Jamal Khashoggi: Mutmaßlicher Foltermord setzt deutsche Konzerne wegen Investorenkongress in Riad unter Druck

München - Was sich derzeit auf dem Twitter-Account von Siemens-Chef Joe Kaeser abspielt, kann man neudeutsch einen Shitstorm nennen. „Mördern die Hand zu reichen ist schäbig“, kommentiert dort eine Nutzerin namens Alice. Andere fordern einen Boykott von Siemens-Produkten. Auch Siemens-Mitarbeiter sind unter den Kritikern. Denn kommenden Dienstag soll in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad der Kongress Future Investment Initiative (FII) beginnen. Mit von der Partie sind nach Stand der Dinge Kaeser aber auch Deutsche Bank-Chef Christian Sewing und der Boss der Münchner Beratungsfirma Roland Berger, Charles-Edouard Bouee. Nach dem mutmaßlichen Foltermord am saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi geht das nicht mehr, findet nicht nur die Twitter-Gemeinde.

Ihre Teilnahme am Investorenkongress abgesagt haben bereits Wirtschaftsführer von Weltrang. Die Reihe geht von Uber-Chef Dara Khosrowshahi über JP Morgan-Boss Jamie Dimon oder IWF-Chefin Christine Lagarde bis zu Spitzenbankern der Institute Credit Suisse und HSBC. Kaeser, Sewing und Bouee dagegen behalten sich weiter vor, an der Veranstaltung teilzunehmen, die in Anspielung an das Schweizer Original auch als „Davos in der Wüste“ beworben wird.

Bei dem Kongress geht es um viel Geld

Bei FII geht es um viel Geld. Die Vision 2030 des saudi-arabischen Königshauses für die technologisch-wirtschaftliche Zukunft des Ölstaats soll dort mit visionären Projekten unterfüttert werden. Milliardengeschäfte winken in einem Ausmaß, das durch das letztjährige Exportvolumens der deutschen Wirtschaft in Richtung Saudi-Arabien von 6,6 Milliarden Euro unzureichend widergespiegelt wird. Roland Berger könnte beraten, die Deutsche Bank finanzieren und Siemens liefern.

Noch sei die Teilnahme der Firmenchefs nicht final entschieden, heißt es unisono aus den drei Unternehmenszentralen. Man ist sich bewusst, dass die Sache zum Politikum geworden ist und dass speziell Kaesers Äußerung dazu wohl nicht die glücklichste war. „Wenn wir die Kommunikation mit Ländern vermeiden, in denen Menschen vermisst werden, kann ich einfach zu Hause bleiben, weil ich mit niemandem mehr reden kann“, hat der Manager, der auch schon Russlands Staatspräsident Wladimir Putin während der Krimkrise die Hand gereicht hat, soeben zur Affäre Khashoggi gesagt.

Manager bemüht eine „deutsche Position“ zu finden

Nun ist das Verschwinden in einem Konsulat wie im Fall des Regimekritikers dem von Saudi-Arabien in Istanbul aber auch im Kreis menschenverachtender Regierungen nicht an der Tagesordnung. Das gilt vor allem, wenn das Ganze unter dem Verdacht steht, von Mord, Folter und Zersägen des Opfers begleitet zu sein. Deshalb rumort es nun hinter den Kulissen. Siemens, Deutsche Bank und Roland Berger seien bemüht eine „deutsche Position“ im Fall Khashoggi und des Investorenkongresses in Riad zu finden, heißt es aus dem Kreis des Trios.

Mehrere Optionen liegen demnach auf dem Tisch. Neben hinfahren und wegbleiben ist das eine Art Kompromiss. Der lautet einen niederrangigen Manager als Ersatz für die jeweiligen Firmenbosse schicken. Noch sei nichts entschieden, auch nicht ob man am Ende gemeinsam marschiert, heißt es. Möglich sei auch, dass der Kongress noch abgesagt wird, weil sich abseits von Siemens & Co immer mehr Teilnehmer verabschieden. Das wäre aus firmendiplomatischer Sicht die angenehmste Lösung.

Siemens muss zwischen Geschäft und Reputation abwägen

Das potentielle Engagement der deutschen Firmen in Riad ist unterschiedlich. Während Sewing nur als allgemeiner Teilnehmer vorgesehen ist, soll Bouee dort aktiv werden und auf einem Podium sprechen. Roland Berger ist auch offizieller FII-Partner. Siemens hat den Rang eines strategischen FII-Partners. Das sind sonst nur noch sechs andere Konzerne. Mit HSBC, Credit Suisse und Mastercard haben die anderen westlichen Unternehmen ihre Teilnahme schon abgesagt. Siemens hat sich in diesem Kreis isoliert. Zudem sind Kaeser und auch der Chef der Siemens-Medizintechnik Bernd Montag laut Kongress-Programm als Redner vorgesehen.

Vor allem Siemens muss abwägen zwischen Geschäft und Reputation. Etwas mehr als eine Milliarde Euro haben die Münchner 2017 in Saudi-Arabien umgesetzt und bei einem erfolgreichen Kongressverlauf winkt noch mehr. Andere haben sich von solchen Überlegungen nicht beeindrucken lassen. So bleibt Uber fern, obwohl ein saudi-arabischer Staatsfonds Milliarden in den US-Fahrtenvermittler investiert hat. Eine eigene Entscheidung stehe bevor, heißt es vom deutschen Konzerntrio. Ins Wochenende nehmen wolle das Problem niemand. (RND)