Moskau - „Hat jemand eine Frage zu den Lastwagenfahrern?“ - Wladimir Putin gibt auf seiner Jahrespressekonferenz gern selber vor, wonach er gefragt werden möchte. Dabei sind 1400 Journalisten an diesem Donnerstag im Moskauer Kongresszentrum versammelt. Die meisten brennen darauf, dem russischen Präsidenten ihre Fragen zu stellen. Sie rufen laut, winken mit selbstbemalten Plakaten, um Kremlsprecher Dmitri Peskow auf sich aufmerksam zu machen.

Zum elften Mal findet kurz vor Jahresende dieses Ritual statt: Putins mehrstündige One-Man-Show vor der Presse. Dem Präsidenten liegt dieses Format besser als die steife Rede an die Nation. Er kann mit Schlagfertigkeit und Wissen glänzen, selbst wenn es einmal kritische Fragen geben sollte. Für russische Journalisten aus dem Riesenreich zwischen Kaliningrad und Wladiwostok ist das Treffen mit dem Präsidenten eine Art Klassenausflug. „Wladimir Wladimirowitsch, als Frau muss ich ihnen sagen, wie gut und sportlich sie aussehen!“, flötet eine Journalistin den 63 Jahre alten Kremlchef an. Immerhin hat das Protokoll dieses Jahr die bis dahin übliche Übergabe von Plüschtieren an Putin unterbunden. 2015 war für Russland von Kriegen geprägt – erst in der Ukraine, seit dem Herbst auch in Syrien, und mit der Türkei ist Moskau seit ein paar Wochen verkracht.
Die überraschendste Äußerung macht Putin zur Ostukraine. Anderthalb Jahre lang hat Moskau dementiert, die dortigen Separatisten militärisch zu unterstützen. Nun folgt ein halbes Eingeständnis: „Wir haben nicht gesagt, dass in der Ukraine keine Leute sind, die sich mit der Lösung bestimmter Aufgaben im militärischen Bereich beschäftigen.“ Es seien aber keine regulären russischen Truppen dort, versichert Putin. Nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 hatte er den Einsatz seiner Soldaten ähnlich scheibchenweise zugegeben.

Talentierter Donald Trump

Über die türkische Führung hat Putin nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets weiter nichts Gutes zu sagen. Sie wolle offenbar den Amerikanern „in den Hintern kriechen“. Freundlich geht der Kremlchef mit Donald Trump um, nennt ihn talentiert und den führenden Bewerber für die US-Präsidentenwahl. Bei den vielen Verdiensten von Ex-FIFA-Chef Joseph Blatter kommt Putin auf die Idee, dass man ihm den Friedensnobelpreis verleihen könnte.

Nach der Rede an die Nation Anfang Dezember hatten russische Medien dem Präsidenten genau vorgehalten, was gefehlt habe. Also bestellt Putin die Frage nach den Lastwagenfahrern, die seit einem Monat gegen eine neue Straßenmaut protestieren. In der Sache bleibt er hart und versucht doch eine Annäherung: „Ich bin selber aus einer Arbeiterfamilie.“ Er streift auch Korruptionsvorwürfe gegen seinen Generalstaatsanwalt Juri Tschaika. Hat der Pskower Gouverneur Andrei Turtschak den Journalisten Oleg Kaschin halbtot prügeln lassen? Die Kontrollkommission des Kremls befasse sich damit, antwortet Putin. Er greift sogar Presseberichte auf, wonach seine jüngere Tochter Katerina Leiterin eines finanzstarken Austauschprogramms an der Moskauer Universität sei. Bestätigen will er das nicht, aber es ist auch kein hartes Dementi. Seine zwei Töchter hätten in Russland studiert, nie im Ausland gelebt, sprächen mehrere Sprachen, sagt Putin. „Sie machen die ersten Schritte in ihrer Karriere.“ Am Ende, nach 3:06 Stunden nimmt er seine Uhr und beendet den Auftritt. (ssc, dpa)