Manches sei, behauptet der Volksmund, zu schön, um wahr zu sein, aber an der Wahrheit des Schrecklichen wird nur selten gezweifelt. Geschieht ein furchtbares Verbrechen – wie jüngst in Berlin der brutale Mord an einem 20-Jährigen durch sechs junge Männer –, dann genügt es den Medien nicht, der Kundschaft die blutige Tat vor Augen zu führen, unvermeidlich wird es zusätzlich mit der Nachricht konfrontiert, die schreckliche Tat sei nur Ausdruck einer schrecklichen Lage, die Brutalität der jugendlichen Täter unwiderleglicher Beleg zunehmender Brutalität der Jugend, der die Justiz endlich mit härterem Durchgreifen begegnen müsse.

"Fette Schlagzeilen über Untaten"

So war es auch nach dem jüngsten Berliner Verbrechen, so war es auch schon vor mehr als einem halben Jahrhundert: „ Seit Monaten vergeht kaum ein Tag, an dem nicht die Zeitungen mit mehr oder minder fetten Schlagzeilen über irgendeine Untat eines ,Halbstarken' berichten. Daraus wird dann in der öffentlichen Meinung und auch in manchen Presseäußerungen vielfach die Konsequenz gezogen, die Jugendgerichte seien zu weich, das Jugendstrafrecht mit seinen spezialpräventiven Zielsetzungen sei ungeeignet, die Allgemeinheit vor solchen Untaten hinreichend zu schützen. Hier helfe nur hartes, abschreckendes Zuschlagen mit den schwersten Strafen, und dafür seien nur die Erwachsenengerichte und die Aburteilung nach allgemeinem Strafrecht geeignet.“ Diese Worte wurden 1956 von Prof. Friedrich Schaffstein gesprochen, nach 1933 einer der exponiertesten Vertreter der nationalsozialistischen Strafrechtslehre, nach 1945 – gründlich geläutert – einer der prominentesten Vertreter eines konservativ-liberalen Jugendstrafrechts.

Klischees, keine Erkenntnisse

Die These von der Zunahme der Jugendgewalt kann sich allenfalls auf Klischees berufen, nicht aber auf die Erkenntnisse der Justiz oder der Kriminologie. Es genügt ein Blick in die Kriminalstatistik. Danach hat die Zahl der 14- bis 21-Jährigen, die als Tatverdächtige eines Mordes oder eines Totschlags registriert wurden, um rund 14 Prozent im Vergleich zum Jahr 2009 pro 100 000 der Altersgruppe abgenommen. Für die insgesamt registrierte Gewaltkriminalität dieser Altersgruppe ergab sich in diesem Zeitraum ein Rückgang um 6, 5 Prozent. Zwar hatte die Kriminalstatistik noch bis 2007 eine Zunahme der schweren Körperverletzungen verzeichnet. Doch die ergab sich im Wesentlichen aus der erhöhten Bereitschaft der Opfer, die Täter anzuzeigen.

Kaum Interesse an den Gründen

Unverändert ist hingegen die Überzeugung der Bevölkerung, dass die Jugendgewalt in Deutschland Jahr für Jahr zunehme: Nach einer Umfrage von 2010 glauben neun von zehn Deutschen daran. Die Gründe dieses kollektiven Irrtums sind offensichtlich. Die Bilder der Videokameras, die dem Publikum den grausamen Mord oder die brutale Körperverletzung in der U-Bahn oder auf offener Straße immer und immer demonstrieren, sind nicht nur vor Gericht erstklassige Beweismittel – wer sie oft genug gesehen hat, wird die Zunahme der Jugendkriminalität für bewiesen und alle einschlägigen Ängste für begründet halten.

Wäre die Kriminalitätsentwicklung aber tatsächlich so bedrohlich wie von den meisten befürchtet, dann wäre ein starkes Interesse an den Gründen der Entwicklung nur natürlich. Aber kaum etwas interessiert die Medien und Gesellschaft weniger als die Gründe und die Ursachen der Jugendgewalt. Denn das würde bedeuten, die Kundschaft und sich selbst nicht mehr dem Verbrechen in Angst und Schrecken zu versetzen, sondern das Publikummit den gravierenden sozialen und politischen Problemen zu konfrontieren, die das Leben in einer Zuwanderungsgesellschaft bereithält.

Arrest ist kontraproduktiv

Wenn bekannt wird, dass drei Viertel der jugendlichen Gewalttäter keinen oder einen niedrigen Schulabschluss haben, dass junge Zuwanderer, die länger als fünf Jahre in Deutschland leben und an der Integration gescheitert sind, zwei- bis dreimal so häufig Gewalttaten begehen wie gleichaltrige Deutsche, dann lässt sich Jugendgewalt natürlich noch immer ausschließlich als Kriminalitätsproblem betrachten, dem nur mit „hartem, abschreckendem Zuschlagen“ der Justiz beizukommen ist, aber ebenso vernünftig wäre dann die Forderung, Frustration und Deklassierung zu verbieten und den Hass unter Strafe zu stellen.

Unmittelbar nach dem jüngsten Mord in Berlin forderten Politiker der Union, das Jugendstrafrecht zu verschärfen und den „Warnschussarrest“ einzuführen. Natürlich, irgendwie müssen jugendliche Gewalttäter schließlich ihre künftigen Komplizen kennenlernen und den Absturz der Rückfallquote verhindern.