Sind seit kurzem Eltern eines Sohnes: Shinjiro Koizumi will seiner Frau Christel Takigawa bei der Kinderbetreuung helfen.
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TokioDie Notiz aus den japanischen Nachrichtenagenturen hätte auch als Scherz durchgehen können: „Shinjiro Koizumi wird in Vaterschaftsurlaub gehen.“ Ein Emporkömmling der konservativen Regierungspartei und Sohn eines ehemaligen Premierministers will seinem Job fernbleiben, damit er sich um die Familie kümmern kann? Dann sagte der 38-jährige Politiker auch noch: „Die Zahl Offizieller, die in Elternzeit gehen, wird nicht steigen, solange die Regierung nicht bloß Regulierungen des Arbeitsmarkts ändert, sondern auch die Arbeitsatmosphäre.“ Daher gehe er, Japans Umweltminister, nun mit gutem Beispiel voran.

Japans Geburtenrate ist niedrig 

Ein Top-Politiker geht in Elternzeit. In den meisten Ländern der Welt wäre dies der Rede wert. In Japan, wo Staat und Gesellschaft das Kinderkriegen bisher kaum unterstützen, ist es eine Sensation. Zwar werde Shinjiro Koizumi seine „öffentlichen Pflichten und Krisenmanagement priorisieren“ und „wichtige öffentliche Aktivitäten“ wie Kabinettsversammlungen nicht auslassen, wie er nun doch noch betonte. Einiges werde er zudem vom Homeoffice und durch Telearbeit erledigen. Dennoch: In seinem Land könnte Koizumi für einen Ruck sorgen.

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Frauen sind in Japan in der Regel zwar ähnlich gut ausgebildet wie Männer. Weil auf dem Arbeitsmarkt eine Schwangerschaft aber bisher wie ein Karriere-Aus wirkt, schrecken viele Frauen vor dem Kinderkriegen zurück. Auch deshalb ist Japans Geburtenrate noch etwas niedriger als die in Deutschland. Die Bevölkerung schrumpft seit Jahren, was auf dem Arbeitsmarkt mittlerweile zu erheblichen Engpässen führt.

Um eine familienfreundlichere Arbeitswelt zu schaffen, hat sich Japans Regierung über die letzten Jahre in Reformen versucht, doch die Auswirkungen bleiben spärlich. Obwohl angestellte Väter gesetzlichen Anspruch auf Elternzeit hätten, machen nur sechs Prozent davon Gebrauch. Von dieser Minderheit wiederum verlässt ein Drittel seinen Arbeitsplatz für nicht einmal fünf Tage.

Die Arbeitgeber blockieren

Gender Gap: Seit langem plagt Japan noch mehr als andere Industriestaaten eine ungleiche Behandlung der Geschlechter. Bei internationalen Vergleichen in diesem Bereich landet das Land notorisch auf hinteren Rängen.
Platz 121: Der Gender Gap Report des World Economic Forum, der den Zugang zu Lebensbereichen wie Politik, Arbeitsmarkt und Bildung für Männer und Frauen analysiert, stuft Japan von 153 Ländern auf Platz 121 ein.
Der Wille ist da: Umfragen zeigen immer wieder, dass knapp acht von zehn japanischen Vätern gern Elternzeit nehmen würden. Meist sei es der Arbeitgeber, der diesen Plan am Ende doch zunichtemache.

Die Familienpolitik modernisieren?

Als Chef des Umweltministeriums kann Koizumi selbst entscheiden. Es ist nicht das erste Mal, dass der 38-jährige, der mit der bekannten TV-Moderatorin Christel Takigawa verheiratet ist, mit forschen Entschlüssen auffällt. So ließ er – entgegen der Meinung des atomenergiefreundlichen Premierministers Shinzo Abe – verlautbaren, er würde am liebsten alle Atomreaktoren im Land abreißen. Angesichts der Katastrophe von Fukushima ließ diese bei der Bevölkerung populäre Meinung aufhorchen. Nun will der drittjüngste Minister in Japans Nachkriegsgeschichte die Familienpolitik modernisieren.

Dabei ist Koizumi streng genommen nicht sonderlich fortschrittlich. Angesichts der schon seit Jahrzehnten niedrigen Geburtenrate und der noch immer langsam voranschreitenden Aufweichung traditioneller Geschlechterrollen sprach die Regierung, der er selbst angehört, letzten Monat eine Empfehlung an alle männlichen Beamten aus: Diese mögen doch zumindest für einen Monat in Elternzeit gehen. Koizumi aber will nur zwei Wochen lang mit seinem Sohn daheimbleiben, also nur knapp die Hälfte der von ihm mitempfohlenen Zeit. Statt ihn für seinen Mut zu loben, könnte er in Japan also auch kritisiert werden.

Stillen als Karrierekiller

Aber der Entschluss sorgt für positive Überraschung, weil in der Riege etablierter Politiker oft ganz andere Töne an der Tagesordnung sind. Besonders Koizumis Liberaldemokratische Partei (LDP) fällt immer wieder mit rückwärtsgewandten Haltungen auf.

2017 wurde im LDP-dominierten Stadtrat von Kumamoto im Südwesten des Landes eine Abgeordnete der Kammer verwiesen, weil sie in der Plenarsitzung ihr sieben Monate altes Kind gestillt hatte. Ein Jahr später warf man dieselbe Politikerin erneut raus, weil sie einen Hustenbonbon lutschte, während sie sprach. Kritiker witterten eine Kampagne, um diese Frau und weitere, die Elternschaft und Politik vereinbaren wollen, einfach rauszuekeln.

Etablierte Sichtweisen, die Koizumi nun herausfordert. Immerhin: Eine Umfrage zeigt, dass die Mehrheit der Japaner hinter Koizumis Elternzeit-Entscheidung steht.