„Ich war ein Marine“: Ira Hayes, Harold Schultz, Franklin Sousley, Harlon Block (v. l. im Vordergrund), dahinter verdeckt (v.l.): Mike Strank und Harold Keller.
Joe Rosenthal/AP

BerlinJoe Rosenthal war zu spät. Eine Stunde hatte er gebraucht, um sich mit seiner Kamera den Suribachi hochzukämpfen, den höchsten Punkt der japanischen Pazifikinsel Iwojima. Doch als er den Gipfel erreichte, war „die Action vorbei“, wie ihm zwei entgegenkommende Marines mitteilten: Der Berg war erobert, die amerikanische Flagge gehisst, der Moment verpasst.

Rosenthal, der für die Agentur Associated Press unterwegs war, dachte daran, die Soldaten auf dem Suribachi für ein Gruppenfoto unter den Stars and Stripes zu versammeln und dann wieder umzukehren, als er am anderen Ende des Plateaus sechs Männer mit einem herumliegenden Abflussrohr hantieren sah. Er zückte instinktiv seine Kamera, hielt drauf – und nur Sekunden später wehte eine zweite, größere Flagge im Wind.

Kaum einer auf dem Berg nahm Notiz von der Aktion, auch Rosenthal glaubte nicht, Bedeutendes festgehalten zu haben. Die sechs Männer, so viel wurde   klar,   hatten die Weisung, die nach Ansicht der Befehlshaber zu kleine Flagge durch eine größere zu ersetzen, zumal auf einem Punkt, von dem aus „jeder Hurensohn auf dieser Drecksinsel sie sehen kann“, wie der kommandierende Sergeant verkündete.

Schnappschuss auf Seite eins

Doch es war ein Routineakt, ein Nicht-Ereignis, weshalb Rosenthal keinen der sechs Männer nach seinem Namen fragte. Er machte noch sein Gruppenfoto, danach zerstreuten sich die Soldaten wieder. Sie hatten Besseres zu tun, vor allem: zu überleben. Die Hälfte der Männer, die an jenem Tag auf dem Suribachi waren, würde nicht lebend wieder von der Insel kommen, darunter der Sergeant, ein Mann mit Namen Mike Strank, wie sich später herausstellte, und zwei weitere der Flaggenhisser, der texanische Footballstar Harlon Block und Franklin Sousley, ein Teenager aus Kentucky.

Sie bekamen nie mit, dass sie fotografiert wurden – geschweige denn, dass Rosenthals Schnappschuss wenige Tage später auf Seite eins jeder amerikanischen Zeitung und bald darauf auch auf Briefmarken und Postern und in Zuckerguss nachgegossen auf Torten und Eisbechern zu bewundern war.   Rosenthal gewann dafür den Pulitzer-Preis. Heute ist „Raising the Flag on Iwo Jima“ die meistreproduzierte Fotografie aller Zeiten, eine amerikanische Ikone, Symbol nicht nur der Tapferkeit und Opferbereitschaft seiner Soldaten, sondern auch der Einheit der Nation unter einer Flagge.

Rosenthal hatte den nur den Bruchteil einer Sekunde währenden Moment erwischt, in dem der nach links geneigte Mast die nach rechts strebende Gruppe in einem fast perfekten gleichschenkligen Dreieck einfängt. Selbst die vom Wind aufgeplusterte Fahne gehorcht der Symmetrie und bildet an der äußersten Spitze mit dem Helm des am Schaft kauernden Soldaten eine parallele Linie zum Mast. Die von hinten drängenden Kameraden wiederum bewegen sich in perfekter Synchronizität, die Arme scheinbar theatralisch hochgerissen, als   wollten sie nicht ablassen vom geheiligten Stoff, den ihnen die zentrale Figur entreißt und energisch in den Boden rammt. Der AP-Redakteur in Guam, wo Rosenthals Film zur Entwicklung landete, sagte später, die Gruppe habe ihn an eine antike Statue erinnert: „Das ist ein Bild für alle Ewigkeiten.“

7000 gefallene Amerikaner

Aber wer ist darauf zu sehen? Präsident Roosevelt war der Erste, der diese Frage stellte. Er befahl, „die Helden von Iwojima“ heimzuholen, um die Leute mit deren Hilfe zum Kauf von Kriegsanleihen zu motivieren: Die amerikanische Kriegskasse war leer, und die Opferzahlen hatten die Grenzen des der Nation Zumutbaren lange überschritten. Allein in der Schlacht von Iwojima, die nach der Flaggenhissung noch drei Wochen lang tobte, fielen 7 000 Söhne amerikanischer Mütter.

Das Problem war: Sergeant Strank war gefallen, und von seinen Männern war nur Ira Hayes noch am Leben, ein Pima-Indianer, der jede Beteiligung an der Aktion von sich wies. Zu seinem Unglück verriet ihn die indianische Decke, die er als Glücksbringer am Gürtel hängen hatte. Aber wer waren die beiden anderen? Kein Soldat konnte sich erinnern, keiner erkannte sich auf dem Foto wieder. Auch James Bradley nicht, ein Navy-Sanitäter, ebenso wenig wie René Gagnon, ein junger Franko-Kanadier, der sich auf Iwojima als Bote durch die Linien kämpfte.

Beide jedoch waren an jenem Tag auf dem Suribachi, und beide gestanden, dort irgendwann einen Flaggenmast im Griff gehabt zu haben (Bradley war beim Hissen der ersten Flagge dabei, Gagnon war dabei, als diese wieder eingeholt wurde). Das musste genügen. So kamen Hayes zu recht, Bradley und Gagnon aber eher notgedrungen in die Geschichtsbücher. Auf einer Werbetour durch die USA spülten sie 26 Milliarden Dollar in die Kriegskasse, sie standen Modell für das Marine Corps War Memorial in Arlington, in dem 1949 gedrehten Kinofilm „Sands of Iwo Jima“ mit John Wayne spielten sie sich selbst, jedes Kind in den USA kennt ihre Namen.

Der Horror des auf Iwojima Erlebten

Ob sie die Wahrheit wussten? Wir können sie nicht mehr fragen. Hayes und Gagnon kamen als psychische Wracks zurück. Überfordert vom Missverhältnis zwischen ihrem Ruhm als Flagraisers und dem Horror des auf Iwojima Erlebten starben sie jung, an Alkohol und gebrochenen Herzen. Bradley immerhin erreichte seine 60er, redete jedoch nie wieder ein Wort über Iwojima, außer in seinen nächtlichen Albträumen, aus denen er irgendwann nicht mehr erwachte.

Erst jetzt, 75 Jahre nach Ende der Schlacht, hat sich das U.S. Marine Corps offiziell korrigiert. Und an die Stelle von Bradley und Gagnon treten zwei unbesungene Krieger mit Namen Harold Schultz und Harold Keller in die Geschichte. Beide hatten nach dem Krieg zurück in ein glückliches und bescheidenes Leben gefunden. Das Schicksal von Hayes, Gagnon und auch Bradley wird sie darin bestätigt haben, ihr Geheimnis mit niemandem außer ihrer Familie geteilt zu haben. Zumindest die Stieftochter von Harold Schultz bekannte, dass sie Bescheid wusste. „Mein Gott, du warst ein Held“, sei es ihr entfahren, als er sie eingeweiht habe. „Ich war kein Held, ich war ein Marine“, habe er entgegnet.