Das Einlenken des japanischen Premiers, wirkt wie eine späte Rückkehr zur Vernunft.
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TokioNach wochenlangem Beharren auf einem alten Plan zeigt sich Japans Premierminister nun doch beweglich. Am Montag sagte Shinzo Abe, dass in den kommenden Wochen über eine Verlegung der Olympischen Spiele beraten werden müsse. Am Tag zuvor hatte bereits das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einer Krisensitzung über eine Verlegung diskutiert. Dann konnte auch Abe am bisherigen Vorhaben, die Spiele am 24. Juli starten zu lassen, nicht festhalten.

Der nationalistische Regierungschef trifft diese Entscheidung nur schweren Herzens. Seit Jahren ist eine intensive PR-Kampagne gefahren worden. Und mit „Tokyo 2020“ ist ja nicht nur ein großes Sportfest verbunden. Es geht auch um Infrastrukturinvestitionen, Wirtschaftswachstum, ein Aufblühen des Tourismus und einen sozialen Internationalisierungsschub. Der Welt gegenüber will sich Japan als moderne und zugleich traditionsbewusste Nation präsentieren.

Zweifel an der Durchführbarkeit

Für Shinzo Abe fungierten die Spiele von Tokio bis jetzt auch als Symbol seiner Stärke als Regent. Diverse Kontroversen und Skandale, von Vetternwirtschaft bis zu illegitimer Verwendung von Steuergeldern, konnte er über die letzten Jahre auch deshalb erstaunlich gut abschütteln, weil er die Aufmerksamkeit auf den nationalen Fluchtpunkt Olympia lenken konnte. Das größte Sportevent der Welt gilt schließlich als gemeinsames Projekt von ganz Japan, für das alle an einem Strang ziehen.

Dabei zogen zuletzt immer mehr Menschen in eine andere Richtung. Nicht nur international, sondern auch in Japan hat sich Zweifel an der Durchführbarkeit der Olympischen Spiele breitgemacht.

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Rückkehr zur Vernunft

Das starre Festhalten an den Olympiaplänen passt schon lange nicht mehr zur sonstigen Realität im Land. Seit Wochen sind die Schulen geschlossen, Menschen müssen im Homeoffice arbeiten und sollen Menschenansammlungen meiden. Diverse Sportveranstaltungen sind abgesagt. Auf Drängen von Shinzo Abe hat das Parlament auch schon ein Gesetz verabschiedet, das die Ausrufung des Ausnahmezustands ermöglicht. Schließlich kämpft auch Japan mit offiziell gut 1800 Covid-19-Infektionsfällen, wobei die Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte.

So wirkt das Einlenken des japanischen Premiers, der alte Veranstaltungsplan für die Spiele sei doch nicht in Stein gemeißelt, nicht nur wie eine späte Rückkehr zur Vernunft, sondern auch eine verspätete Synchronisierung mit seiner eigenen Politik.