John Shipton vor wenigen Tagen vor dem Gericht in London.
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BerlinDie Anhörung über das Schicksal seines Sohnes Julian Assange ist vorbei, nun heißt es für John Shipton wieder zu reisen. Seit Dienstag ist er in Berlin, hat Abgeordnete der verschiedenen Fraktionen getroffen. Am Donnerstagvormittag sitzt er im Saal der Linken-Fraktion im Bundestag und erklärt den wenigen Journalisten, die gekommen sind, wie wichtig die Unterstützung im Auslieferungsverfahren gegen seinen Sohn ist.

Die knapp vierwöchige Anhörung vor dem Gericht Old Bailey in London ist auch an dem 76-Jährigen nicht spurlos vorübergegangen. Wie um sich selbst zu vergewissern, zählt er die Städte und Länder auf, wo ihm Parlamentsabgeordnete ihre Unterstützung zusicherten: Frankreich, Spanien, Griechenland und natürlich Deutschland. Denn auch in Berlin hat es am Vorabend ein Gespräch mit Abgeordneten fast aller Fraktionen gegeben. „Die Unterstützung wächst“, sagt Shipton und lächelt ein bisschen dabei. Zu den Journalisten gewandt, sagte er: „Wenn ihr Julian unterstützt, helft ihr euch selbst.“ Das Verfahren, das die USA gegen seinen Sohn anstrengten, wende sich gegen die Pressefreiheit an sich. Werde er verurteilt, könne bald jeder Journalist, der investigativ arbeitet, in den USA wegen Spionage vor Gericht stehen. „Die USA arbeiten daran, alle Kritik gegen ihre Praktiken zu unterdrücken“, ist er überzeugt. Es sei nun das elfte Jahr, in dem Assange sich gegen Willkür und Verfolgung zur Wehr setzen müsse.

Zumindest, was das Auslieferungsverfahren gegen den WikiLeaks-Gründer in London betrifft, ist allerdings ein Ende abzusehen. Nach knapp vierwöchiger Anhörung vieler Zeugen, die vor allem die Verteidigung benannt hat, wurde das Verfahren Ende vergangener Woche unterbrochen. Nun hat die Verteidigung vier Wochen Zeit, ihr Plädoyer zu formulieren, danach wird die Anklagevertretung darauf reagieren. Auch das Urteil am 4. Januar soll schriftlich erfolgen.

Sollte Julian Assange an die USA ausgeliefert werden, drohen ihm dort 175 Jahre Haft. Die US-Justiz wirft dem 49-Jährigen vor, der Whistleblowerin Chelsea Manning geholfen zu haben, geheimes Material von US-Militäreinsätzen im Irak und in Afghanistan zu veröffentlichen. Die Unterlagen deckten unter anderem Kriegsverbrechen des amerikanischen Militärs auf. So veröffentlichte WikiLeaks im Jahr 2010 die Bordvideos von zwei Kampfhubschraubern der amerikanischen Streitkräfte, die drei Jahre zuvor drei Luftangriffe in Bagdad geflogen und dabei auch unbewaffnete Zivilisten getötet hatten.

Der Prozess, der von Demonstrationen in London, Paris und Rom begleitet wurde, war wegen Corona monatelang ausgesetzt gewesen. Assange sitzt im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh ein, das für seine harten Haftbedingungen berüchtigt ist. Er sei dort nun in eine andere Abteilung verlegt worden, die für Häftlinge über 50 Jahren ausgerichtet sei, erzählte John Shipton am Donnerstag. Er dürfe einmal im Monat für 40 Minuten Besuch empfangen, in Schutzkleidung wegen der Corona-Pandemie. „Umarmungen und jeglicher körperlicher Kontakt sind verboten.“ Ansonsten sei er 23 Stunden am Tag in Einzelhaft. Um etwas sozialen Kontakt zu haben, besuche Julian die Gottesdienste im Gefängnis, besonders die der Christen und Buddhisten, da diese am längsten dauerten.

Die Bundestagsabgeordneten der Linken Sevim Dagedelen und Heike Hänsel verfolgen Julian Assanges Auslieferungsverfahren von Beginn an. Am Donnerstag kritisierten sie erneut die Umstände des Verfahrens, das wegen des restriktiven Zugangs quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden habe. „Das Verfahren hat aber nicht nur eine juristische Seite“, sagte Sevim Dagdelen. Die Politik sei in ihren Entscheidungen frei und könne sich auch nach einem entsprechenden Urteil entscheiden, die Auslieferung nicht umzusetzen. Sie bezeichnete Assange als einen „Dissidenten des Westens“ und forderte von der Bundesregierung Engagement in seinem Fall.