Berlin - Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan lässt gegen das Satire-Gedicht von Jan Böhmermann allen Ernstes Folgendes vorbringen: „Man hat unter dem Deckmäntelchen der Kunstfreiheit versucht, die Menschenwürde des Klägers zu verletzen.“ So hat es Erdogans Anwalt beim Prozess vor dem Hamburger Landgericht formuliert.

Dass ein Mann, der seine Gegner gnadenlos verfolgt, der sie um ihre Jobs bringt und ins Gefängnis werfen lässt, der Opposition und Presse unterdrückt, an anderer Stelle so viel Wert auf Menschenwürde legt, ist eine erstaunliche Sache. Man kann auch sagen: Unter dem Deckmäntelchen der Anwaltsrobe hat hier ein Jurist auf die Tränendrüse gedrückt.

Das Gedicht war erkennbar Satire

Das Landgericht ist dieser Einschätzung gleichwohl gefolgt, es hat Teile des Gedichts verboten, weil die ehrverletzend seien. Man muss den derben Humor von Böhmermann nicht teilen, man kann es auch uninspiriert bis geschmacklos finden, wie er die gesamte Knoblauch-Bauernvolk-Vorurteilsliste gegen Erdogan ins Feld führt. Aber erkennbar war das Gedicht eine Satire. Die muss erlaubt bleiben und zwar auch in ihrer derben Variante. Und gerade jemand, der sonst nicht zimperlich ist und selbst gerne austeilt, muss das ertragen können.

Das Gericht hat nun das Gedicht zerlegt, in zitierbare und verbotene Passagen. Böhmermann darf das Gedicht also nur noch als eine Art Lückentext vortragen. Das ist schon wieder eine Satire für sich. Genauso wie die Weinerlichkeit Erdogans.

Vielleicht ist das die wahre Lehre aus dem Böhmermann-Prozess: Unter dem Deckmäntelchen des Autokraten verbirgt sich ein großer türkischer Komiker. Man müsste Erdogan dann folglich erklären, dass Verhaftungen und existenzielle Bedrohung von Menschen nicht von der Kunstfreiheit gedeckt sind, und auch nicht von irgendwelchen anderen Mäntelchen.