Gemeinsam in eine Richtung. 
Foto: imago images/Winfried Rothermel

BerlinDer Jugendrat der Generationen Stiftung hat in dem Buch „Ihr habt keinen Plan“ mit den Versäumnissen der älteren (Politiker-)Generation beim Klimaschutz, beim Abbau sozialer Ungleichheiten, in der Friedenspolitik abgerechnet. Symbolisch wurde der Generationenvertrag gekündigt und ein neuer gefordert. In der Gruppe Neubeginn haben sich nun Vertreter der linken älteren Generation um Ingo Schulze, Ludger Volmer, Gabi Zimmer, Antje Vollmer zusammengefunden. In einem offenen Brief haben sie sich selbstkritisch mit ihren Versäumnissen auseinandergesetzt und dann die Jüngeren um ein Bündnis gebeten. Das ist die Antwort:   

Liebe Verbündete der Gruppe Neubeginn,

der folgende Text ist unsere Antwort auf euren Brief an uns und eure bestärkende Reaktion auf unser Buch „Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen“.

Wir, das sind acht junge Autor*innen aus dem Jugendrat der Generationen Stiftung, die sich mit aller Kraft für einen Systemwandel hin zu einer generationengerechten Welt einsetzen. Junge Menschen, die in der gegenwärtigen Situation ihre Zukunft gefährdet sehen. Aktivist*innen, die die immer gleichen Märchenerzählungen von Wachstum als Allheilmittel, die Ausbeutung der Vielen und unsere imperiale Lebensweise so nicht mehr hinnehmen wollen. Politische Menschen, die sich nicht weiter an einem System mitschuldig machen wollen, in dem wir heute auf Kosten von morgen und hier auf Kosten von anderswo handeln.

Unser Buch „Ihr habt keinen Plan“ beginnt mit einem Brief an die Generation „Not gonna happen“. Darin klagen wir alle an, die unseren Forderungen nach Veränderung nur milde lächelnd entgegenhalten: „Das ist ja schön und gut – aber so funktioniert die Welt nicht. „It’s not gonna happen.“ Wir richten uns an diejenigen, die zwar sehen, mit welchen multiplen Krisen unsere Generation konfrontiert ist und die nach eigener Aussage „früher auch einmal so radikal und aktiv waren“ wie wir, aber mit der Zeit still geworden und jetzt „froh sind, dass die Jugend wieder aktiv wird“. Denn sie lehnen sich zurück, wo von ihnen Solidarität und Unterstützung gefordert wäre. Wir sprechen die an, die es sich in ihrer Behauptung bequem machen, dass ohnehin alles immer so weitergehen werde wie bisher. Denn sie machen sich mitschuldig am Ausverkauf unserer Zukunft. Und ihr merkt richtig an: Diese Haltung attestieren wir vor allem Menschen in den Generationen unserer Eltern und Großeltern.

Wir belassen es nicht bei dieser Anklage, sondern fordern die Vertreter*innen der Generation „Not gonna happen“ dazu auf, mit uns gemeinsame Sache zu machen. Schließlich wollen wir keinen weiteren Keil zwischen die Generationen treiben. Wir glauben stattdessen an den Zusammenschluss von Jung und Alt. Nur so halten wir Systemveränderung für möglich.

Dass wir das ausführen, hat folgenden Grund: Ihr schreibt in eurem Brief, dass ihr euch von diesem Aufschrei angesprochen fühlt. Wir möchten euch hiermit von unseren Vorwürfen entlasten: Wenn wir an euch denken, denken wir vor allem an Verbündete. Denn weder seid ihr still geworden noch versucht ihr, uns mit eurer Reaktion zu belehren. Im Gegenteil: Ihr nehmt unsere Forderungen ernst, gesteht Versäumnisse der politischen Linken in den letzten Jahrzehnten ein, ergänzt unsere zusammengetragenen Gedanken durch wichtige Fragen. Das alles ist das Gegenteil der Symptomatik, die wir beschreiben. Ihr seid Rückendeckung, Unterstützung und kritische Stimme. Dafür möchten wir uns bei euch bedanken.

Wenn ihr fragt, was wir zu eurer Analyse, den Befürchtungen und Hoffnungen meinen, fällt uns die Antwort darauf leicht: Wir stimmen euch zu – sowohl in der Problembeschreibung als auch den Schlussfolgerungen.

In vielen politischen Kämpfen, die ihr geführt habt und in denen ihr möglicherweise sogar große Erfolge verzeichnen konntet, stehen wir heute nach unserem Gefühl wieder am Anfang. Dabei sehen wir uns mit einer politischen Linken konfrontiert, die zu großen Teilen das Ökologieproblem immer noch gegen Soziales abwägt, statt gangbare und verbindende Wege in die Zukunft zu präsentieren. Dort wird häufig mit Schlagworten agiert, aber es fehlen aus unserer Sicht konkrete Bilder und Visionen. Auf den Demonstrationen der Klimabewegung fordern viele junge Menschen jetzt lautstark einen system change. Das wäre eigentlich die Chance für die Aktiven in den älteren Generationen, die ebenfalls für einen sozial-ökologischen Wandel einstehen, sich mit ihnen und uns zusammenzuschließen und gemeinsam daran zu arbeiten, wie diese Forderung konkretisiert werden kann. Bislang wird diese Chance aber leider kaum wahrgenommen. Schlagwörter wie sozial-ökologische Transformation oder Green (New) Deal geistern durch die Debatte über Wege aus dem ständigen Krisenzustand. Wir glauben, dass sie mit den richtigen Fragen und Inhalten gefüllt werden müssen und sehen es als unsere gemeinsame Verantwortung, die Denker*innen, die das schon getan haben, weiter sichtbar zu machen. Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass aktuelle Maßnahmen nicht nur einen Turbokapitalismus blassgrün anstreichen, sondern die entscheidenden Stellschrauben im System adressieren.

Die Schreiber

Die Gruppe Neubeginn hat sich im Koordinationsgremium der Bewegung „Aufstehen“ kennengelernt. Prominentestes Gesicht war Sahra Wagenknecht. Nach dem Scheitern von Aufstehen habe sich die Gruppe Neubeginn , eine „linkspluralistische“ lockere Verbindung gefunden, um sich weiter für grundlegende gesellschaftliche Reformen einzusetzen.

Der Jugendrat ist Teil der Generationen Stiftung, die sich vorgenommen hat, junge und alte Menschen zu verbünden, um das System zu verändern. Die Stiftung war 2017 entstanden. Bekannter wurde der Jugendrat der Stiftung 2018 mit der Kampagne, „Wir kündigen den Generationenvertrag“. 2019 folgte das Buch „Ihr habt keinen Plan.“

Bei unserer Arbeit begleitet uns – genauso wie euch – die Frage, wie all die notwendigen Veränderungen umgesetzt werden können. Wir sehen, dass viele Bewegungen es zwar geschafft haben, ein Momentum zu erzeugen, aber (bislang) kaum langfristige, systemische und tiefgreifende Veränderungen erzielen konnten. An manchen Tagen erdrückt uns die Frage, ob unsere Generation die gleichen Kämpfe ein weiteres Mal vergebens austragen wird. Dann hoffen wir, auf eure Erfahrungen und Schlussfolgerungen zurückgreifen zu können. Und es macht uns Mut und gibt uns Kraft, wenn wir euch hinter und neben uns wissen.

Wir sind der Überzeugung, dass sich die Klima- und Ökologiekrise nur systemisch lösen lässt. Die Klimakrise ist auch eine Wirtschafts-, eine Gerechtigkeits- und Demokratiekrise. Sie ist das Produkt von Ressourcen-Raubbau, Wachstumshunger und Externalisierung der Kosten unserer Lebensweise. Die Grundmuster und Maßstäbe unseres Wirtschaftssystems müssen infrage gestellt und auf politischer Ebene verändert werden. Wir sind der festen Überzeugung, dass das kein beängstigender Ausblick ist, sondern unsere Lebensrealität solidarischer, stressfreier und besser machen kann. Aber, und das halten wir für mindestens genauso wichtig: Wir müssen auch weiter konkrete Pläne vorlegen, wie das gelingen kann.

In unserem Buch haben wir deshalb nicht nur Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise zusammengetragen. Wir haben uns auch den nötigen wirtschaftlichen Veränderungen gewidmet, die soziale Frage thematisiert und sind auch das Thema Friedenspolitik angegangen. Dabei haben wir weniger neue Vorschläge gemacht. Sondern wir haben uns vor allem darum bemüht, Forderungen und Pläne, die bereits existieren, zusammenzutragen und zu einer konkreten politische Agenda der nächsten Jahre aufzubereiten.

Um den notwendigen Druck für eine tatsächliche sozial-ökologische Transformation aufzubauen, muss ein breites Bündnis für eine gemeinsame Agenda mobilisiert werden. Dafür können wir nicht allein als junge Generation einstehen. Dazu braucht es einen gesellschaftlichen Zusammenschluss zwischen den Aktiven aller Generationen. Und mit unserer Antwort auf euren Brief möchten wir dieses Bündnis beschließen.

Denn vor allem konservative Politiker*innen haben es fertiggebracht, den Protest von 1,4 Millionen Menschen, die zur gleichen Zeit in Deutschland für Klimaschutz auf die Straße gingen, schlicht auszusitzen. Die Proteste angesichts der drohenden Klimakatastrophe wurden zu einem spannenden Generationen-Konflikt hochstilisiert. Das wird schwieriger werden, sobald eine kritische Masse aus allen Generationen für eine gemeinsame Agenda einsteht. Statt die Geschichte des unüberwindbaren Generationenkonflikts zu erzählen, dürfen wir als Jung und Alt (oder Älter) uns nicht spalten lassen, sondern müssen gemeinsam den Blick auf die eigentlichen Kernfragen von Wachstum, Wohlstand und Macht lenken.

Gemeinsam können wir nicht nur erste Schritte eines Wandels skizzieren, sondern auch konkrete Bilder von einer Welt in 20, 50 und 100 Jahren zeichnen. Dazu möchten wir mit euch gemeinsame Sache machen. Wir brauchen euer Wissen, eure Fähigkeiten, eure Erfahrung. Umgekehrt bringen wir eine neue Form der Erzählung von der Zukunft und eine andere Perspektive auf den notwendigen Systemwandel mit. Wir stellen noch einmal neu infrage und bringen neue Impulse ein. Nur gemeinsam sind wir in der Lage, eine ausreichend große kritische, gesellschaftliche Masse zu mobilisieren. Wir müssen es schaffen, dass die stille Mehrheit endlich laut wird. Für eine lebenswerte, solidarische, zukunftsfähige Welt.

Die Corona-Pandemie ist auf diesem Weg eine Zäsur. Sie hat einem dysfunktionalen System in vielerlei Hinsicht die Maske heruntergerissen und die Krisen dahinter noch sichtbarer gemacht. Gleichzeitig drohen die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung mit ihrem erklärten Ziel, möglichst schnell zurück zu einem „Normal“ zu kommen, die ökologischen, sozialen und humanitären Krisen zu verschärfen. Denn das Normal, in dem wir vor Corona gelebt haben, war und ist immer noch zerstörerisch. Jetzt entscheidet sich, wie die Welt nach Corona aussehen wird. Es wird entschieden: Betonieren wir den Status quo ein? Vertagen wir unser Handeln zur Klimakrise genauso wie zur grausamen Situation an Europas Außengrenzen und der fortschreitenden sozialen Spaltung? Schieben wir die Fragen nach einer Grundversorgung für alle und nach Veränderungen unserer Wirtschaftsweise auf? Oder nutzen wir diese Krise tatsächlich als Chance, eine bessere Welt nach Corona zu schaffen?

Wenn wir bei dieser Entscheidung mitreden wollen, müssen wir jetzt da sein. Dann müssen wir uns jetzt zusammenschließen und Viele werden. Es liegt an uns, jetzt die ersten Schritte für solidarische und ökologisch verträgliche Wege aus der Krise benennen.

Wir als Jugendrat der Generationen Stiftung fordern von der Bundesregierung den „Generationen-Rettungsschirm“ – einen Rettungsschirm für die Menschen und für die Zukunft. Damit fordern wir, in dieser Krise die Klimaziele umzusetzen, Wirtschaftshilfen nur unter strengen sozialen und ökologischen Bedingungen zu verabschieden, das Leid an den europäischen Außengrenzen sofort durch Evakuierung der Geflüchtetenlager zu beenden und die soziale Spaltung zu stoppen. Denn wenn wir jetzt nicht schnell einen Kurswechsel einleiten, fürchten wir, nach dieser Krise vor einem gesellschaftlichen Trümmerhaufen zu stehen. Ein Trümmerhaufen, unter dem unsere Zukunft verschüttgeht.

Das können wir nicht hinnehmen. Wir sind wütend, aber auch hoffnungsvoll, dass Veränderung gerade jetzt möglich ist. Die Zeit drängt. Deshalb: Lasst uns sofort beginnen und nicht nur auf diesem Wege ein Bündnis zwischen den Generationen schließen, sondern es direkt in die Tat umsetzen.

Wir freuen uns darauf.

Franziska Heinisch, Sarah Hadj Ammar, Jonathan Gut, Jakob Nehls, Hannah Lübbert, Lucie Hammecke, Niklas Hecht und Daniel Al-Kayal

Die Autor*innen von „Ihr habt keinen Plan“ für den Jugendrat der Generationen Stiftung und Mitinitiator*innen der Kampagne „Generationen-Rettungsschirm“