Berlin - Ich habe bestimmt fünfundzwanzig Texte zum Mauerfall geschrieben und wenigstens zehn zum einzigen Fußball-Länderspiel zwischen der DDR und der BRD, aber es ist erst das zweite Mal, dass ich etwas zum Tag der deutschen Einheit aufschreibe. Das erste Mal liegt genau 26 Jahre zurück. Es war ein kleiner Text, den ich für eine Sonderausgabe der Berliner Zeitung zum 3. Oktober 1990 verfasste. Ich war all die Jahre davon überzeugt, damit alles zum Tag gesagt zu haben.

Das kam so.

Die Reporter meiner Zeitung berichteten von verschiedenen Punkten Berlins. Ich wurde zum Reichstag geschickt. Ich lief vom Alexanderplatz, wo unser Redaktionsgebäude stand, in Richtung Westen. Am Palast der Republik schraubten sie das Wappen der kleineren deutschen Republik von der Glasfassade. Ich lief am Lustgarten vorbei, wo Stefan Heym gerade noch vor einem Rechtsruck gewarnt hatte.

Unten hatten die Leute gebrüllt: Wir sind ein Volk! Sie pfiffen Heym aus, der als Jude aus dem faschistischen Deutschland geflohen und mit der US Army zurückgekehrt war, um es von den Nazis zu befreien. Ein Mann, der sich mit Faschisten und Stalinisten angelegt hatte. Für mich waren die Leute mit den gesamtdeutschen Schildern Neonazis und Antisemiten. Ich empfand ihre Sehnsucht nach einem wiedervereinigten Deutschland nicht, vielleicht, weil ich es nie kennengelernt hatte. Als ich geboren wurde, stand die Mauer bereits.

Die Menschen waren Fremde

Unter den Linden waren Buden aufgebaut, es gab Büchsenbier und Besoffene. Als ich auf der Wiese vorm Reichstag ankam, wurde es dunkel. Es herrschte Silvesterstimmung. Die Uhr tickte herunter.

Ich glaube, bis dahin hatte ich die Hoffnung, dass noch irgendwas passieren könnte. Dass der Reichstagsbalkon unter der Last von Helmut Kohl zusammenbrechen würde. Dass jemand den Kanzler aus dem Fenster stieß, vielleicht Jürgen Todenhöfer, der direkt hinter ihm stand. Auch Lothar de Maizière hätte seine Gründe gehabt, war aber wohl rein körperlich nicht in der Lage.

Damals glaubte ich, der Tod des Riesen würde alle Probleme lösen. Es gab Zeiten, da dachte ich ernsthaft über einen Tyrannenmord nach. Ich fühlte mich von Helmut Kohl bedrängt. Die Mauer war gefallen, es würde Pressefreiheit geben und Reisefreiheit, wir brauchten den Dicken nicht. So sah ich die Sache. Ich trug eine Zeit lang das Herz eines Terroristen in der Brust. Ich dachte, meine Landsleute würden mich auf Händen tragen, wenn ich sie von dem gierigen Kanzler befreie. Das  Ergebnis der ersten freien Wahlen traf mich wie ein Schlag. Kohl gewann. Die Menschen waren Fremde. Mein Vater, meine Familie, alle. Der dicke König trat auf den Balkon. Der Balkon hielt, und ich wusste: Es ist vorbei.

Wie ein Ertrinkender sah ich Bilder aus meinem Leben, das letzte Jahr lief an meinem Auge vorbei. Es war ein wunderbares, aufregendes Jahr, das nicht mit dem Mauerfall begonnen hatte. Es begann mit der Erkenntnis, dass sich Dinge ändern würden.