Joseph Ratzinger: Vom Scheitern eines brillanten Denkers an der Macht

Joseph Ratzinger ist tot. Er war als Theologe Avantgarde. Als er in die Amtskirche berufen wurde, änderte sich alles. Was bleibt von einem brillanten Geist?

Papst Benedikt XVI.
Papst Benedikt XVI.dpa/Arno Burgi

Joseph Ratzinger spricht leise, doch sehr artikuliert. Manchmal bewegt er die Hände in von unten ausholender Bewegung, als wollte er etwa Schweres nach oben heben. Im Spätsommer 1985 ist der Präfekt der Römischen Glaubenskongregation Referent bei einem mehrtätigen theologischen Symposium in den österreichischen Bergen. In der ehemaligen Benediktinerinnen-Abtei St. Georgen am Längsee spricht der Hüter über den katholischen Glauben über „Gottes Handeln in Welt und Geschichte“. Ratzinger referiert, als würde er für die Grünen das Parteiprogramm entwerfen. Oder ein Abschlussdokument für die Vereinten Nationen. Seine Gedanken muten geradezu avantgardistisch an. Er sagt, der Mensch stehe nicht über der Schöpfung, sondern sei ein Teil von ihr. Der Einklang des Menschen mit der Natur sei die Grundlage für die allgemeinen Menschenrechte. Weil es nur eine Menschheit gäbe, die Gott als viele einzelne aus der Erde erschaffen habe, sei klar, „dass die Absage an jeden Rassismus und jedwede Teilung der Menschheit ein biblisches Urwort und Grundwort ist“.

Ratzinger ist der einzige Referent, er doziert mehrere Tage. Jedes Wort ist überlegt. Ratzinger spricht eigentlich nicht zu seinen Zuhörern. Er trägt einem fiktiven Auditorium ein noch nicht geschriebenes Buch vor. Im Publikum sind viele Studenten und Studentinnen. Sie dürfen Fragen stellen, Ratzinger beantwortet alle, geduldig, ausführlich, manchmal mit feiner Ironie, erschöpfend. Ratzingers Ausflug in die österreichische Provinz ist eine Rückkehr in die Welt, in der Ratzinger sich am wohlsten fühlt: Die Welt des akademischen Diskurses.

Allerdings ist der Diskurs, wie ihn sich Ratzinger wünscht, keine Wettstreit mit offenem Ende. Freiheit der Wissenschaft heiße für ihn nicht, dass jeder einfach so denken könne, was ihm in den Sinn komme, sagte Ratzinger einmal in einem Interview. Das Denken müsse sich an der Wahrheit orientieren, wie sie die katholische Kirche seit Jahrhunderten verkündet. Niemals dürfe die Kirche den Fehler machen, auf ihren Wahrheitsanspruch zu verzichten, sagte Ratzinger. Man könne mit anderen Weltreligionen sprechen, ja, aber nur, um diese zu überzeugen, dass diese sich auf einem Irrweg befinden. Immerhin: Mit Gewalt dürfe keine andere Religion Menschen bekehren, so Ratzinger einmal später, als er schon Papst Benedikt XVI ist. Jedoch meinte Ratzinger nicht die Kreuzzüge der Christenheit im Heiligen Land, sondern den Islam. Seine Ausführungen in Regensburg während seines zweiten Deutschland-Besuchs als Oberhaupt der Kirche führen im Jahr 2006 zu einem Eklat. Die Provokation rührt daher, dass Ratzinger ein „überraschend schroffes“ Zitat des byzantinischen Kaiser Manuel II in den Raum stellt, der gesagt haben soll: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“ Glaubensverbreitung durch Gewalt sei „widersinnig“, sagt Ratzinger: „Wer jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung.“

Ratzinger verteidigt die „Wahrheit“ der katholischen Lehre nach innen und nach außen. Instinktiv spürt er, dass die Kirche im Zeitalter der Moderne vor eine Entscheidung gestellt wird: Entweder es gelingt der Kirche, ihre Lehre in zeitgemäßer Form, jedoch unverfälscht, in die Welt zu bringen. Oder aber sie wird, zerrissen und gleichgültig, verschwinden. Für die  Öffnung plädiert er als junger Theologe. Seine Habilitation droht wegen „Modernismus“ abgelehnt zu werden. Er wird Berater des Kölner Kardinal Frings auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, der größten innerkirchlichen Reformbewegung seit Martin Luther. Es ist die Zeit, in der alles möglich scheint. Ratzinger sagt zur Zeit des Konzils, dass er eine Einheit mit den evangelischen Kirchen für denkbar hält. Er will die Kirche nach links und rechts öffnen. Später, als Glaubenspräfekt, versucht er, die nach dem Konzil abtrünnigen ultrakonservativen Pius-Brüder wieder zu integrieren.

Beide Versuche der Aussöhnung scheitern kläglich: In Erfurt sagt der Ratzinger als Benedikt XVI. im Jahr 2011, dass die Einheit der Christen nicht durch Abwägen der Vor- und Nachteile zu erreichen sei: „Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken oder aushandeln.“ Er schließt die Türe zu den protestantischen Kirchen, die ihm immer schon zu beliebig und subjektiv gewesen waren. In seinem Pontifikat werden die Evangelischen zu Religionsgemeinschaften zweiter Klasse zurückgestuft. Als der Papst in Erfurt die ökumenische Delegation begrüßt, übersieht er demonstrativ die ihm entgegengestreckte Hand eines weiblichen Ratsmitglieds und stürmt an der Frau vorbei, um einem Kardinal die Hand zu reichen.

Auch die kurze Einigung mit den Ultrakonservativen zerbricht, nachdem einer der traditionalistischen Bischöfe in einem Interview den Holocaust leugnet. Die Konservativen wenden sich ab. Es gelingt Ratzinger in keiner seiner Funktionen, Gegensätze zu versöhnen. Denn einige Jahrzehnte nach dem großen Aufbruch wenden sich auch die Weltoffenen ab, die Leistungsträger der Reformen: Während Ratzingers  Amtszeiten – als Münchner Erzbischof, als Präfekt der Glaubenskongregation und als Papst – schlittert die katholische Kirche in Richtung Selbstzerstörung.  Kinderschänder-Verbrechen aus vielen Jahrzehnten in vielen Ländern kommen schließlich ans Licht. Die ersten Opfer finden den Mut, ihre anklagenden Stimmen zu erheben. Die Reaktion der Kirche ist ein Fiasko: Statt die Verbrechen den Behörden zur strafrechtlichen Verfolgung zu übergeben, wird gemauert und vertuscht – bis an die Spitze: So muss Ratzinger als Papst eine Aussage korrigieren, wonach er als Münchner Erzbischof sehr wohl von der Versetzung eines Kinderschänder-Priesters von Nordrhein-Westfalen nach Bayern gewusst hat. Er hatte zuvor alles abgestritten, schließlich schreiben seine Anwälte eine Entschuldigung, die er als die seine ausgibt. Woher wir das wissen? Es ist das einzige Dokument Ratzingers, das in der neuen Rechtschreibung abgefasst ist.

Zu Ratzingers Verhängnis wird der erzkonservative Kurs von Karol Wojtyla alias Johannes Paul II., den Ratzinger wie ein guter Untergebener mitträgt. Der polnische Papst, dessen Anteil am Zerfall des Kommunismus in Osteuropa unbestritten ist, duldet innerkirchlich keine Opposition. Die Kirche verabschiedet sich von der Öffnung des Konzils. Selbstgerechtigkeit, Frömmelei, Intrigen und religiös verbrämter Macho-Terror prägen fortan die Unternehmenskultur.

Wojtyla findet in Ratzinger einen willigen Vollstrecker, der mit mancher Maßnahme zum Vorreiter von totalitären Tendenzen im Westen wird: 220 internationale Theologen unterzeichnen 1989 die „Kölner Erklärung“ mit der Titel „Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität“. Rom reagiert umgehend und setzt alle Unterzeichner auf eine schwarze Liste, ihre innerkirchlichen Karrieren sind beendet. Ratzinger hatte schon Jahre zuvor an der Demontage seines eigenen Mentors Hans Küng mitgewirkt, dem in Tübingen die katholische Lehrerlaubnis entzogen wurde.

Ratzingers Ende kommt schließlich, als der Vatikan von einem epischem Geldwäsche, Korruptions- und Kriminal-Skandal erschüttert wird. Die Vatikanbank (IOR) gerät wegen intransparenter Finanzströme ins Visier der Strafverfolgungsbehörden der USA und der EU. Ratzinger bekommt die Krise nicht in den Griff. Er hatte zuvor mit Kardinal Tarcisio Bertone eine undurchsichtige Figur zum wichtigsten Manager des Vatikan ernannt. Bertone gilt als Drahtzieher vieler finanzieller Machenschaften und wird schließlich vom Hof gejagt wie auch der von Ratzinger ernannte Chef der Vatikan-Bank und Ratzingers Kammerdiener, der vertrauliche Dokumente aus den Gemächern des Papstes gestohlen hatte. Nach dem Skandal wirft Ratzinger das Handtuch – und tritt als erster Papst seit dem Jahr 1294 zurück.

Wie wird Joseph Kardinal Ratzinger, oder Benedikt XVI., von der Geschichte gesehen werden? Sein Wirken als Kirchenfunktionär und Papst geht einher mit einem historisch beispiellosen Verfall der katholischen Kirche, vor allem im abendländischen Kulturkreis. Die Zahl der Katholiken stagniert laut dem Annuario Ponificio 2022 in Europa seit Jahren. Zwar wuchs die Zahl der Katholiken in Asien um 1,8 Prozent und in Afrika um 2,1 Prozent. Gemessen am Bevölkerungswachstum ist das allerdings auch nicht besonders beeindruckend. Die am schnellsten wachsende Religion der Welt bleibt der Islam. Die Kirche, die nach Ratzingers Ansichten eigentlich immer Opposition zu den staatlichen Organen sein sollte, wurde in der Folge der Missbrauchs-Verbrechen von den säkularen Einrichtungen regelrecht vorgeführt. Es wurde offenbar: Bei den Katholiken galten nicht, wie man es eigentlich annehmen würde, höhere moralische Standards. Im Gegenteil: Die Amtsträger mussten zur Einhaltung von rechtsstaatlichen Mindeststandards geradezu geprügelt werden. Der Verlust der Glaubwürdigkeit wegen der Missbrauchs-Verbrechen und wegen des vatikanischen Finanzskandals führte zur erhöhter Unterwürfigkeit der katholischen Kirche gegenüber Staaten und anderen weltlichen Autoritäten. So gehorchte die Kirche in der Corona-Krise völlig unkritisch den teilweise widersprüchlichen staatlichen Befehlen und nahm sogar die Aushebelung der Religionsfreiheit hin, indem sie die Kirchen willfährig dichtmachte. In einem Dekret hatte die Gottesdienstkongregation des Vatikan zu Ostern 2020 verfügt: In Ländern mit Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen sollen Priester und Bischöfe die Gottesdienste der Kar- und Ostertage „ohne Teilnahme des Volkes“ begehen. Insgesamt hatte die Kirche dem Todes-Kult der Angst-Propaganda nichts entgegenzusetzen, obwohl ihr Kernbotschaft ein universelles „Fürchtet Euch nicht!“ gewesen wäre.

Die Folge der Selbstausschaltung ist ein massiver Exodus der Gläubigen. Denn viele aus dem „einfachen Volk“, für das Ratzinger aufgrund seiner bodenständigen Herkunft stets gekämpft hatte und die er vor der Überheblichkeit der Intellektuellen schützen wollte, haben plötzlich existentiell erfahren, dass es auch ohne Kirche geht. An Weihnachten 2022 kommen aus Berlin viele Berichte von ungewöhnlich leeren Gotteshäusern.

Diese Entwicklung ist im Hinblick auf den Theologen Joseph Ratzinger tragisch: Seine Schriften, allen voran seine legendäre „Einführung in das Christentum“ sind brillante Versuche, den Glauben an Gott in einer modernen Welt als Akt der Vernunft zu begreifen. Ratzinger wollte eine sanfte Veränderung, sein Denken war auf Jahrhunderte angelegt. Als Professor hatte er in Tübingen größtes Unbehagen empfunden, als die Studenten 1968 handgreiflich wurden und randalierten. Seine Kollegen Karl Rahner, Johann Baptist Metz und vor allem Hans Küng sympathisierten dagegen mit der 68er-Bewegung und wollten die Kirche zu Umsturz und Neuanfang zwingen. Ratzingers Vertrauen auf den langen Atem der Tradition konnte die römische Zentrale jedoch genausowenig vor dem Niedergang bewahren wie Rahners Idee vom katholischen Existentialismus, die lateinamerikanische Befreiungstheologie, der Metz anhing, oder der Ansatz vom universalen Weltethos eines Hans Küng. Der Neuanfang der Katholischen Kirche wird, wenn er denn überhaupt gelingt, aus Afrika, Lateinamerika oder Asien kommen. Ratzingers Ideale werden von anderen Generationen aufgegriffen werden. Sie werden, emanzipiert von einer müde gewordenen europäischen Hegemonie, selbstbewusst entscheiden, was von dem einst bahnbrechenden Theologen aus Deutschland bleibt. 

Am Samstag, den 31. Dezember 2022, um 9:34 Uhr, ist Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. im Kloster Mater Ecclesiae im Vatikan gestorben.