Wie Lazarus von den Toten neu zum Leben erwacht – Joe Biden in dieser Woche in Kansas City. 
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WashingtonRichard Komi hat immer viel von ihm gehalten. Als Sicherheitspolitiker im US-Senat, treuer Vizepräsident Barack Obamas und nun als Kandidat um die Präsidentschaftswahlen-Nominierung der Demokraten. Doch so schwer hat es ihm Joe Biden noch nie gemacht, an seinen Erfolg zu glauben, wie an diesem Sonntag Anfang Februar im Rex Theater von Manchester im US-Bundesstaat New Hampshire.

Komi bekam ohne Mühe einen Platz in der ersten Reihe neben anderen Joe-Fans, die ihn verehrten oder aus Mitleid kamen. Ohne die aus dem benachbarten Massachusetts angereisten Anhänger hätte Biden zwei Tage vor den ersten Primaries in New Hampshire Mühe gehabt, das kleine Theater zu füllen.

Tiefschläge im Privaten bindet er in Wahlkampf ein

Trotzdem gibt sich der Kandidat zuversichtlich. Biden verknüpft die Tiefschläge in seinem Leben, wie den Verlust seines Sohns Beau an einem Hirntumor vor vier Jahren, mit denen im Wahlkampf. „Ich wäre verdammt, wenn ich einfach zuschaue und mein Land dann auch noch verliere.“ Komi rollt eine Träne über die Wange. „Seine tiefe Menschlichkeit bewegt mich.“

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Der in den Umfragen weit abgeschlagene Kandidat sei der einzige, so Komi, der ein breites Bündnis an Unterstützern habe. Dies werde ihm in Staaten wie Nevada und South Carolina helfen, die „viel weniger weiß“ seien als die beiden ersten Vorwahl-Staaten. „Da wird Joe richtig gut abschneiden.“

Während Komi auf ein Wunder hoffte, dachten Freunde des ehemaligen Vizepräsidenten bereits über ein würdevolles Ausstiegs-Szenario nach. Nach einem knappen Wahlsieg in South Carolina und einem achtbaren Ergebnis am Super-Dienstag müsse jemand mit ihm sprechen. Barack Obama vielleicht, der seinem loyalen Stellvertreter behutsam beibringen könnte, dass die Zeit gekommen sei, die Partei zu einen.

Holpriger Start ließ Nominierung in weite Ferne rücken

Beim „First in the South“-Dinner der Demokraten in Charleston schien der 77-jährige selber nicht mehr an einen Weg zur Nominierung zu glauben. Nach dem enttäuschenden fünften Platz in New Hampshire, dem vierten in Iowa und dem zweiten in Nevada begann es bei seinen loyalen schwarzen Wählern in South Carolina zu bröckeln. Der linke Bernie Sanders war herangerückt.

„Ich bin Joe Biden und trete als US-Senator an“, verplapperte sich der Präsidentschaftskandidat, dessen Karriere vor fast einem halben Jahrhundert mit einem überraschenden Wahlsieg im Rennen um einen der beiden Senatoren-Sitze in Delaware begonnen hatte. Dann bedankte er sich artig bei James Clyburn, dem ersten schwarzen Abgeordneten South Carolinas, der den Bundesstaat seit fast drei Jahrzehnten im Kongress vertritt, und beendete seine Kandidatenrede vorzeitig.

Abgeschlagen in den Umfragen, abgebrannt an Wahlkampfressourcen und ausgebrannt an Ideen umgab Biden die Aura des Verlierers. „Biden baut ab“, diagnostizierte der demokratische Kongressabgeordnete Tim Ryan aus Ohio die schwache Performance. „Er hat keine Energie mehr.“ Der vergangenen April als Spitzenreiter gestartete Kandidat galt als erledigt. Und war es auch nach allen Regeln amerikanischer Wahlkämpfe.

Aufwind mit Wahlsieg in South Carolina

Dann kam das „Wunder vom Super-Dienstag“, das mit einem unerwartet deutlichen Wahlsieg drei Tage vorher in South Carolina begann. Es sah so aus, als hätte die Unterstützung durch seinen alten Weggefährten Clyburn die wachsenden Bedenken unter den Afroamerikanern über Nacht zerstreut.

Mithilfe der schwarzen Wählerschaft trat Biden am Super-Dienstag einen Siegeszug durch den Süden an, gewann die beiden wichtigen Wechselwähler-Staaten Virginia und North Carolina mit überwältigendem Vorsprung, überraschte mit Siegen in den Heimatstaaten Elizabeth Warrens in Massachusetts und Amy Klobuchars in Minnesota, bevor er Sanders’ Hoffnung mit einem Triumph in Texas einen Dämpfer verpasste und nun mit Siegen in vier von sechs Bundesstaaten erneut erfolgreich war.

Die beste Erklärung für die Schubumkehr war die nackte Panik der Demokraten, mit dem linken „Bernie“ an der Spitze die Wiederwahl Donald Trumps zu riskieren. Das überzeugte am Vorabend des Super-Dienstags Pete Buttigieg und Amy Klobuchar, den Weg für „Onkel Joe“ freizumachen.

In Debatten schwach: Versprecher, altmodische Ausdrücke

Plötzlich ist der neue Hoffnungsträger der Demokraten wieder der Alte. Ein mit Mängeln behafteter Kandidat, der seine Berater die Luft anhalten lässt, wenn die Teleprompter ausgeschaltet sind. Biden ist ein mäandernder Redner, anfällig für Versprecher und altmodische Ausdrücke. In Debatten wirkt er schwach, hat wenig Erfolg als Spendensammler und verspricht weder eine Revolution noch große Reformen, sondern vor allem eine Rückkehr zur Normalität.

„Wir sind ganz schön lebendig“, feierte Biden am Super-Dienstag unter dem Sternenhimmel von L.A. sein Comeback und festigte einen Ruf als Stehaufmännchen der amerikanischen Politik. Tatsächlich geben sich auf seinem Lebensweg Niederlagen und Erfolge in schöner Regelmäßigkeit die Hand.

Geboren in Scranton, Pennsylvania, als Sohn eines Autoverkäufers und einer Hausfrau schafft er als Erster in der Familie den Weg an die Universität. Eine ganz und gar unwahrscheinliche Entwicklung für Joe, den Lehrer und Mitschüler hänselten, weil er keinen Satz zu Ende bringen konnte. Biden kämpfte sich mit Willensstärke durch, studierte Recht in Syracuse und fing danach in einer Kanzlei in Willmington, Delaware, an.

Aus „Dash“, dem Stotterer, entwickelte sich ein begabter Redner. Die örtlichen Demokraten entdeckten das Talent und überredeten ihn, für den Senat anzutreten. Der 29-Jährige holte einen Rückstand von 30 Prozent auf und zog am Wahltag an seinem republikanischen Konkurrenten vorbei.

Er verlor Frau und Baby bei einem Autounfall

Ein Triumph, den Joe nicht lange genießen kann. Kurz vor Weihnachten kommen seine Frau Neilia und Baby Naomi bei einem Autounfall ums Leben. Seine beiden Jungen, Beau und Hunter, überleben das Unglück schwer verletzt. Mit zäher Entschlossenheit versucht der neue Senator, seine Aufgabe am Kapitolhügel mit der des alleinerziehenden Vaters zu vereinen. Jeden Tag pendelt er im Zug nach Hause. Fünf Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau heiratet er erneut.

Danach geht es für Biden steil bergauf. Eine Karriere, die zu seinem ersten Anlauf für das Weiße Haus mündet. 1987 wirbt er mehr Geld als alle Mitbewerber ein und liegt in den Umfragen vorn. Der große Rückschlag kommt, als die New York Times Biden dabei erwischte, Teile einer Wahlkampfrede vom britischen Labour-Führer Neil Kinock abgekupfert zu haben. Peinlich blamiert steigt er aus dem Rennen aus. Kurz darauf erleidet er einen Schlaganfall, wird operiert und scheidet für sieben Monate aus. Ein Doppelschlag, der den Senator einmal mehr zwingt, seine Prioritäten neu zu ordnen.

Biden stürzt sich auf die Außenpolitik und macht sich einen Namen als liberaler Internationalist, der bei Völkermord nicht davor zurückschreckt, die amerikanische Militärmacht einzusetzen. Obama kürte Biden 2008 zu seinem „Running Mate“, weil er dessen Ehrlichkeit und Expertise schätzte. Er erwies sich über acht Jahre als treuer Vizepräsident. Dann schlug erneut eine Tragödie zu. Biden verlor seinen Sohn Beau im Alter von nur 46 Jahren an Krebs.

Gegenentwurf zu Trump: Mitfühlend und ehrlich

Das traf ihn so sehr, dass er Hillary Clinton den Vortritt für die Nominierung ließ. Viele Analysten denken, damit habe er den Zeitpunkt verpasst, für das Weiße Haus anzutreten. Nicht so der an diesem Superdienstag wie Lazarus von den Toten neu zum Leben erwachte Kandidat, der plötzlich seine Bestimmung gefunden hat. „Für alle, die auf dem Boden liegen, die ausgezählt und zurücklassen wurden – das ist eure Wahlkampagne“ richtete sich Biden in der Stunde seines unwahrscheinlichsten Triumphes in Los Angeles an seine Landsleute.

Bidens stärkstes Pfund gegen Donald Trump sind seine Unzulänglichkeiten. „Onkel Joe“ mag nicht mehr der agilste sein, aber er ist ehrlich und kann mitfühlen. Er weiß aus Lebenserfahrung, was es bedeutet, von ganz unten wieder hochzukommen.