Berlin - Als die letzte Verhandlungsnacht beendet ist, stürmt Jens Spahn aus der CDU-Zentrale. So schnell und mit so strengem Gesicht wie er rauscht sonst keiner an den wartenden Journalisten vorbei. Spahn steigt in eine wartende Limousine. Am nächsten Tag macht er sich auf nach Wien. Er hängt sich einen Orden um den Hals an einem gelb-blauen Band, über eine weiße Fliege.

In Berlin präsentiert Angela Merkel den Koalitionsvertrag, 177 Seiten Papier. Dynamik und Aufbruch, steht darüber. Merkel steht vor einer blauen Aufstellwand zwischen zwei älteren Männern, CSU-Chef Horst Seehofer und Martin Schulz, der da noch der SPD-Vorsitzende ist. Alle sehen ziemlich müde aus. 

Spahn lässt sich auf dem Opernball in Wien fotografieren, vor einer goldbraun glänzenden holzgetäfelten Wand, um ihn herum Männer in Smokings und Frauen in glänzenden, glitzernden Ballkleidern, alle jung, alle strahlend. In der Mitte des Bildes steht der neue österreichische Kanzler Sebastian Kurz, zwei Plätze daneben Spahn. Jetzt lächelt er. Zuhause in Deutschland wird derweil der Koalitionsvertrag zerfleddert. Enttäuschte CDU-Politiker melden sich zu Wort und ein noch enttäuschterer SPD-Außenminister. Der SPD-Vorsitzende stürzt, die CDU-Vorsitzende sieht Anlass für ein Fernseh-Interview, um sich zu verteidigen.

Eine Symbolik, die passt

Der Ablauf ist natürlich ein Zufall, der Termin des Opernballs in Wien richtet sich nicht nach dem Ende der Koalitionsverhandlung im Nachbarland. Aber die Symbolik passt ganz gut. In Berlin ist eine Regierung im Werden, die schon als altbacken galt, bevor die Verhandlungen über ihre Pläne überhaupt begonnen hatten. Und es gibt die x-te Debatte darüber, wie lange Merkel wohl noch im Kanzleramt sitzt. 

In Österreich hat gerade ein 30-Jähriger die CDU-Schwesterpartei ÖVP aufgemischt, eine große Koalition beendet und sich über ein Bündnis mit den Rechtspopulisten zum Kanzler wählen lassen. Ein Junger, ein Lauter, ein Ehrgeiziger, einer der sich gegen Merkel gestellt hat im großen Streitthema der letzten Jahre, der Flüchtlingspolitik. So einer ist Spahn ja auch. Der eine ist Kanzler in Österreich, der andere ist einer der deutschen CDU-Politiker, bei denen der Berufswunsch Kanzler in der Abiturzeitung stand. Manche Zufälle hätte man nicht besser planen können. Dass die CDU in Deutschland bei der Bundestagswahl mit Merkel besser abgeschnitten hat als die ÖVP in Österreich mit Kurz - ein Detail, kommt nicht mit aufs Foto.

„Spahn soll in die Regierung“

„Alles Walzer“ ist an dem Abend das traditionelle Ballkommando in Wien. Spahn schreibt, natürlich habe er auch wichtige Gespräche geführt, Party-Politiker wäre ja auch kein guter Titel, jetzt, wo sie mehr denn je über eine Erneuerung sprechen in der CDU. Er macht sich ansonsten erstmal ein paar Tage etwas rar und ist doch präsent. Der Wirtschaftsflügel windet sich in Schmerzen, weil das Finanzministerium in den nächsten Jahren von einem SPD-Minister geführt werden soll. Die Junge Union fordert, es müsse nun deutliche Zeichen geben. Die CDU, so kann man daraus lesen, ist kurz vor dem Untergang. „Es geht nicht ums Finanzministerium. Man kann die Kritik darauf reduzieren: Spahn soll in die Regierung“, sagt ein Regierungsmitglied in Berlin. Das Kommando in der CDU also: alles Spahn.

Jens Spahn, 37 Jahre alt, 1,92 Meter groß, Schuhgröße 49, seit kurzem verheiratet mit einem Klatsch-Journalisten. 

Spahn sagt, er sei mit 15 in die Junge Union eingetreten, weil die Debatten in der Schule von Linken beherrscht worden seien. Er kommt aus dem Dorf Ottenstein bei Ahaus. Ahaus ist bekannt als Standort eines Zwischenlager für Brennelemente aus Atomkraftwerken, das Münsterland als sichere Bank für die CDU. 

Auf einen Schlag bekannt

Mit 22 Jahren ist Spahn dann erstmals in den Bundestag eingezogen, im Jahr 2002 war das. Sein Ziel sei es „nicht als Hinterbänkler zu enden, sondern Politik aktiv mitzugestalten, sich nach vorne zu robben“, hat er damals verkündet. Das Nach-Vorne-Robben ist er ziemlich entschlossen angegangen. Er hatte ja schon einem älteren CDU-Kollegen die Direkt-Kandidatur streitig gemacht. Im Bundestag bändelte er mit jungen Kollegen von Grünen und FDP an, es war eine Art frühe Jamaika-Koalition. Sie veröffentlichten ein „Manifest für Generationengerechtigkeit 2020“, Spahn wurde bekannter. Nach der nächsten Wahl ging er in den Gesundheitsausschuss, kein Ausschuss, um das viele anstanden in der Fraktion. Viele Lobbyisten, viele Zahlen, unübersichtlich, ärgeranfällig. Die Leute aus dem Unions-Wirtschaftsflügel zog es eher in die Wirtschafts- und Finanzpolitik. Spahn hatte freie Fahrt: Er sprach über Kürzungen, Privatisierung, er telefonierte viel, war erreichbar für Journalisten. 

Und dann kam 2008 und die Sache mit der Rentenerhöhung. Die hatte die damalige große Koalition beschlossen, es war noch ein Jahr bis zur nächsten Wahl. Spahn sprach von einem „Wahlgeschenk an die Rentner“, das die junge Generation viel Geld kosten werde. Er sagte, die Rentner seien durch Erhöhungen schwer zufrieden zu stellen, weil sie ja immer noch mehr wollten.  Die Senioren-Union war empört und Spahn auf einen Schlag richtig bekannt. Weil die Älteren einen Großteil der Wähler stellen und die Mehrheit in den CDU-Gremien, sah es eine Weile lang sah so aus, als wäre damit seine Bundestagskarriere vorbei. Die Neuaufstellung als Kandidat stand in Frage. Man raufte sich dann doch wieder zusammen. Spahn blieb und wurde gesundheitspolitischer Sprecher, ein sehr munterer, ein sehr präsenter.

Staatssekretärsposten als Trost

Er hat sich dann 2013 ausgerechnet, Gesundheitsminister zu werden oder zumindest Generalsekretär. Den Ministerposten bekam der bisherige Generalsekretär Hermann Gröhe, damit war Nordrhein-Westfalen im Bundesländer-Proporz bedient. Und der Cheforganisator der Parteizentrale wurde der Hesse Peter Tauber. Bundesländer-Proporz war die offizielle Argumentation. Bei Spahn und seinen Unterstützern kursierte die Version, dass Merkel keine zu eigenständigen Leute um sich haben wolle. Und dass sie außerdem befürchte, ein homosexueller Generalsekretär sei der CDU nicht zuzumuten. 

Der Trost war der Staatssekretärsposten im Finanzministerium bei Wolfgang Schäuble. Es war die zweite Reihe, aber ein Trost: Finanzpolitik als Ergänzung des Lebenslaufs macht sich nicht schlecht in der CDU, und Spahn hatte nun sozusagen den Segen des letzten Vertreters der Kohl-CDU, des Mannes mit der längsten Regierungserfahrung. Der hat die Erfahrung gemacht, dass zu langes Warten nicht hilft, wenn man ganz nach oben kommen will. 

Offene Auseinandersetzung mit Merkel

Und Spahn entschied sich, statt auf Merkel auf andere Unterstützer zu setzen. Mit Hilfe von Junger Union und Wirtschaftsflügel drängte er sich 2014 in die CDU-Führungsspitze, das Parteipräsidium.  Den Posten räumen musste ausgerechnet Gröhe, der Minister. Es war auch ein Punktsieg gegen Merkel und Spahn hatte ein Amt, das ihm ermöglichte, zu allen Themen gefragt zu werden.

Die offene Auseinandersetzung mit der Chefin kam dann in der Flüchtlingspolitik. Spahn kritisierte Merkels Wilkommens-Ansatz, er forderte einen Kurswechsel: Begrenzung von Flüchtlingszahlen, Abschreckung, den Mut zu Bildern weinender Frauen und Kinder, die abgeschoben werden. Er plädierte für ein Burkaverbot, beklagte die „Machokultur mancher Migranten“. Auf dem Parteitag 2016 setzte er gegen Merkels Willen ein Nein zur doppelten Staatsbürgerschaft durch. Der nächste Punktsieg. 

Es war die Rolle, die nicht besetzt war in der CDU, die des Rechtsaußen, und Spahn besetzte sie gut. Er war mehr Kurz als Merkel, das Gegenmodell zur Kanzlerin. 

Symbolfigur für die Unzufriedenen

Wo sie für Konsens steht, steht er für Streit und Widerspruch. Wo sie schweigt, geht Spahn in noch eine Talkshow. Wo sie diplomatische verdrehte Sätze bildet, spitzt er zu - was allerdings auch einfacher geht als Nicht-Kanzler. Sie steht für die Öffnung der Partei nach links und für eine Liberalisierung, er für einen Rechtsruck. Seine Präsenz vermittelt den Eindruck: die Partei, das ist eigentlich Spahn. Auch wenn es da noch einige andere gibt mit anderen Meinungen.

Er hat jetzt die Sozial-, die Finanz- und die Innenpolitik im Portfolio und einen Ehering am Finger. Er hat die hinter sich gelassen, die sich vernachlässigt fühlen von Merkel oder die sich noch nie so richtig mit ihr abgefunden haben. „Zwölf Jahre Kanzlerschaft und dann auch noch die lange Regierungsbildung haben Erschöpfung hinterlassen“, räumen auch Merkel-Unterstützer ein. Für alle die Unzufriedenen sei Spahn nun die Symbolfigur. Er hat Lücken genutzt und sich nach vorne geschoben, ziemlich systematisch, ziemlich robust, im Wahlkampf ist er in der ganzen Republik unterwegs gewesen.

In den vergangenen Tagen ist er wieder durchs Land getourt - Aschermittwoch im schwäbischen Fellbach am Morgen, im thüringischen Apolda am Abend. Er hat im Trachtenjanker auf der Bühne Bier auf Ex getrunken und versichert, als Team mit Angela Merkel sei die Union am besten aufgehoben. Er wird demnächst Bildungsminister oder Gesundheitsminister sein, oder auch Wirtschaftsminister, seine Unterstützter könnten dann den Verlust des Finanzministerium wohl nicht mehr beklagen. Beim Aschermittwoch-Schlussapplaus steht Spahn fast etwas verlegen auf der Bühne. Seine Finger fügen sich vor dem Köper zusammen wie Magneten - zu einer Raute.