Greta und ich Kolumne.

MUTTER: Schau mal hier, ein schreckliches Bild aus Moria. Die Menschen liegen an den Straßen auf dem Randstreifen zum Schlafen.

TOCHTER: Furchtbar. Ich weiß aber nicht, ob es alle so wahrnehmen. Neulich habe ich in der Zeitung gelesen, dass das Mitleid verbraucht ist, dass es keinen Aufschrei geben wird und keine Forderung, alle aufzunehmen, dass Corona alles überlagert hat.

Ja, diese enorme Hilfsbereitschaft wie 2015 wird sich nicht wieder einstellen.

Aber nicht nur bei Älteren. Bei jungen Leuten aus meiner Generation gibt es genauso ein Desinteresse. Und das bleibt dann vielleicht so, wenn wir in der Position sind, Dinge zu bewegen.

Im Moment seid ihr doch sehr empathisch und engagiert.

Ja, aber nur wenn es ums Klima geht. Da reagiert die Jugend schnell und auch lautstark, aber bei anderen Themen gar nicht. Ich glaube deshalb nicht, dass sich irgendwas ändern wird, wenn wir erwachsen sind. Ich schätze meine Generation sogar eher so ein, dass sich ein großer Teil gar nicht mehr interessieren wird. Das ist natürlich total schade.

Es ist auch eine sehr pessimistische Sicht. Steckt dahinter Gefühlskälte, lässt die Leute alles kalt?

Gefühlskälte ist es nicht. Es ist einfach Faulheit. Mal aufzustehen, eine Demo zu starten, irgendeine Aktion zu machen, wird immer schwieriger.

Wie kommst du darauf?

Wenn ich an die 68er-Jugend denke zum Beispiel. Die war hochpolitisch. In meiner Generation gehen beim Klima noch einige mit, aber das war’s auch.

Na, da legst du die Messlatte aber sehr hoch. Bei dem Vergleich ist schon meine 80er-Jahre-Generation schlecht weggekommen. Die Verhältnisse sind einfach anders. Das Gefühl der 68er war doch, allumfassend von alten reaktionären Säcken regiert zu werden. Das umfasste die ganze Gesellschaft und reichte ins gesamte Leben der Menschen rein. Junge Leute haben sich nicht nur über Vietnam aufgeregt, sondern über das gesamte Leben, das ihnen vorgelebt wurde.

Aber das ist doch heute nicht anders. Als junger Mensch muss man tun, was ältere sagen. Auch wenn es nicht das Wahre ist.

Aber ihr schwelgt im Luxus. Materiell auf jeden Fall. Und es kann auch jeder machen, was er will. Niemand sagt, du musst ordentlich am Tisch sitzen, höflich zur Tante sein, du darfst als Mädchen keine Hosen tragen, du musst Kinder kriegen, dein Gehalt beim Ehemann abgeben oder als Junge das Geschäft des Vaters übernehmen, eine Familie ernähren, Disziplin bei der Armee lernen. Diese Erwartungen sind weg. Und auch der Staat ist anders, die Polizei ist eine Kuschelpolizei geworden.

Ja, da ist der Punkt. Kein Thema, das jetzt in den Medien ist, hat direkte Auswirkungen auf mein Leben. Und wenn es einen nicht betrifft, macht man erst mal nichts. Die wenigsten reagieren auf ein Problem auf der anderen Seite der Welt. Diese Haltung nimmt zu. Die gesamte Aufmerksamkeit kreist nur um einen selber.

Vielleicht ist es auch Überforderung.

Glaube ich nicht, wir sind ja mit all diesen Problemen aufgewachsen.