Der Publizist Jürgen Todenhöfer, 78, wurde im Gazastreifen von einem Gummigeschoss getroffen, nach seinen Angaben kam der Schuss von einem Schützen des israelischen Militärs (IDF). Todenhöfer war bei den Freitagsprotesten mit einem Schild Richtung Grenzzaun gelaufen. Darauf stand: „Liebe Israelis, bitte behandelt die Palästinenser so, wie ihr behandelt werden wollt.“ Er hat den Vorfall filmen lassen, das Video wurde in den sozialen Netzwerken Tausende Male geteilt, auch die Terrororganisation Hamas hat es gepostet. Von den IDF war bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu bekommen.

Wie geht es Ihnen, Herr Todenhöfer?

Ich kann den Arm nicht richtig bewegen und nicht auf dem Rücken schlafen, aber im Vergleich zu dem, was permanent an dieser Grenze passiert, ist es nichts. Diese Gummi-Geschosse sind vier, fünf Zentimeter lang und dreieinhalb breit. Da sind schon Menschen gestorben, wenn sie am Kopf oder am Hals getroffen wurden. Ich war vor allem verblüfft, dass auf mich geschossen wurde. Ich schätze, ich war 300 Meter von der Grenze entfernt, es war noch ein Junge vor mir. Ich hatte mich bereits umgedreht und lief zurück. Auf der Rückseite des Schildes stand: Freiheit für alle. Friedlicher kann ein Plakat eigentlich nicht sein.

Wer die Situation kennt, weiß, dass es gefährlich ist, sich so dicht am Grenzzaun aufzuhalten. Warum machen Sie das? Warum setzen Sie Ihr Leben aufs Spiel?

Weil ich davon ausgehe, dass die Scharfschützen von ihrem Erdturm aus sehr genau erkennen konnten, was auf meinem Schild stand und dass ich nicht gerade wie ein 20-jähriger Terrorist aussehe.

Sie nicht, aber auf dem Video sieht man Männer mit Palästinenserfahnen neben Ihnen laufen. Sie rufen auf Arabisch: „Es gibt nur den einen Gott. Nur Märtyrer werden von Gott geliebt.“ Und: „Nur Märtyrer können die Türen der Al Aksa-Moschee öffnen.“

Ich habe mir später übersetzen lassen, was die Mädchen, auf die ich zugegangen bin, gerufen haben. Und das war: „Es kann an dieser Grenze keinen Frieden geben. Lasst uns wieder brennende Reifen zur Grenze rollen!“ Dazu muss man den Hintergrund kennen: Es gab im März eine Vereinbarung. Darin hieß es, die Hamas sorgt für Ruhe an der Grenze, und Israel erleichtert die wirtschaftliche Situation. Seither hat es diese ganz schweren Zwischenfälle bei den Demonstrationen nicht mehr gegeben. Aber es gibt Leute, die gegen die Hamas protestieren und wieder Reifen anzünden wollen. Doch nichts von dem was am Freitag dort passiert ist, rechtfertigt, dass man mir von hinten mit einem Gummigeschoss auf den Rücken schießt.

Haben Sie gesehen, dass die Hamas Ihr Video gepostet hat? Fühlen Sie sich von der Terrororganisation benutzt?

Ich habe alles unternommen, damit die Hamas, mit der ich keinen Kontakt habe, nicht davon erfährt, dass ich zur Grenze gehe. Ich habe mein Auto an einer Stelle geparkt, wo fast niemand war, bin absichtlich nicht zu den großen Menschenmengen links und rechts von mir gegangen. Und wenn Leute irgendetwas rufen, mache ich mir das nicht zu eigen. Ich plädiere für friedliche Märsche an die Grenze, ich halte die brennenden Reifen für Fehler. Meine Botschaft war sehr klar: Freiheit für alle! Und wer macht denn in Deutschland was für Palästinenser? Kein Mensch!

Warum haben Sie Ihre Botschaft nicht direkt den Israelis überbracht?

Das mache ich noch. Ab morgen treffe ich in Israel hochrangige israelische Persönlichkeiten aller politischen Richtungen.

Hat sich das israelische Militär bei Ihnen entschuldigt?

Nein. Das deutsche Konsulat hat sich bei mir gemeldet und medizinische Hilfe angeboten, aber ich habe gesagt, ich brauche das nicht.



Israelische Regierung reagiert auf Jürgen Todenhöfers Demonstration im Gaza-Streifen

Das Government Press Office der israelischen Regierung kommentiert den Vorgang mit einem offiziellen Statement:

„Herr Todenhöfer ist im Status eines Korrespondenten und mithilfe der Akkreditierung, die er vom GPO (Government Press Office, Pressebüro der israelischen Regierung) bekommen hatte, in den Gazastreifen eingereist. Anders als die mehr als tausend ausländischen Journalisten, die jedes Jahr nach Gaza kommen, hatte Herr Todenhöfer aber nicht die Absicht, die Ereignisse journalistisch zu begleiten, sondern sie als Aktivist selbst zu beeinflussen. Statt über den „March of Return“ zu berichten, hat er daran teilgenommen – um so selbst Teil der Geschichte zu werden. Wie Herrn Todenhöfers Arbeitsbezeichnung auch lautete: Diese Art des Missbrauchs steht klar im Widerspruch zu den Grundregeln journalistischer Ethik. Das GPO wird die Pressefreiheit auch weiterhin verteidigen und sich gleichzeitig denjenigen entgegenstellen, die unter dem Deckmantel des Journalismus das Ziel verfolgen, Israels Namen zu beschmutzen.“