Istanbul - Der saudiarabische Journalist Jamal Khashoggi soll laut einem türkischen Medienbericht im Istanbuler Konsulat seines Landes erst gefoltert und dann enthauptet worden sein. Die türkische Zeitung „Yeni Safak“ berichtete am Mittwoch unter Berufung auf eine angebliche Audioaufnahme von dem Geschehen, saudiarabische Agenten hätten dem regierungskritischen Journalisten während eines Verhörs die Finger abgeschnitten und ihn später enthauptet.

Demnach ist auf der Aufnahme zu hören, wie der saudiarabische Konsul Mohammed al-Otabi sagt: „Macht das draußen, ihr werdet mir Probleme bereiten.“ Daraufhin habe ihm ein Mann erwidert: „Wenn du leben willst, wenn du nach Saudi-Arabien zurückkehrst, sei still.“ Al-Otaibi verließ am Dienstag Istanbul in Richtung Riad.

Es sind Szenen wie aus einem Horrorfilm, die sich im Konsulat abgespielt haben sollen. Laut dem Online-Portal "Middle East Eye" dauerte es sieben Minuten bis Khashoggi starb. Das Medium beruft sich dabei auf eine türkische Quelle. Entsetzliche Schreie sollen zu hören gewesen sein, der Journalist sei in einem Nebenraum zerstückelt worden, als er noch am Leben war. Erst mit einer Injektion ist der Gefolterte zum Schweigen gebracht worden, so die Quelle. Der anwesende saudische Forensiker Al-Tubaigy soll bei seiner grausamen Arbeit einen Kopfhörer aufgesetzt und zu seinen Gehilfen gesagt habe: "Wenn ich diesen Job erledige, höre ich Musik. Sie sollten das auch machen."

Das regierungsnahe Blatt „Yeni Safak“ erklärte nicht, woher die Audioaufnahme stammte oder wie sie daran gekommen ist. Die „Washington Post“, für die Khashoggi seit seiner Flucht in die USA vergangenes Jahr als Kolumnist arbeitete, hatte bereits über Audio- und Videoaufnahmen berichtet, die belegten, dass Khashoggi im Konsulat gefoltert und getötet worden sei.

Noch kein Beweis für den Tod des Journalisten

Die türkischen Medien veröffentlichen seit dem Verschwinden Khashoggis am 2. Oktober regelmäßig Details aus den Polizeiermittlungen, haben aber bisher noch keinen Beweis für den Tod des Journalisten dargelegt. Khashoggi war am 2. Oktober ins Konsulat seines Landes in Istanbul gegangen, um ein Dokument für seine Heirat mit der Türkin Hatice Cengiz abzuholen.

Laut Cengiz kam er jedoch nicht wieder heraus. Es besteht daher der Verdacht, dass er von einem Killerkommando aus Saudi-Arabien ermordet wurde. Die Führung in Riad bestreitet dies, hat bis heute aber nicht bewiesen, dass der Regierungskritiker das Konsulatsgebäude lebend wieder verließ.

Die Bundesregierung hat Saudi-Arabien und die Türkei aufgefordert, möglichst bald offizielle Informationen zum Fall vorzulegen. Seit dem 2. Oktober, dem Tag an dem der saudische Journalist das Konsulat seines Heimatlandes in Istanbul aufgesucht hatte, sei nichts passiert, „was irgendwie die Sorge, dass dieser grauenhafte Verdacht sich bewahrheiten könnte, wegnimmt“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin.

Demokraten schreiben offenen Brief an Präsident Donald Trump

In der USA setzt der Fall auch Präsident Donald Trump weiter unter Druck. In einem offenen Brief forderten demokratische Senatoren am Mittwoch eine Offenlegung von Trumps Finanzbeziehungen zu Saudi-Arabien und warnten vor möglichen „Interessenskonflikten“ des Präsidenten. Die demokratischen Senatoren forderten, Trump und seine Söhne, die inzwischen sein Firmenimperium führen, müssten „Dokumente zu Finanztransfers vom Königreich Saudi-Arabien an die Trump Organization aus den vergangenen zehn Jahren“ offenlegen.

Die Senatoren wollen außerdem Informationen über Verhandlungen über mögliche Geschäfte zwischen Saudi-Arabien und der Trump Organization sowie Informationen über mögliche Geschenke saudiarabischer Staatsbürger an den Präsidenten.

Trump hatte am Dienstag auf dem Kurzbotschaftendienst Twitter geschrieben, er habe „keine finanziellen Interessen in Saudi-Arabien“. Die Leitung der Geschäfte seiner Firmengruppe hatte er nach seinem Amtsantritt Anfang 2017 an seine Söhne Donald Jr und Eric übergeben, seine Anteile aber behalten. Im Wahlkampf hatte Trump mit seinen guten Geschäftsbeziehungen nach Saudi-Arabien geprahlt. Saudi-Araber würden ihm für „40 Millionen Dollar, 50 Millionen Dollar“ Wohnungen abkaufen.

Trump fordert für Riad eine Unschuldsvermutung

Seit dem Verschwinden des saudiarabischen Regierungskritikers Khashoggi hat Trump widersprüchliche Botschaften ausgesandt. So drohte er Riad zwar mit einer „schweren Strafe“, sollte sich herausstellen, dass Saudi-Arabien in den Fall verwickelt ist. Zugleich hob er wiederholt die Partnerschaft mit Saudi-Arabien und die Bedeutung milliardenschwerer US-Rüstungsexporte in das Königreich hervor. Für Riad forderte er die Unschuldsvermutung.

Derweil veröffentlichte die „Washington Post“ den mutmaßlich letzten Artikel Khashoggis. In dem vor Wochen geschriebenen Meinungsbeitrag hebt Khashoggi, der immer wieder Texte in der US-Zeitung veröffentlicht hatte, die Bedeutung einer freien Presse für die arabische Welt hervor.

„Die arabische Welt sieht sich ihrer eigenen Version eines Eisernen Vorhangs gegenüber, der aber nicht von äußeren Akteuren auferlegt wurde, sondern von inneren Kräften, die nach Macht streben“, heißt es in dem Kommentar. „Die arabische Welt braucht eine moderne Version der alten transnationalen Medien, damit ihre Bürger über weltweite Ereignisse informiert sein können.“ (dpa/afp/red)