Seit im Oktober Berichte über den Filmproduzenten und mutmaßlichen Vergewaltiger Harvey Weinstein, 65, erschienen sind, ist weltweit eine Debatte über das Miteinander von Männern und Frauen in Gang gekommen. Im Internet traf sich die Bewegung unter dem Hashtag #MeToo. Auch in Deutschland sind viele Texte erschienen, Betroffene erzählten ihre Geschichten, als Reaktion gab es Verständnis, aber auch Abwehr und Spott.

Die CDU-Politkerin Kristina Schröder sagte in einem Interview, dass sie sich lieber ein paar anzügliche Sprüche über ihr Äußeres anhöre, als von Männern gar nicht beachtet zu werden. Ein Kollege im Magazin Der Spiegel klagte, dass Männer, die keine Frau belästigt haben, zu wenig Wertschätzung erfahren. Es gibt viele Gelegenheiten, etwas falsch zu verstehen. Hier die drei großen Missverständnisse der #MeToo-Debatte.

Erstes Missverständnis: Es geht um Sex

Ein Problem bei der Debatte liegt in der Sprache. Unter Sexismus versteht man die unbewusste oder bewusste Diskriminierung auf der Basis des Geschlechts. Dazu zählt auch sexuelle Belästigung. Vom Wort Sexismus allerdings ist es nur ein Schritt zum Sex und damit zu anderen Assoziationen – Moral, Liebe, Scham. Sexismus, das klingt nach Geschlechtsverkehr, bei dem etwas schiefgelaufen ist. Es schwingt mit, dass die Frau „es“ doch eigentlich wollte. Es klingt nach starkem Mann, schwacher Frau, nach alten Rollenmustern.

Mit dem Wort Sexismus wird die Gewalt verniedlicht, die Herabsetzung, so dass viele nicht verstehen, worum es bei dieser Debatte geht. Dabei ist alles längst dokumentiert: Laut einer Studie des Bundesfrauenministeriums von 2004 haben mindestens 40 Prozent der Frauen ab 16 einmal in ihrem Leben körperliche Gewalt oder sexuelle Übergriffe erlebt. Wer das nicht glaubt, muss nur im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis herumfragen. Eine Hand plötzlich auf dem Knie. Ein ungewollter Kuss. Passiert dauernd. Haben die meisten Frauen so verinnerlicht, dass das normal ist. Schämen sich dafür. Machen sich Gedanken darüber, ob sie selbst schuld sind.

Statt von Macht und Machtmissbrauch zu reden, wird von einem „Sex-Skandal“ gesprochen. Das klingt nach Rotlicht und Gruppensex. Irgendwie geil. Man kann das in der Berichterstattung der vergangenen Monate nachverfolgen. Immer wieder ist von einem „Sex-Skandal“ die Rede. Harvey Weinstein wird als „Sex-Täter“ beschrieben. Weinstein selbst bezeichnete sich als „sexsüchtig“, als wäre sein Verhalten nicht kriminell, sondern eine Krankheit.

Die Schauspielerin Emma Thompson hat in einem BBC-Interview klar das System aus Belästigung, Schikane und Missbrauch beschrieben. Der Name Weinstein steht für das System, aber er hat es nicht erfunden – und es hört nicht mit ihm auf. „Wir müssen über eine Krise der Männlichkeit reden“, fordert Emma Thompson.

Zweites Missverständnis: Sexismus ist eine Altersfrage

Wer geglaubt hat, dass Sexismus ein Problem der Trumps und Weinsteins ist, das bald ausstirbt, wie Telefonzellen und Schreibmaschinen, sollte die Enthüllungen der New York Times über die Redaktion des Magazins Vice lesen. Vice gilt eines der erfolgreichsten Magazine mit Ausgaben in aller Welt, es ist jung, innovativ, witzig, politisch korrekt. Gerade von der Vice-Redaktion hätte man erwartet, dass sie weiter wäre als die traditionelleren Redaktionen, in denen Männer gern mal von „Maus“ oder „Spatzi“ sprechen, wenn sie eine Frau meinen. Doch auch bei Vice ging es wie im Boys Club zu: Männer machten in Besprechungen anzügliche Witze über Sex, begrapschten Kolleginnen auf Partys, forderten Sex als Gegenleistung für beruflichen Aufstieg. Wer nicht mitmachte, war bald raus. „Frauen wurden eindeutig als minderwertig behandelt“, sagt die ehemalige Vice-Mitarbeiterin Sandra Miller der Times.

Das bestätigt nur, was man auch aus Start-up-Unternehmen oder den Jugendorganisationen der Parteien hört. Vor einiger Zeit saß eine Runde FDP-Frauen zusammen, es war noch vor #MeToo, aber sie hatten alle schlimme Geschichten, die von dummen herablassenden Sprüchen bis zur Diskriminierung reichten. Die meisten Geschichten zu erzählen hatte die jüngste von ihnen, die 20 Jahre alte Katharina, die sich in der Jugendorganisation engagierte. Als sie es im Wahlkampf nicht geschafft hatte, alle Plakate zu kleben, ätzte einer: „Na, hast du deine Tage?“ Sie lächelte es weg, braves Mädchen. Jungs sind halt so.

Drittes Missverständnis: Jetzt ist aber mal gut

Eine Freundin schrieb kürzlich, sie spüre bei #MeToo einen gewissen Überdruss. Das Thema nerve sie, vieles werde übertrieben. Das ist verständlich. Natürlich gibt es Übertreibungen, wie bei den meisten öffentlichen Debatten. #MeToo verwirrt, weil unter dem Hashtag so viele Aspekte zusammengeworfen werden. Alle sind sich einig bei der Bewertung von strafbaren Handlungen wie Vergewaltigung, aber was ist mit Einschüchterungen, Demütigungen, Benachteiligungen, die sich Frauen im Berufsleben und auch sonst gefallen lassen müssen?

Die Schweden denken über die Einführung eines Gesetzes nach, das vor sexuellen Handlungen die Einwilligung beider Seiten explizit vorsieht. In Frankreich soll Opfern von Belästigungen online und offline schneller geholfen werden. In Deutschland trifft die Debatte auf mehr Widerstand als anderswo. Und das, obwohl das Land von einer Frau angeführt wird. Einer Frau allerdings, die möglichst geschlechtsneutral auftritt und misstrauisch gegenüber Feminismus ist.

Was muss sich ändern, damit Frauen es nicht mehr als normal empfinden, angetatscht oder belästigt zu werden? Was muss sich ändern, damit Männer künftig anders reden? Welche Verantwortung haben Eltern heute? Wie können Mütter und Väter ihre Aufgaben gerechter aufteilen, so dass nicht immer die Frau die unbezahlte Arbeit macht? Wie können Mütter und Väter ihre Söhne so erziehen, damit aus ihnen keine Weinsteins werden?

Das sind Fragen, die alle angehen, nicht nur Frauen. Es sind Fragen, an denen sich entscheidet, ob unsere Gesellschaft die Fähigkeit hat, sich zu modernisieren und demokratischer zu werden. Die Debatte hat gerade erst begonnen.