Berlin - Es waren nüchterne Zahlen, die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek vergangene Woche verkündete, als sie das sogenannte Aufholpaket für Kinder und Jugendliche vorstellte. Man müsse davon ausgehen, sagte Karliczek, dass 20 bis 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler als Folge der Pandemie „deutliche Lernrückstände“ hätten. Die CDU-Politikerin hätte auch sagen können: Jedes vierte oder fünfte Schulkind. Das wäre in der Aussage dasselbe gewesen, aber zumindest hätten Karliczeks Zuhörer dann Kinder vor Augen gehabt. Menschen, keine Mengenangabe. Es wäre ein Unterschied gewesen.

Um ihn zu verdeutlichen, ist eine Rückblende notwendig.

Vor mehr als einem Jahr stellten Finanzminister Olaf Scholz und sein Amtskollege aus dem Wirtschaftsministerium, Peter Altmaier, ihr erstes Corona-Schutzprogramm vor. Die berühmte „Bazooka“ war das, mit deren Hilfe Milliarden in die Wirtschaft gepumpt werden sollten. Das Ziel: Firmen vor der Pleite retten, Arbeitsplätze. Kurz: eine Gesellschaft, die auf Leistung beruht.

Seitdem hat die Bundesregierung einiges getan, um diese Leistungsgesellschaft am Laufen zu halten und ist dabei geradezu absurde Kompromisse eingegangen – man denke an die Weigerung der Arbeitgeberverbände, Firmen erst eine Homeoffice- und dann eine Corona-Testpflicht für ihre Beschäftigten zuzumuten. Die Folge: Während Schulen und Kitas undurchschaubaren Regeln folgend öffnen und wieder schließen mussten, rannte der Großteil der Angestellten im Namen der Produktivität monatelang weiter in die (Großraum-)Büros.

Hauptsache, die Lernrückstände werden aufgeholt

Jetzt – mehr als ein Jahr später – hat man sich zu einem Paket durchgerungen, das schon in der Namensgebung ganz wunderbar in das oben gezeichnete Produktivitätsbild passt. Aufholen sollen die Kinder. Die Lerndefizite, die verpassten Grammatikstunden und die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Dafür ist die Hälfte des zwei Milliarden schweren Programms vorgesehen. Die andere Milliarde fließt in die Bewältigung „psychischer Folgen“.

Angesichts dieser Wortwahl muss bezweifelt werden, dass den politisch Verantwortlichen wirklich klar ist, was auf dem Spiel steht. Fast jedes dritte Kind zeigt Studien zufolge wegen der Corona-Pandemie Hinweise auf eine psychische Belastung. Psychologen sprechen von Ticks und Zwangsstörungen, die schon die Kleinsten entwickeln. Man muss schon extrem realitätsfremd sein, um zu glauben, dass sich derartige psychische Folgen mit Maßnahmen wie Sprachförderung in der Kita abfedern ließen.

Seit mehr als einem Jahr warnen Eltern- und Lehrerverbände, Schülervertretungen und Psychologinnen bereits vor den Folgen, die die Corona-Pandemie für die Jüngsten in der Gesellschaft haben wird. Seitdem wurden regierungsseitig Arbeitsgruppen gebildet und Konzepte versprochen, die am Ende darin bestanden, die Klassenzimmer regelmäßig zu lüften.

Das Aufholpaket ist die Wasserpistole der Anti-Corona-Politik

Die jetzt veranschlagten zwei Milliarden sind – um in der Waffenmetaphorik zu bleiben – so etwas wie die Wasserpistole der Anti-Corona-Politik: der Versuch, ein Bildungssystem, das über Jahre hinweg kaputtgespart wurde, mit ein paar Spritzern zu retten.

Nun zeugt es freilich ohnehin von einer einigermaßen menschenverachtenden Gesellschaftsvorstellung, Kinder als Kapital zu betrachten. Dass ein System, das dieser Betrachtung folgt, aber nicht bereit ist, wenigstens hinreichend vorausschauend in eben dieses Kapital zu investieren, ist selbst innerhalb der Marktlogik schwer begreiflich.

Schon vor der Pandemie wurden Kindheit und Jugend immer weiter verkürzt, mit dem Ziel, neue Kräfte so früh wie möglich auf den Arbeitsmarkt zu spülen – ausgerechnet in einer Gesellschaft, in der die Menschen immer länger werden arbeiten müssen. Nach mehr als einem Jahr Pandemie sendet das Aufholpaket der Bundesregierung in Richtung der Schülerschaft erst recht das Signal: Schnell zurück ins Glied der Produktivität, ihr habt schon so viel verpasst, ihr werdet den Anschluss gänzlich verlieren! Es fragt sich nur: woran eigentlich? Die verlorenen Sozialkontakte der letzten anderthalb Jahre, die nicht geschlossenen Freundschaften, die nicht gefeierten Geburtstage, nicht angetretenen Klassenfahrten und nicht durchtanzten Nächte – sie sind nicht gemeint.

Die Wahrheit ist: Am Ende ist der Gesellschaft, in der wir leben, die Psyche der Kinder herzlich egal, solange sie stabil genug sind, irgendwann einen wirtschaftlichen Mehrwert zu generieren. Alle anderen werden rückwirkend zur verlorenen Generation erklärt, für die die eine Investition, die ihnen einen der Teil der verlorenen Kindheit hätte zurückgeben können, offenbar zu teuer war: Zeit.