Mahnwache für Julian Assange am Berliner Alexanderplatz am 19. September 2020.
Foto: Bernd Friedel

BerlinDer Umgang der deutschen Öffentlichkeit mit Julian Assange bleibt ein Problem. Obwohl aus ethischer Sicht klar sein sollte, dass der Australier mit seiner Veröffentlichung der Wikileaks-Daten einen Mut aufgebracht hat, den nur wenige Journalisten bereit sind zu investieren, eilt dem aktuell in London inhaftierten Mann immer noch ein schlechter Ruf voraus. Die internationalen Anklagen, die Vergewaltigungsvorwürfe, die Denunziationsversuche durch Ex-Präsident Barack Obama stellen den Journalisten als Staatsverräter dar, bevor ein Urteil überhaupt gefällt wurde.

Aktuell findet in London der Auslieferungsprozess gegen Julian Assange statt, dieser steht unter Spionageverdacht. Dabei haben die letzten Tage bewiesen: Der Ablauf der Anhörungen verläuft absurd und ist einer Demokratie unwürdig. Fast könnte man glauben, dass die Corona-Pandemie tatsächlich dafür instrumentalisiert wird, um Freiheitsrechte einzuschränken. Im Fall von Assange ist das mindestens zu vermuten: Beobachter dürfen den Prozess nur in einem Nebenraum verfolgen, die Anhörungen werden immer wieder wegen der Corona-Gefahr vertagt. Ein transparentes Verfahren kann so nicht stattfinden.

In Berlin sitzt zwar einer von Julian Assanges Anwälten, hier kam es auch am Sonntag zu einem Protestmarsch für die Freilassung des Wikileaks-Gründers. Und trotzdem: Die meisten deutschen Medien berichten über den Gerichtsprozess und seine Absurditäten nur verhalten oder mit angezogener Handbremse. Der Umgang mit dem radikalen Transparenzanspruch von Julian Assange spaltet unser Sicherheitsverständnis und torpediert die Vorstellungen einer guten Regierung, die zum Schutz des eigenen Volkes Verbrechen gegen die Menschenwürde zu begehen bereit ist. Wie weit die Grenzen des Staates reichen dürfen, darüber muss man diskutieren. Doch eine Diskussion abzuwürgen, weil man die Konfrontation scheut – das darf es nicht geben. Die deutschen Medien sollten jetzt Verantwortung zeigen und sich mit Assange solidarisieren.