt. Auf seinem Blog schreibt Grillo: „Wir hören nicht auf die Sirenen des PD. Wir sind im Krieg, und wenn wir sterben, dann nur auf dem Schlachtfeld der nächsten Wahlen.“

Staatspräsident Giorgio Napolitano hat die schwere Aufgabe, nach Sondierungsgesprächen zu entscheiden, wem er die Regierungsbildung überträgt – und ob überhaupt. Inzwischen reden alle von Neuwahlen. Die Fünf Sterne sind überzeugt, dass sie daraus als klarer Sieger hervorgehen. Bei den Linken hoffen viele, dass ihre zu Grillo abgewanderten Wähler geläutert zurückkehren. Und selbst Berlusconi will die Italiener schon im Juni wieder wählen lassen. Offenbar glaubt er, dass seine Mitte-Rechts-Allianz der lachende Dritte sein wird.