Meine Tochter war vier Jahre alt, als ich kapitulierte. Ich arbeitete wieder, brachte Clara morgens in die Kita, fuhr ins Büro und holte mein Kind abends wieder ab. Wenn es mal etwas später wurde, organisierte ich, dass Clara von einer anderen Mutter mitgenommen wurde. An einem dieser Tage – im Büro gab es noch ein Meeting, keine andere Mutter hatte Zeit – kam ich eine halbe Stunde zu spät, um meine Tochter abzuholen.

Da stand ich nun, vollkommen erledigt, gehetzt und gestresst vor dem evangelischen Kindergarten, tröstete mein Kind, das allein auf einer Wippe saß – und wehrte mich nur schwach gegen die Vorwürfe der Erzieherin. Mich plagte das schlechteste Gewissen der Welt.

Mein Kind und mein Vollzeitjob, in dem man nicht Punkt 17 Uhr den Griffel fallen lassen konnte, hatten mich zu dem gemacht, was ich nie sein wollte: eine Rabenmutter. Jetzt befand ich mich im Kreis derer, die sich abstrampeln, arbeiten, ihre Kinder versorgen und lieben – und trotzdem von vielen Seiten Kopfschütteln ernten. An jenem Tag war es die Erzieherin, die mich zu einem ernsten Gespräch lud.

Ich klagte danach einem Freund aus Frankreich mein Leid. Er lachte laut auf. Rabenmutter, das sagt man auch nur in Deutschland. Woanders gebe es dieses Schimpfwort gar nicht.

In Frankreich, wo lange ein Teil meiner Familie lebte und das für mich eine zweite Heimat war, gehen manche Mütter ein paar Wochen nach der Geburt ihrer Kinder schon wieder arbeiten. Es gibt viel mehr Plätze in Kindertagesstätten, und Eltern werden steuerlich enorm entlastet. Und ganz grundsätzlich ist es in Frankreich normal und gesellschaftlich anerkannt, dass eine Frau Kind und Beruf unter einen Hut bringt und damit nicht gleich eine schlechte Mutter ist, nur weil sie nicht nur daheim ist. Schließlich müssen Miete und Essen bezahlt werden, vor allem wenn sie die Alleinverdienerin ist.

In Deutschland ist es bis heute so, als würden Mütter, die arbeiten, ihre Kinder an einer Tankstelle aussetzen und wegfahren. An kaum eine gesellschaftliche Rolle werden so viele Erwartungen gestellt wie an die der Mutter. Und wehe, diese Mutter beherrscht kein Multitasking oder schafft einfach mal etwas nicht. Frankreich ist eigentlich nicht so weit weg, aber in diesem Punkt ist die Entfernung enorm.

Unsere Serie: Familie und Job – die größten Lügen

Beruf und Familie lassen sich wunderbar vereinbaren, denkt man sich, bevor man Kinder bekommt. Etwas später merkt man: Das stimmt gar nicht. Und die Alltagskämpfe beginnen.
Was also läuft immer noch schief, was muss besser werden? Das versuchen wir in unserer neuen Serie über den Mythos der Vereinbarkeit zu ergründen. Und es wird nicht nur ums Kinderkriegen gehen, sondern auch um Beziehungen, Alter, Krankheit und Vorurteile.

Mein Kita-Abhol-Erlebnis – und es gab selbstverständlich einige mehr– ist Jahre her. Zeit zum Nachdenken hatte ich in dieser Zeit kaum, ich habe eher funktioniert – wie in einem Hamsterrad bin ich hin- und hergerannt, oft mit dem Gefühl, nicht gut genug zu sein, versagt zu haben.

Jüngst las ich einen Artikel auf einer Betroffenen-Homepage. Darin erzählte eine Alleinerziehende von den Anforderungen – im Alltag, im Beruf und überall sonst. Sie beklagte, dass sie kaum Verständnis ernte. Dass sie im Job ständig unter dem Druck stehe, dass man sie als unzuverlässig und nicht karrierewürdig hinstelle, weil sie ein Kind habe. Dabei leiste sie genauso viel wie Kinderlose oder Familienväter. Vereinbarkeit von Job und Kind? Das sei eine Lüge.

Den negativ besetzten Begriff Rabenmutter gibt es seit dem 16. Jahrhundert

Wir sind also nach all den Jahren keinen Schritt weiter. Immer noch werden berufstätige und vor allem alleinerziehende Mütter mit dem Vorwurf konfrontiert, nichts auf die Reihe zu bekommen. Dabei versuchen gerade diese Frauen täglich, Job, Erziehung und Haushalt gleichzeitig zu organisieren und sind damit eigentlich Superheldinnen. In breiten Kreisen der Gesellschaft wird das aber anders gesehen. Da stimmt was nicht.

Den Begriff Rabenmutter – der vermeintlich lieblose, hartherzige Frauen meint, die ihre Kinder vernachlässigen – haben wir dem Reformator Martin Luther zu verdanken, der eine Bibelstelle des Alten Testaments falsch interpretierte und übersetzte.

Der Begriff geht vermutlich auf die Beobachtung zurück, dass junge Raben nach dem Verlassen des Nestes am Boden besonders unbeholfen wirken. Sie würden zu früh  sich selbst überlassen, meinte man fälschlicherweise. Junge Raben sind zwar Nesthocker, verlassen aber vor Erlangen der Flugfähigkeit aus eigenem Antrieb das Nest. Es ist also ein Trugschluss, dass Raben keine fürsorglichen Eltern sind. Die Elternvögel füttern die bettelnden Jungvögel einige Wochen lang und warnen und schützen ihre Jungen vor Feinden.

Alleinerziehend und im Job: Betroffene ernten oft Häme und Tadel

Hinzu kommt, dass Raben nicht gerade beliebt sind. Sie gelten als Leichenfledderer und Unglücksboten.

Und in diesem Kreis befindet sich eine Mutter oder, wenn auch seltener, ein Vater, wenn es mal nicht so läuft, der Alltag einen auffrisst und die Vereinbarkeit von Kind und Beruf in weite Ferne gerückt ist. Verständnis ernten die Betroffenen selten, eher Häme oder Tadel. Es mag am konservativen Frauen- und Erziehungsbild liegen, das in Deutschland nach wie vor existiert.

Wie oft musste sich die jetzige Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, die sieben Kinder hat, wohl anhören, diese im Stich gelassen zu haben, als sie in der CDU Karriere machte? Gut, sie hat genug Geld für Kinderbetreuung. Und doch existiert dieses Stigma.

Berlin ist die Hauptstadt der Alleinerziehenden

„Das Phänomen der Rabenmutter ist ein ‚abwärtsgerichteter sozialer Vergleich‘, der eigentlich immer den Zweck hat, sich selbst aufzuwerten, indem wir jemand anderen abwerten“, hat die Soziologie-Professorin Birgit Riegraf in einem Interview gesagt.  Wohl wahr – und gerade alleinerziehende Mütter fühlen sich oft abgewertet.

Dabei sind sie in Deutschland keine Minderheit mehr, die Mütter, das Alleinerziehen ist längst ein gängiges Erziehungsmodell. Laut Statistischem Bundesamt waren 2020 rund 2,09 Millionen Mütter und etwa 435.000 Väter alleinerziehend. Vor 20 Jahren waren es noch deutlich weniger. Auffallend ist, dass die Zahl der Mütter deutlich höher ist als die der Väter.

Berlin ist die Hauptstadt der Alleinerziehenden. In keiner Region in Deutschland leben so viele wie hier, es sind knapp 31 Prozent der Haushalte. Und das sollen alles Rabenmütter und Rabenväter sein? Nein. Sie werden zu diesen gemacht oder fühlen sich oft so – weil sie mit vielem im Stich gelassen werden.

Berliner Betroffene: Für den Sohn verzichtet sie auf alles

Ich kenne viele Frauen, die ihre Kinder allein großgezogen haben. Die meisten hatten neben Geldsorgen vor allem eins: Zeitsorgen. Sie waren plötzlich Genies im Time Management, hatten sich deshalb ein Netzwerk aufgebaut – meist unter Gleichgesinnten, um sich gegenseitig schnell aus der Patsche helfen zu können.

Eine Bekannte von mir jobbt täglich acht Stunden in einem Supermarkt. Die Berlinerin verdient gerade mal 1300 Euro, für ihre Wohnung zahlt sie 560 Euro im Monat. Es ist ein alter Mietvertrag, den sie in diesen Zeiten nicht aufgeben wird. Ihr Sohn ist 14, zurzeit wünscht er sich nichts sehnlicher als eine Playstation. Die kostet fast 600 Euro. Dafür muss sie sechs Monate lang sparen. Jüngst sagte sie zu mir: „Ich kann ihm das doch nicht abschlagen.“

Meistens kommt sie erledigt nach Hause, weil sie nach der Arbeit noch schnell zum Einkaufen gehetzt ist. Daheim kocht sie für ihren Sohn, kontrolliert die Hausaufgaben, dirigiert ihn in Richtung Bett und liegt danach oft nur noch müde vor dem Fernseher. Sie ist zu einem Serienjunkie geworden.

Bundesfamilienministerin Lisa Paus war selbst alleinerziehend

Eine andere Bekannte wollte nach der Geburt ihrer Tochter unbedingt weiter arbeiten. Sie hat einen guten Job, für den sie mitunter auch quer durch Europa reisen darf. Sie ist ein wahres Organisationstalent geworden, wenn sie auf Dienstreise ist, hat sie einen Babysitter – oder ihre Tochter schläft bei einer Freundin. Jüngst hat sie bei einem Au-Pair-Vermittlungsbüro angefragt, weil sie sich auch solch eine Lösung vorstellen könnte.

Ihr Ex-Mann hat ihr schon mehrfach mit dem Jugendamt gedroht, er behauptet, sie vernachlässige die gemeinsame Tochter. Sie sagt, gerade weil sie arbeite, sei sie  ausgeglichener ihrem Kind gegenüber und gestalte die gemeinsame Zeit intensiver. Es ist schwer für Frauen, ihre eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen.

Die Mehrzahl will ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften.

Homepage Bundesfamlienministerium  über Alleinerziehende

Dass in Deutschland nach wie vor einiges schiefläuft, beklagen selbst Politiker immer wieder. Die neue Bundesfamilienministerin Lisa Paus von den Grünen war selbst alleinerziehend. Sie weiß also, was das bedeutet, das ewige schlechte Gewissen inbegriffen. Paus löste Anne Spiegel ab, die mit ihrer Familie während der Flutkatastrophe im Ahrtal Urlaub in Frankreich gemacht hatte und danach wegen des wachsenden politischen Drucks zurückgetreten war.

Lisa Paus will nun einiges ändern. Sie setzt sich unter anderem für längere Kita-Öffnungszeiten ein. Ohne die sind Alleinerziehende aufgeschmissen.

Auf der Website des Bundesfamilienministeriums ist zu lesen, dass Familienleben und Beruf gerade für Menschen, die keine oder wenig Unterstützung durch den anderen Elternteil erhalten, besonders herausfordernd seien. Weiter heißt es: „Die Mehrzahl will ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften.“ 68 Prozent der Alleinerziehenden mit Kindern unter 18 Jahren seien 2018 erwerbstätig gewesen. Viele sind aber auch arbeitslos, beziehen Hartz IV.

Gerade viele junge Mütter und Väter sind auf Hartz IV angewiesen

Gerade junge Alleinerziehende mit Kindern unter drei Jahren sind darauf angewiesen, vor allem, weil ihnen die Zeit und zum Teil auch die berufliche Qualifikation für eine reguläre Berufstätigkeit fehlt. Oder sie eben keinen Kitaplatz für das Kind bekommen haben. Das Bild der armen Alleinerziehenden, die sich mit staatlicher Hilfe und in prekärer Beschäftigung, etwa mit Minijobs, durchschlägt, ist kein Klischee.

Und wenn Alleinerziehende arbeiten, haben sie oft berufliche Nachteile. „Weniger belastbar, das Kind ständig krank, unflexibel“ – so lauten die Vorurteile, die ihnen im beruflichen Umfeld entgegengebracht werden. Zudem fehlen oft genug flexible Arbeitszeitmodelle. Wohl war während der Pandemie mehr Homeoffice möglich. Was aber wiederum etliche Mütter und Väter überforderte, weil sie ihre Kinder nicht mal eben abgeben konnten. Viele Kitas waren im Lockdown geschlossen.

Und nicht zuletzt fehlt es an der gesellschaftlichen Akzeptanz. „In diesem Bereich sind wir noch im Mittelalter“, sagte neulich eine junge Mutter zu mir. „Du schaffst das“, entgegnete ich.

Diesen Satz habe ich damals auch ganz oft von Freundinnen und Freuden gehört, wenn ich wieder mal entmutigt war. Aber das sind nur Worte, wenn auch tröstliche. Genauso wie Rabenmutter nur ein Wort ist. Aber ein böses. Wir sollten es streichen.