Junge in Frankfurt vor ICE gestoßen: Mutmaßlicher Täter seit Tagen auf der Flucht

Frankfurt/Main - Der mutmaßliche Täter von Frankfurt am Main wurde seit dem vergangenen Donnerstag von der Schweizer Polizei gesucht. Der Mann habe seine Nachbarin mit einem Messer bedroht, eingesperrt und sei dann geflohen. Daraufhin sei er in der Schweiz zur Festnahme ausgeschrieben gewesen, sagte Bundespolizeipräsident Dieter Romann am Dienstag in Berlin. 

Bis zuletzt habe er im Kanton Zürich in der Schweiz gelebt. Wie die Schweizer Polizei am Dienstag via Twitter mitteilte, war der Mann mit eritreischer Staatsbürgerschaft im Besitz einer sogenannten Niederlassungsbewilligung.

Familienvater von drei Kindern

Bei dem Tatverdächtigen handelt es sich um einen verheirateten Familienvater. „Er soll seit 2006 in der Schweiz leben, er soll verheiratet sein und Vater von drei Kindern sein“, sagte die Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft, Nadja Niesen, am Dienstag. „Er hat angegeben, er sei vor wenigen Tage von Basel mit dem Zug nach Frankfurt gefahren.“ In Deutschland sei er bislang nicht polizeibekannt.

Tatverdächtiger war psychiatrischer Behandlung

Nach Angaben der Schweizer Behörden habe sich der Verdächtige seit Anfang des Jahres in psychiatrischer Behandlung befunden. Es hätten aber „keine Hinweise auf eine Radikalisierung oder ein ideologisches Motiv“ vorgelegen, teilten die Schweizer Ermittler am Dienstag in Zürich mit. Es liefen weitere Ermittlungen zu seinem Gesundheitszustand. Er habe aber „ganz offensichtlich psychische Problemen“ gehabt.

40-Jähriger soll Mutter und Kind in Gleisbett geschubst haben

Der 40-Jährige soll am Montag einen achtjährigen Jungen vor einen einfahrenden ICE in den Tod gestoßen haben. Auch die Mutter des Jungen soll er ins Gleisbett gestoßen und es bei einer weiteren Person versucht haben. Die Mutter aus dem Hochtaunuskreis wurde verletzt. Die dritte Person konnte sich in Sicherheit bringen, ohne auf die Gleise zu stürzen.

Erkenntnisse zum Tatmotiv gibt es bisher nicht. Der Verdächtige habe noch keine Angaben zum Tatgeschehen gemacht, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Morgen. Der Mann aus Eritrea soll im Laufe des Tages dem Haftrichter vorgeführt werden. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen wegen des Verdacht des Mordes und des versuchten Mordes aufgenommen. Gegen den Mann wurde am Dienstag ein Haftbefehl erlassen worden. Der 40-jährige Eritreer wurde am Dienstagnachmittag dem Haftrichter vorgeführt und muss nun in Untersuchungshaft, wie die Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft der Deutschen Presse-Agentur sagte. Ihm wird Mord und versuchter Mord in zwei Fällen vorgeworfen. 

Am Dienstagabend haben rund 400 Menschen mit einer Andacht an den getöteten achtjährigen Jungen erinnert. Der Tod des Kindes sei für die Angehörigen eine „sinnlose Katastrophe“, sagte der Leiter der Frankfurter Bahnhofsmission, Carsten Baumann, am Dienstagabend. „Wir können nicht glauben, dass ein Leben sinnlos abbricht, das gerade erst begonnen hat.“

Baumann lud die Trauernden ein, sich in ein Kondolenzbuch einzutragen. Zunächst war geplant, die Andacht in der Bahnhofshalle abzuhalten, wegen des erwarteten großen Andrangs wurde sie aber auf den Vorplatz verlegt.
„Wir dürfen nicht zulassen, dass jetzt Gedanken von Hass um sich greifen“, sagte die Pfarrerin der Evangelischen Hoffnungsgemeinde, Jutta Jekel. Jetzt gelte es, bei den Opfern zu stehen. „Es geht darum, dass wir zusammenhalten, dass wir uns nicht hinreißen lassen von Wut und Gewalt“, sagte Jekel.

An dem Gottesdienst nahmen Vertreter der katholischen und evangelischen Gemeinden in Frankfurt teil - darunter auch Mitarbeiter der Bahnhofsmission und der eritreischen Kirchengemeinden Frankfurt.
Neben dem Gottesdienst gab es auf dem Bahnhofsvorplatz auch zwei Mahnwachen unterschiedlicher politischer Gruppierungen. „Es gab einige hitzige Diskussionen, aber niemand ist den anderen angegangen“, sagte ein Sprecher der Frankfurter Polizei. Die Andacht selbst sei ruhig verlaufen, hieß es.

Horst Seehofer unterbrach seinen Urlaub

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) unterbrach unterdessen seinen Urlaub und will sich „angesichts mehrerer schwerwiegender Taten in jüngerer Zeit“ am Dienstag in Berlin mit den Chefs der Sicherheitsbehörden beraten. Die Ergebnisse wird er auf einer Pressekonferenz (15.00 Uhr) vorstellen. Bei dem Treffen soll es nach dpa-Informationen neben der Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof auch um Angriffe und Drohungen gegen Vertreter der Linkspartei gehen, um Bombendrohungen gegen Moscheen sowie den rassistisch motivierten Angriff auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach.

Am Tatort herrschte am Dienstag Entsetzen. Zahlreiche Menschen legten am Bahnsteig 7 des Hauptbahnhofs Blumen, Kerzen und kleine Teddybären nieder. Am Abend soll es im Bahnhof eine öffentliche Andacht geben, an der Vertreter von katholischen und evangelischen Gemeinden teilnehmen.

Neue Debatte über Sicherheit an Bahnhöfen

Die Attacke im Hauptbahnhof löste auch eine Debatte über die Sicherheit an Bahnhöfen aus. Der CDU-Innenpolitiker Philipp Amthor sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Nach dieser furchtbaren Straftat braucht es jetzt rasche und spürbare Konsequenzen für den Täter. Zusätzlich zum Strafverfahren sollten auch aufenthaltsbeendende Maßnahmen diskutiert werden. Darüber hinaus bin ich offen für eine Diskussion über bessere Sicherheitsvorkehrungen an unseren Bahnhöfen.“

„Eine solche Tat offenbart keine Sicherheitslücke, sondern eine Menschlichkeitslücke“

Der SPD-Verkehrsexperte Martin Burkert bemängelte in der „Bild“-Zeitung (Dienstag) eine unzureichende Aufsicht an den Bahnsteigen, außerdem fehle es an den Bahnhöfen an Bundespolizisten.

Aus Sicht der Vorsitzenden der Verkehrsministerkonferenz, Anke Rehlinger (SPD), sind Taten wie in Frankfurt durch Sicherheitsmaßnahmen allerdings nicht zu verhindern. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Dienstag) sagte die saarländische Verkehrsministerin: „Eine solche Tat offenbart keine Sicherheitslücke, sondern eine Menschlichkeitslücke.“

Gewerkschaft der Polizei warnt vor Nachahmungstätern

Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek, warnte unterdessen vor Nachahmungstätern. Aus Großstädten wie Berlin seien Fälle sogenannter S- und U-Bahn-Schubser schon länger bekannt. „Die Polizei versucht sich nach jedem Fall präventiv besser einzustellen. Bei Taten, die vorsätzlich geschehen, stößt sie jedoch an ihre Grenzen“, sagte Radek dem RND.

Angesichts von 5600 Bahnhöfen und Haltestellen in Deutschland dürfe nicht mit schnellen Lösungen gerechnet werden. „Die sind alle so unterschiedlich strukturiert, dass es schwer sein dürfte, ein Konzept für alle zu entwickeln.“ Forderungen nach mehr Personal bezeichnete der GdP-Vize als unseriös.

Der Frankfurter Fall erinnert an eine Attacke, die sich vor gut einer Woche in Voerde in Nordrhein-Westfalen ereignet hatte: Dort hatte ein Mann eine Frau an einem Bahnhof vor einen Zug gestoßen und so getötet. (dpa/afp/red)