„Ich finde jederzeit Gehör in der Bundesregierung, und wir hören uns ihre Positionen an“ – Jeremy Issacharoff.
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BerlinJeremy Issacharoff ist seit Ende August des Jahres 2017 der Botschafter Israels in Deutschland. Der Diplomat wurde 1955 in London geboren.

Herr Botschafter, was bedeutet Auschwitz für Sie?

Es ist von zentraler Bedeutung, an die Befreiung von Auschwitz vor 75 Jahren zu erinnern. Wir werden uns nie von der Erinnerung an das Grauen der Konzentrationslager und des Holocaust befreien können. Wir müssen uns erinnern, damit uns die Geschichte an einen besseren Ort führen kann – in eine bessere Zukunft für Israel, die Juden und Deutschland und die ganze Menschheit.

75 Jahre nach der Befreiung der Lager gibt es nicht mehr viele Überlebende...

… aber einige gibt es noch. Und sie leben bis heute jeden Tag mit dieser Erinnerung. Für sie sind 75 Jahre wie ein Tag. Wir hatten gerade in der Botschaft eine Feierstunde. Ein Deutscher, Helmut Kleinicke, wurde als Gerechter unter den Völkern geehrt. Er hat als Kreisbaumeister im besetzten Polen viele Juden vor der Vernichtung gerettet. Kleinicke starb 1979, er hat nie viel darüber gesprochen. Josef Koenigsberg, der heute 95 Jahre alt ist, hat sich auf die Suche nach seinem Retter gemacht. Er war tief berührt, bei der Feierstunde der Tochter von Helmut Kleinicke danken zu können. Für Überlebende wie ihn ist nichts vorbei.

In Yad Vashem werden diese Woche mehr als 40 Staatschefs und Regierungsvertreter an den Holocaust erinnern. Doch zugleich steigt weltweit die Zahl derjenigen, die die Vernichtung leugnen und antisemitischen Hass verbreiten. Wie kann das zurückgedrängt werden?

Diejenigen, die heute den Holocaust leugnen, wollen vergessen machen, was in Deutschland nach 1933 geschah als Folge des Antisemitismus der Nazis – und was heute immer noch passieren kann – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Der Antisemitismus ist im Aufwind, getragen von global vernetzten Rechtsextremen. Die radikale Rechte und ihre Parteien wollen die Erinnerung an den Holocaust verwischen. Was mich in Deutschland beeindruckt, ist die Stärke der Erinnerungskultur hierzulande, die es solchen Kräften erschwert, Fuß zu fassen. Antisemitismus heutzutage richtet sich nicht nur gegen Juden oder Israel, er richtet sich gegen die tolerante deutsche demokratische Gesellschaft als Ganzes.

Was bedeutet die Erinnerung für Deutschland und Israel?

Israel, das jüdische Volk und Deutschland haben in den vergangenen 75 Jahren einen sehr langen Weg zurückgelegt – aufeinander zu. Wie eng heute die Zusammenarbeit zwischen Israel und Deutschland auf quasi allen Feldern ist, hätte sich 1945 niemand vorstellen können. Wir müssen uns erinnern – aber wir müssen auch dafür sorgen, dass unsere Geschichte nicht die Zusammenarbeit in der Zukunft erschwert. Der Holocaust berührt uns alle. Als Israeli kannte ich die Geschichten der Opfer. Die Familie meiner Frau stammt aus Dortmund, ihre Urgroßeltern wurden umgebracht, ihr Großvater in Auschwitz vergast. In Deutschland lerne ich jetzt die Nachfahren der Täter kennen und ihre Familiengeschichte. Auch für sie ist nach 75 Jahren noch nichts vorbei.

Wie wird es im Jahr 2045 aussehen, 100 Jahre nach Kriegsende? Was wird dann noch von der Erinnerungskultur bleiben?

Die Erinnerungskultur hat bereits viele Phasen durchgemacht. Nach 1945 haben sich viele Israelis geweigert, deutsche Produkte zu kaufen und auch nur ein Wort Deutsch zu sprechen. Heute sind unsere beiden Länder eng befreundet. 2045 wird diese Freundschaft und Zusammenarbeit im Vordergrund stehen und hoffentlich noch tiefer sein. Wir werden uns aber immer noch an den Holocaust erinnern.

Im Oktober gab es den antisemitischen Anschlag auf die Synagoge in Halle. Viele haben den Schock bis heute nicht überwunden. Was hat dieser Anschlag bei Ihnen ausgelöst?

Der Attentäter war so radikalisiert, dass er 100 Juden getötet hätte, wenn er gekonnt hätte – oder 100 Muslime. Es hat nicht viel gefehlt, und es hätte einen Massenmord an jüdischen Gläubigen an Jom Kippur gegeben. Ich war am Tag danach in Halle, ich habe die Tür gesehen, die seinen Schüssen standgehalten und ein Massaker verhindert hat. Es gab immer Antisemitismus, rechten, linken und solchen aus der Mitte der Gesellschaft. Viele haben ihre Einstellungen aber für sich behalten. Nun treten sie ins Offene und Worte werden zu Gewalttaten.

Nach dem Anschlag in Halle hat der damalige Vorsitzende des Bundestags-Rechtsausschusses von der AfD einen antisemitischen Tweet weiterverbreitet. Wird so etwas in Israel wahrgenommen?

Ja, so etwas wird sehr eng verfolgt. Ich habe Kontakte zu allen Parteien im Bundestag – mit Ausnahme der AfD. Das Mindeste, was ich über diese Partei sagen kann, ist dass sie eine Nostalgie für die NS-Zeit verspürt. In diesem Sinne halte ich sie in keiner Weise für pro-israelisch.

Gehen wir zur aktuellen Außenpolitik über; Deutschland, Frankreich und Großbritannien haben den Schlichtungsmechanismus im Atomabkommen mit dem Iran ausgelöst. Ist der Atom-Deal noch zu retten?

Seit Mai vergangenen Jahres, aber auch zuvor, tritt Iran im Mittleren Osten zunehmend aggressiv auf. Seitdem fährt Teheran auch die Uran-Anreicherung hoch und ergreift weitere Maßnahmen, die gegen das Atomabkommen verstoßen. Ob der Schlichtungsmechanismus ein Scheitern abwenden kann, hängt von der Kooperationsbereitschaft der Iraner ab. Eins steht fest: Unsere Politik ist, dass der Iran niemals über militärische nukleare Kapazitäten verfügen soll. Und mit der Verfolgung dieses Ziels sind wir im Nahen und Mittleren Osten gewiss nicht allein.

Wie beeinflusst die Tötung des hochrangigen iranischen Generals Suleimani durch US-Streitkräfte die Sicherheit Israels?

Suleimani hat großes Leid über die Region gebracht und zu Lebzeiten unsere Sicherheit bedroht. Wenn der Iran – wie kürzlich erst mit Raketenangriffen aus Syrien – unsere Sicherheit bedroht, haben wir hart und entschlossen reagiert. Niemand sollte in dieser Hinsicht an unserer Entschlossenheit zweifeln.

Die Bundesregierung kritisiert den fortschreitenden israelischen Siedlungsbau im Westjordanland. Trübt dies das israelisch-deutsche Verhältnis?

Angesichts der Vielzahl an Themen, die uns verbinden, verwundert es mich nicht, wenn wir nicht jedes Mal einer Meinung sind. Aber glauben Sie mir: Ich finde jederzeit Gehör in der Bundesregierung und wir hören uns ihre Positionen an. Ob es um Iran, Syrien oder die Palästinenser geht: Meine Gesprächspartner in Berlin und ich können uns über alles offen austauschen. Es gibt zwischen Israel und Deutschland deutlich mehr Übereinstimmung als Uneinigkeit.

Das Gespräch führten Marina Kormbaki und Jan Sternberg.