Julian Assanges Verlobte Stella Morris vor dem Gericht Old Bailey in London. Rechts Assanges Vater John Shipton.
Foto: Kirsty Wigglesworth/AP

BerlinStella Morris hatte sichtlich Mühe, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten. Dennoch ließ es sich die Verlobte von WikiLeaks-Gründer Julian Assange nicht nehmen, nach dem Ende der Anhörung vor dem Londoner Gericht Old Bailey eine Stellungnahme abzugeben. „Es ist ein Kampf um Julians Leben, ein Kampf für die Pressefreiheit und ein Kampf um die Wahrheit“, sagte sie am Donnerstag. Ihr Verlobter sitze in Haft, weil er Verbrechen ans Licht gebracht habe, für die die Täter bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen seien. „Unsere Kinder brauchen ihren Vater“, sagte sie und kämpfte mit den Tränen. „Julian braucht seine Freiheit und unsere Demokratie braucht die Pressefreiheit.“

Ob es so kommt, wird sich erst im nächsten Jahr zeigen. Am 4. Januar wird das Gericht seine Entscheidung bekannt geben, ob Assange an die USA ausgeliefert wird, wo ihm bis zu 175 Jahre Haft drohen. Assange bleibt bis dahin weiter im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh inhaftiert, wo er bereits seit 1. Mai 2019 einsitzt, zuvor hatte er sieben Jahre in der Botschaft von Ecuador verbracht.

Die Haftbedingungen im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh sind immer wieder kritisiert worden. Ursprünglich war Assange zu 50 Wochen Haft verurteilt worden, weil er sich durch die Flucht in die Botschaft von Ecuador der Strafverfolgung entzogen hatte. Im Jahr 2012 hatte ihm eine Auslieferung nach Schweden gedroht. Assange erklärte, dass er befürchtete, von dort in die USA abgeschoben zu werden. Die 50 Wochen hat Assange mittlerweile abgesessen, er bleibt aber weiterhin in Haft, die durch die Pandemie-Bestimmungen nun noch strikter gehandhabt wird. Erst  kurz vor dem Prozess hatte er nach sechs Monaten das erste Mal wieder Besuch von seiner Familie.

Die amerikanische Regierung fordert Assanges Auslieferung, weil er via WikiLeaks massive Kriegsverbrechen der US-Streitkräfte in Afghanistan aufgedeckt hatte. So veröffentliche WikiLeaks im Jahr 2010 die Bordvideos von zwei Kampfhubschraubern der amerikanischen Streitkräfte, die im Jahr 2007 drei Luftangriffe in Bagdad geflogen und dabei auch unbewaffnete Zivilisten getötet hatten. Die Regierung der USA versucht seitdem, Assange unter dem Vorwurf der Spionage und der Konspiration vor Gericht zu stellen.

In der Anhörung ging es der Verteidigung, die die meisten Zeugen benannt hatte, darum, darzulegen, dass Assanges Veröffentlichungen von der Pressefreiheit gedeckt waren und er keine Personen in Gefahr gebracht oder geschadet hat. So sagten neben Daniel Ellsberg, der 1971 die berühmten Pentagon Papers veröffentlich hatte, viele Investigativ-Journalisten aus, die mit Assange gearbeitet hatten. Auch medizinische Sachverständige kamen zu Wort, die über Assanges Depressionen und Suizidgefahr befragt wurden.

Viele Aussagen lassen sich zum Teil recht detailliert bei Dustin Hoffmann (@dhbln) auf Twitter nachlesen. Er ist Büroleiter des Europaabgeordneten Martin Sonneborn und hat in Vertretung seines Chefs den Prozess als politischer Beobachter beobachtet. Zwei Tage davon saß er direkt im Gerichtssaal, zu dem nur eine Handvoll Leute Zutritt hatte. Für einige weitere wurde das Verfahren per Video in einen Nebensaal übertragen.

„Man sieht Assange an, dass er angeschlagen ist“, sagt Hoffmann im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Er habe dem Verlauf aber dennoch konzentriert verfolgt und sich auch mehrfach zu Wort gemeldet. Das Verfahren selbst sei sehr komplex gewesen, sagt Hoffmann. „Ich bin abends oft mit Kopfschmerzen rausgegangen.“ Beide Seiten würden von ausgezeichneten Anwälten vertreten. „Das sind extrem brillante Leute, die vor Gericht wahnsinnig eloquent auftreten und versuchen, die Zeugen der Gegenseite aufs Glatteis zu führen.“

Wie in einem Agentenfilm

Manchmal habe das Ganze aber auch etwas von einem Agententhriller gehabt, so Hoffmann. Etwa als es um die Aussage zweier anonymer Zeugen aus der Umfeld der Sicherheitsfirma UC Global ging. Die Firma war mit den Sicherheitsvorkehrungen für die ecuadorianische Botschaft betraut, soll aber ab 2015 Assange illegal abgehört haben – vermutlich im Auftrag der CIA. Gegen den Chef von UC Global, David Morales, läuft in Spanien ein Verfahren.

Die Aussage der anonymen Zeugen stammen aus diesem Verfahren. Danach habe Morales erklärt, er sei auf die „dunkle Seite“ gewechselt und eine Vereinbarung mit den US-Behörden eingegangen. Es sei in der Firma bekannt gewesen, dass täglich Berichte über Assange gefertigt und an die US-Behörden weitergeleitet worden seien. Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten seien Kameras und Mikrofone in der Botschaft installiert worden. Mit den „Freunden aus den USA“ seien sogar „extreme Maßnahmen“ zum Schaden Assanges besprochen worden, etwa eine Tür in der Botschaft offen zu lassen, damit eine fremde Person eindringen kann oder ihn zu vergiften. „Die beiden Zeugen leben nun unter bewaffneter Bewachung, weil im Haus von Morales eine Pistole mit abgefeilter Seriennummer gefunden wurde“, twitterte Hoffmann. „Die Aussagen haben mich echt umgehauen“, sagte er der Berliner Zeitung am Freitag.

An anderer Stelle ging es ausführlich um die Haftbedingungen in den US-Gefängnissen. So müsse Assange damit rechnen, dass er seine Zeit in Einzelhaft verbringen und verschärften Sicherheitsvorkehrungen unterliegen wird. Ob es dazu kommt, wird sich erst in drei Monaten entscheiden. Zunächst haben Assanges Anwälte vier Wochen Zeit, um ihr Plädoyer schriftlich bei Gericht einzureichen. Danach bleiben den Anklägern zwei Wochen für eine Erwiderung. Dann muss Richterin Vanessa Baraitser Anfang Januar das vermutlich bedeutendste Urteil ihrer Karriere fällen.