Joe Biden (rechts, mit Bernie Sanders) gibt den zuverlässigen „Onkel Joe“ der US-Politik.
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WashingtonJoe Biden (77) hat ein weiteres Mal bewiesen, dass er das Stehaufmännchen der amerikanischen Politik ist. Mit dem Ausstieg seines linken Rivalen Bernie Sanders (78) ist er der unbestrittene Bannerträger der Demokraten bei den Präsidentschaftswahlen am 3. November. Damit gehen de facto auch die Vorwahlen zu Ende, deren ausstehende Rennen nur noch eine Formsache sind.

Die Auferstehung des totgesagten Kandidaten gilt unter Analysten als politisches Wunder, für das es in der Geschichte amerikanischer Wahlkämpfe kein Vorbild gibt. Innerhalb von fünf Wochen stieg der nach den ersten Vorwahlen in Iowa, New Hampshire und Nevada abgeschriebene „Onkel Joe“ zum nicht mehr einholbaren demokratischen Spitzenreiter auf.

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Keine Chance für Bernie Sanders

Die Covid-19-Pandemie beschleunigte den innerparteilichen Zweikampf, weil sie Sanders Graswurzel-Kampagne keine Chance mehr ließ. In einer Video-Botschaft an seine Unterstützer verkündete Sanders am Mittwoch, es gebe schlicht keine Möglichkeit mehr, die Nominierung zu gewinnen.

Biden liegt nach derzeitigem Stand mit 1217 Delegierten 303 Stimmen vor Sanders. Für eine Mehrheit auf dem wegen der Pandemie in den August verschobenen Parteitag werden 1991 Delegierte benötigt. Aufgrund des Verteilerschlüssels war es für Sanders so gut wie unmöglich, die Lücke zu schließen.

Gemeinsam gegen Donald Trump

Zumal Sanders seine Kampagne unter den Bedingungen einer Kontaktsperre nicht fortführen konnte. Er könne nicht mit gutem Gewissen eine aussichtslose Kampagne fortführen, sagte Sanders seinen Anhängern, denen er versprach, seinen Einfluss zu nutzen, um linke Inhalte durchzusetzen. „Wir haben den ideologischen Kampf gewonnen.“

Biden sei „ein sehr anständiger Mann, mit dem ich zusammenarbeiten werde, um unsere progressiven Ideen voranzutreiben“. Sanders hatte im Wahlkampf wiederholt versprochen, seinen Teil dazu beizutragen, die Partei gegen US-Präsident Donald Trump zu einen. Mit seinem Rückzug erspart er den Demokraten einen bitteren Flügelstreit, der 2016 Hillary Clinton entscheidende Stimmen gekostet hatte.

Zusammenrücken der Demokraten

Hinter den Kulissen hatten Unterhändler der Kandidaten in den vergangenen Tagen intensiv darüber beraten, wie die Partei nun schnell zusammengebracht werden könnte. Dabei ging es um die Übernahme progressiver Inhalte in das Wahlprogramm und um personelle Weichenstellungen. Im Raum steht auch ein gemeinsamer Auftritt Bidens und Sanders – persönlich oder virtuell – der Einheit demonstrieren soll.

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Das Zusammenrücken der Demokraten passt Trump genauso wenig in seine Wahlkampagne wie die Covid-19-Pandemie. Er kann seinen Wählern nicht mehr das Bild einer brummenden Wirtschaft präsentieren. Der Krisenbonus wiederum verflüchtigte sich laut Umfragen binnen kürzester Zeit. Meinungsforscher sehen Trump inzwischen mehrere Punkte hinter Biden, der auch im Wahlmänner-Kollegium eine Mehrheit hat.

Sichtbar machen

Dementsprechend versuchte der angeschlagene Amtsinhaber, Zwist zu säen. „Irgendwas geht da vor sich“, spekulierte er und forderte die Sanders-Anhänger auf, zu ihm zu kommen. Das dürfte nach Einschätzung von Analysten dieses Mal weniger wahrscheinlich sein als vor vier Jahren.

Das Problem für Joe Biden besteht darin, sich trotz der Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie sichtbar zu machen. Dafür muss sich seine neue Wahlkampf-Managerin Jennifer O’Malley Dillon nun etwas einfallen lassen. Denn bisher hat der designierte Herausforderer Trumps dem Präsidenten die Bühne weitgehend überlassen.