Jugend und Erneuerung in der Politik: Frischer Wind bringt noch lange keine Kompetenz – Kommentar

Die Rufe sind ja nicht mehr zu überhören. „Erneuerung!“ schallt es durch die öffentliche Arena. Und: „Aufbruch!“ Spätestens nach dem SPD-Parteitag am Wochenende, als Martin Schulz (62) nicht zuletzt wegen einer schlechten Rede Angela Merkel (63) und Horst Seehofer (68) beinahe mit in den Abgrund gerissen hätte. Und war nicht der österreichische Kanzler Sebastian Kurz (31) bei seinem jüngsten Berlin-Besuch wieder so wahnsinnig fesch?

Nun ist unübersehbar, dass wir in der Geschichte der Bundesrepublik vor einem Bruch stehen. Allerdings gibt es eine zunehmende Tendenz, unterschiedliche Leute unterschiedlichen Alters mit unterschiedlichen politischen Vorstellungen unter dem Label „Erneuerung“ zu versammeln und damit zu adeln. Das ist den Personen nicht angemessen. Und es hat etwas verstörend Unpolitisches.

Kühnert sprach aus Überzeugung

Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert (28) zum Beispiel hat in Bonn zwar besser als Schulz zu reden gewusst. Denn er sprach aus Überzeugung. Nur, wo wären seine Partei und das Land jetzt, wenn er sich mit seinem Nein zur Großen Koalition durchgesetzt hätte? Erstmal im Chaos. Oder FDP-Chef Christian Lindner (39). Seine Ablehnung von Verantwortung hat der Republik ein neues Verb beschert: „lindnern“.

Schließlich der CSU-Landesgruppenvorsitzende Alexander Dobrindt. Er ist erstens schon 47 und ziemlich lange im Geschäft, hat sich zweitens mit der Pkw-Maut zweifelhafte Lorbeeren erworben und fällt drittens vor allem durch provozierende Äußerungen auf, die notwendige Annäherungen nicht erleichtern, sondern erschweren und so jenes Chaos verstärken, das anschließend beklagt wird.

Nicht so müde wie die Altvorderen

Ebenfalls ziemlich lange im Geschäft ist CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn (37); er sitzt seit 2002 im Bundestag und ließ sich nach Kurz’ Wahlsieg mit diesem fotografieren. Spahn ist fraglos intelligent, sachkundig und rhetorisch versiert. Freilich würde man sich wünschen, dass er sich so entschieden gegen den Rechtsdrall wendet, wie er es gegen den Islamismus tut. Die voraussichtlich neuen Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock (37) und Robert Habeck (48) müssen erst noch zeigen, was sie in der ersten Reihe vermögen. Kurzum: Unter dem Label Erneuerung laufen ganz unterschiedliche Politiker ganz unterschiedlichen Alters. Einzige Übereinstimmung: Die Damen und Herren sehen nicht so müde aus wie die Altvorderen.

Überdies ist es ja nicht so, dass alles einfacher würde, wenn die Jungen dran kämen. Im Gegenteil: Die Kühnerts, Spahns und Lindners wollen die Unschärfe der Merkel-Ära ersetzen durch klare inhaltliche Profile. Die Menschen sollen wissen, woran sie sind. Das dient der Politik und mag den Bürgern an der Urne beim nächsten Mal die Wahl erleichtern.

Das erleichtert jedoch nicht unbedingt die Bildung von Regierungen. Die politischen Gegensätze würden nämlich mit einem weiteren Aufstieg mancher der Genannten eher größer – und die Kompromissbereitschaft würde mutmaßlich eher kleiner.

SPD anfällig für Projektionen von Hoffnungen

Ohnehin zeigt die Sehnsucht nach einem Generationswechsel zuweilen lediglich Projektionen an - Projektionen von Erwartungen oder Hoffnungen, die bloß enttäuscht werden können. Vor allem die Sozialdemokraten sind dafür anfällig. Sie wechseln ihre Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten aus wie der Hamburger Sportverein seine Trainer. Die Partei und der Fußballclub zeigen: Personelle Rochaden machen die Sache nicht besser, wenn die Substanz nicht stimmt.

Die Rufe nach „Erneuerung“ und „Aufbruch“ sind so oder so irre kurzschlüssig. Es fehlt der Zusatz: „Erneuerung wozu?“ Und: „Aufbruch wohin?“ Mögen 30-Jährige frischer aussehen als 60-Jährige: Man kann auch mit ihnen im politischen Elend landen.