Berlin - Es ist ein dramatischer Rekord, der weltweit ebenso große Betroffenheit auslöst wie Hilflosigkeit: Noch nie waren weltweit so viele Menschen auf der Flucht wie heute.

Über 65 Millionen Menschen – mehr als die Bevölkerung Westdeutschlands vor der Wiedervereinigung – leben derzeit als Flüchtlinge oder Vertriebene. Das geht aus dem Jahresbericht für 2015 hervor, den das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) an diesem Montag veröffentlicht hat. Das sind erneut fast sechs Millionen Menschen mehr als im Vorjahr.
Statistisch ist damit jeder 113. Mensch auf der Flucht. Die allermeisten davon suchen allerdings kein Asyl im Ausland, sondern sind als Binnenflüchtlinge aus der Heimat geflohen: Fast 41 Millionen sind innerhalb der Grenzen ihres eigenen Landes auf der Flucht.

Zwar reagierten Politiker, Verbände und Kirchen in aller Welt betroffen auf diese Meldung – die Reaktionen auf die anhaltende Flüchtlingskrise in den friedlichen Ländern besorgen die Vereinten Nationen: Trotz allen Leids nähmen aber in einigen Regionen spaltende politische Rhetorik, Fremdenfeindlichkeit und Abschottung zu, beklagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, appellierte an die Hilfsbereitschaft der Regierungen. Es liege im kollektiven Interesse der Menschheit, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Die Politik müsse die Entstehung neuer Konflikte verhindern und die anhaltenden beenden. Keine Lösung seien dagegen Grenzen und Mauern: „Das verlagert vielleicht die Probleme“, sagte er der ARD, „aber sie werden wiederkommen.“
Tatsächlich erklärt das UNHCR den Anstieg der Vertriebenenzahl mit den vielen bewaffneten Konflikten wie in Syrien und Afghanistan.

Meisten Binnenflüchtlinge in Kolumbien

So ist Syrien ist das mit Abstand bedeutendste Herkunftsland für Flüchtlinge, die ins Ausland gingen: 4,9 Millionen Frauen, Männer und Kinder flohen 2015 über die Landesgrenzen. Danach folgen Afghanistan mit 2,7 Millionen Flüchtlingen und Somalia mit 1,1 Millionen Menschen. Insgesamt macht die Gruppe derer, die Antrag auf Asyl in einem der reichen Länder gestellt hat, aber nur rund drei Millionen der 65 Millionen Geflohenen aus.

Die Liste der Länder mit den meisten Binnenflüchtlingen führt dagegen Kolumbien an. Innerhalb des südamerikanischen Staates waren 2015 gut 6,9 Millionen Menschen vertrieben. In Syrien waren es 6,6 Millionen und im Irak 4,4 Millionen Menschen.
Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), betonte, dass nicht Europa, sondern Länder wie die Türkei und der Libanon, den meisten Flüchtlingen Schutz bieten. Laut UNHCR ist die Türkei das Land, das mit 2,5 Millionen derzeit die meisten Flüchtlinge beherbergt. Der Libanon nahm im Vergleich zu seiner Bevölkerung die meisten auf: Auf 1000 Einwohner kamen 183 Flüchtlinge.