Familien sind die Keimzelle des Staates, so steht es in unserer Verfassung. Darüber hinaus hat die Politik, die ein Staat gegenüber Familien ausübt, maßgeblichen Einfluss darauf, wie sich eine Gesellschaft entwickelt – viel größeren Einfluss, als man gemeinhin annimmt.

Sehr deutlich sieht man das in einer neuen Studie, die das Bundesfamilienministerium jetzt veröffentlicht. Betrachtet werden auf 84 Seiten das Familienleben und die Familienpolitik in Ost- und Westdeutschland. Denn die unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Modelle in Ost und West wirkten sich derart prägend auf gesellschaftliche Ideale aus, dass die Folgen bis heute spürbar bleiben, auch wenn sich junge Paare in Ost und West angenähert haben. Ostdeutsche Familien stehen allerdings viel besser da, als viele glauben. Die Studie liegt der Berliner Zeitung vor.

Im ersten Drittel handelt es sich um eine Gegenüberstellung verschiedener Rechtsvorschriften in Ost und West und ihrer Auswirkungen von 1949 bis zur Wende und von der Wiedervereinigung bis heute. Tabellarisch haben die Macher zentrale familienpolitische Leistungen in der DDR und der BRD aufgelistet. Man sieht, wie beide Staaten in den 1970er-Jahren geburtsbezogene Leistungen für die Mütter einführten, die Bundesrepublik sich auf Kindergeld, Kinderfreibeträge und Ehegattensplitting im Steuerrecht kaprizierte, während die DDR mit zinslosen Krediten und bevorzugter Wohnungszuteilung Anreize für die Familiengründung schuf.

Unsere Serie: Familie und Job – die größten Lügen

Beruf und Familie lassen sich wunderbar vereinbaren, denkt man sich, bevor man Kinder bekommt. Etwas später merkt man: Das stimmt gar nicht. Und die Alltagskämpfe beginnen.
Was also läuft immer noch schief, was muss besser werden? Das versuchen wir in unserer neuen Serie über den Mythos der Vereinbarkeit zu ergründen. Und es wird nicht nur ums Kinderkriegen gehen, sondern auch um Beziehungen, Alter, Krankheit und Vorurteile.

Dann fällt der Blick auf die größten Unterschiede: die Leistungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Beinahe kostenlose Ganztagsbetreuung in Krippen, Kindergärten und Schulen auf der Ostseite, Bereitstellung von Kinderbetreuung (Krippe, Kindergarten, Hort) mit einkommensabhängigen Elternbeiträgen im Westen. Mit den bekannten Mängeln: viel zu wenige Plätze und zu geringe Betreuungszeiten. Der Fokus in der Bundesrepublik lag auf einer steuerlichen Förderung von Familien. Das Angebot an Krippen und Hortbetreuung blieb bis zur Wiedervereinigung rudimentär.

Gleichberechtigung von oben

Gesetzestexte zeigen recht deutlich, wie die DDR für das gewünschte Bild vom sozialistischen Menschen Gleichberechtigung der Geschlechter voraussetzte. Dazu kam die wirtschaftliche Notwendigkeit, dass Frauen arbeiteten. Der ostdeutsche Staat konzentrierte sich auf Vorschriften zur Entlastung der Frauen von der Kinderbetreuung. Emanzipation von oben verordnet, so nennt das die Studie.

Die BRD dagegen, geprägt nach dem Nationalsozialismus von Misstrauen in staatliche Kindererziehung, wollte derartige Eingriffsrechte nicht ermöglichen. Familien sollten möglichst alles allein regeln. Die Nachkriegsgeneration entwickelte aus der klassischen Hausfrauenehe ein Nacheinander. Frauen stiegen mit der Geburt des Kindes aus der Erwerbsarbeit aus und später mit zunehmendem Alter der Kinder zunächst mit geringer Stundenzahl wieder ein. Kinderbetreuung außer Haus blieb erschwert. Mütter, die arbeiteten, gerieten unter Verdacht, ihre Kinder zu vernachlässigen. Emanzipation musste von den Frauen selbst erkämpft werden.

Im zweiten Teil der Studie kommen Familien aus drei Generationen zu Wort. Zugrunde liegt eine bislang unveröffentlichte Untersuchung. Im Jahr 2019 ergründete das Sinus-Institut, wie Menschen den Familienalltag in der BRD und der ehemaligen DDR erlebt haben oder heute aktuell im vereinten Deutschland erleben.

Es geht um Eltern, deren Kinder vor der deutsch-deutschen Wiedervereinigung geboren wurden und aufwuchsen und die selbst zwischen 1945 und 1959 geboren sind. Um Eltern, die zwischen 1960 und 1975 geboren und selbst vor der Wiedervereinigung aufgewachsen sind und deren Kinder um die Wende beziehungsweise nach der Wiedervereinigung geboren wurden. Sowie um junge beziehungsweise künftige Eltern, die zwischen 1985 und 1995 geboren und im vereinten Deutschland groß geworden sind.

Sie beschreiben und bewerten, wie sie das alltägliche Familienleben sowie die zugrunde liegenden Prinzipien und Rollenbilder erleben. Die Vorstellungen verändern sich, werden nach der Wende einander ähnlicher. Unterschiede bestehen jedoch fort.

So spiegelt ein westdeutscher Vater (Jahrgang 1949) eine gesellschaftliche Norm seiner Zeit: „Wie gesagt, meine Frau ist die ersten vier Jahre zu Hause geblieben, sie brauchte nicht arbeiten. Dann haben wir das Kind in den Kindergarten geschickt, aber nicht, um es abzugeben, sondern um Kontakte als Einzelkind zu haben, und dann hat meine Frau Teilzeit gearbeitet, eben weil sie es wollte.“

Frauen aus der DDR beschreiben dagegen eine Selbstverständlichkeit, mit der sie kontinuierlich berufstätig und ökonomisch unabhängig vom Ehemann waren. Eine 1970 geborene Mutter aus Ostdeutschland erinnert sich: „Also ich habe […] eigentlich immer voll gearbeitet und mir hätte auch was gefehlt. Dass ich zehn Jahre zu Hause sein könnte, müsste, das würde ich als Strafe empfinden.“

Kinder zu kurz gekommen

Ein Drittel der ostdeutschen Eltern findet allerdings, dass die Kinder meistens zu kurz kamen. So beschreibt eine 1974 geborene Mutter aus Ostdeutschland ihren damaligen Spagat zwischen Beruf und Familie: „Bei meinem Großen habe ich voll gearbeitet im Personalbüro und bin nie um vier nach Hause gekommen. Ich war die Erste und die Letzte. Daher war mein Sohn früh der Erste im Kindergarten und abends der Letzte. Und ich habe schon gemerkt, das Kind leidet, es ist nicht gut.“

Teilzeitarbeit war in der DDR allerdings politisch nicht gewollt, „und ab den 1970er-Jahren gab es verstärkte politische Bemühungen, diese Beschäftigungsform zu erschweren und zurückzudrängen. Daher arbeitet in der DDR nur eine Minderheit der Frauen in Teilzeit und dies höchstens für eine bestimmte Phase im Lebensverlauf“, heißt es in der Studie.

Auch die Schwierigkeiten nach der Wende, als die Arbeitslosenquote ostdeutscher Frauen nach 1990 stark anstieg, werden thematisiert. Eine 1970 geborene Frau aus Ostdeutschland erinnert sich, welche Schwierigkeiten und Diskriminierungen sie nach der Wende bei Wiedereingliederungsversuchen in den Arbeitsmarkt erlebte, vor allem im Hinblick auf ihr Muttersein: „[Hatten Sie das Gefühl, dass man Nachteile bei der Jobsuche hat, wenn man ein Kind hat?] Ja, das hab ich selbst erlebt! Da war mein Sohn um die neun Jahre rum und da war ich auf Jobsuche und da wurde mir bei einem Vorstellungsgespräch ans Herz gelegt, dass ich kein Kind mehr bekommen soll, wenn ich den Job haben will.“

Die Erwerbsmodelle in Ost und West zeigen sich noch lange geprägt von den vorherrschenden Bildern vor der Wende: Während bis in die 2000er-Jahre in Ostdeutschland das Modell der Doppelverdiener am häufigsten verbreitet war, hielt sich im Westen zunächst die Vorstellung, dass die Mutter die Verantwortung für die Kinder in den ersten Lebensjahren übernimmt.

Erst mit den Mitte der 2000er-Jahre getroffenen familienpolitischen Maßnahmen, die auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausgerichtet waren, veränderten sich die Bedingungen für die Erwerbstätigkeit der Mütter. „Wünsche und Vereinbarkeitsvorstellungen stießen und stoßen in Ost wie in West dabei auf unterschiedliche Grenzen der Umsetzbarkeit, zum Beispiel den Ausbau der Kinderbetreuung betreffend oder bezogen auf unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten, zugunsten der Familie die Arbeitszeit zu reduzieren“, heißt es im Text.

Mittlerweile ist alles mehr oder weniger zusammengewachsen. „Sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland stieg die Frauenerwerbstätigenquote seit der deutschen Einheit kontinuierlich wieder an, lag dabei bereits seit dem Jahr 2008 im Osten wieder höher als im Westen, sodass im Jahr 2018 74 Prozent der ostdeutschen und 72 Prozent der westdeutschen Frauen erwerbstätig waren“, ist in der Studie zu lesen.

Gerechter im Osten

In Deutschland dominieren aber nach wie vor Erwerbskonstellationen, in denen Väter mehr arbeiten als Mütter. Mit einem klaren Unterschied zwischen Ost und West: Eine egalitäre, partnerschaftliche Teilung von Aufgaben bevorzugen in Ostdeutschland 64 Prozent, in Westdeutschland 49 Prozent.

Bei der Erwerbstätigenquote von Müttern gibt es zwar nur noch geringfügige Unterschiede – im Jahr 2019 waren im Westen 64 Prozent der Mütter mit einem Kind und 63 Prozent der Mütter mit zwei Kindern erwerbstätig, während es im Osten 70 Prozent (mit einem Kind) beziehungsweise 69 Prozent (mit zwei Kindern) waren.

Weitaus auffälliger ist der Unterschied aber beim Arbeitsvolumen. In Ost wie West geht der Anteil der Vollzeitbeschäftigung mit steigender Kinderzahl zurück. Während ostdeutsche Mütter 2019 mit einem Kind zu 39 Prozent einer Vollzeittätigkeit nachgingen, so waren es nur 20 Prozent der Mütter mit drei oder mehr Kindern. Im Westen hingegen waren es 21 Prozent der Mütter mit einem Kind und nur acht Prozent der Mütter mit drei oder mehr Kindern. Der Anteil der vollzeitbeschäftigten Mütter ist außerdem bei jeder Kinderzahl im Osten deutlich höher als im Westen.

Die junge Generation stellt nun höhere Ansprüche an die Umsetzung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor allem auch an Arbeitgeber. „Die qualitative Untersuchung zeigt, dass Frauen und Männer, die zwischen 1985 und 1995 geboren wurden, ein grundlegender Wunsch nach Vereinbarkeit aller Lebensbereiche eint. Die Befragten formulieren ein umfassendes Anspruchssystem, das sowohl Aufgaben im alltäglichen Familienleben, die Weiterentwicklung der beruflichen Karriere, die partnerschaftliche Qualität und persönliche Freiräume umfasst“, heißt es in der Studie. Flexibilität sei dabei nicht nur ein Angebot des Arbeitgebers, sondern auch „eine Anforderung im entgrenzten Alltag mit fließenden Übergängen zwischen Arbeits- und Privatleben“.

Das Bundesfamilienministerium plant entsprechend weitere Entlastungen – nicht nur ökonomischer Art – und Unterstützung für Alleinerziehende. Partnerschaftliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf werde in Ost wie West als bevorzugte Lebensform gesehen. Schlüssel dazu seien eine bedarfsgerechte Kinderbetreuung und familienfreundliche Arbeitsbedingungen. „Die Erwerbstätigkeit von Müttern ist eng verknüpft mit dem familienpolitischen Rahmen. Dieser sollte so ausgestaltet sein, dass für Mütter eine existenzsichernde Erwerbstätigkeit möglich ist. Nur eine umfängliche Erwerbstätigkeit von Müttern stellt langfristig einen wirksamen Schutz vor Armutsrisiken für die Mütter – zum Beispiel nach einer Trennung – dar.“

Im Westen sieht die Studie hier noch Potenziale. Es brauche ein neues gesellschaftliches Selbstverständnis, wonach Väter wie Mütter ihren Aufgaben als Eltern gleichermaßen nachkommen können. Und damit liegt der Ball dann eben auch im Feld der Gesellschaft.