Junge Liberale: „Wir müssen professioneller werden“

Köln - Die Liberalen in Brandenburg haben den Slogan „Keine Sau braucht die FDP“ plakatiert. Ist die Verzweiflung schon so groß?

Konstantin Kuhle:Ich habe mich auch erst erschrocken. Aber es ist ja der Sinn dieser Kampagne, dass man aufgerüttelt wird. Die Brandenburger FDP hat nicht so gute Umfragewerte. Da fand ich es erfrischend, dass sie mal etwas Neues ausprobiert hat.

Mal ehrlich: Hat sich die FDP nur falsch verkauft – oder ist sie wegen ihres Programms aus dem Bundestag geflogen?

Kuhle: Beides. Inhaltlich haben wir uns zu einseitig auf Steuersenkungen konzentriert – und waren dabei so unrealistisch, dass wir viel zu wenig durchsetzen konnten. Andere Themen wie die Bürgerrechte sind zu sehr in den Hintergrund gerückt.
Womit wir auch bei der Selbstdarstellung sind.

Kuhle: Wenn man die FDP auf Podiumsdiskussionen vertritt, merkt man: Die Menschen gehen schon vorab davon aus, dass der Liberale der unsympathischste Vertreter auf dem Podium ist, und sind überrascht, wenn es dann anders ist. Das zeigt: Nur weil man für Marktwirtschaft ist, ist man noch lange kein Schwein.

Warum ist das Image so schlecht?

Kuhle: Es gibt bei vielen Liberalen einen Widerspruch zwischen Menschenbild und Kommunikation. Eigentlich sind wir diejenigen, die den Menschen am meisten zutrauen. Wir sagen: Der Staat kann das nicht so gut wie du. Wenn man aber als Liberaler elitär und besserwisserisch daherkommt, widerspricht das dem eigenen Menschenbild zu 100 Prozent.

Und jetzt?

Kuhle: Wir müssen einen neuen Diskurs mit gesellschaftlichen Verbündeten führen. Warum ist die FDP nicht in der Lage, mit Gewerkschaften über gemeinsame Anliegen zu diskutieren? Wenn man bei Energiewende und Industriepolitik die Vorstellungen der IG Bergbau, Chemie und Energie neben die Programmatik der FDP legt, wird man überraschende Parallelen feststellen. Wir brauchen diese Offenheit nach außen.

Es fehlt auch innere Stabilität. Der FDP-Vorsitz ist ein Schleudersitz.

Kuhle: Fürchterlich, oder? In der FDP mangelt es an einem realistischen Umgang mit der eigenen Führung. Guido Westerwelle war vielen irgendwann zu laut. Doch als wir den eher leisen Philipp Rösler zum Parteichef gemacht haben, hat auch das vielen ganz schnell nicht mehr gepasst. Wir müssen professioneller werden. Nehmen Sie mal die SPD. Was ist über Sigmar Gabriel früher alles Schlimmes gesagt worden? Doch als er Vorsitzender wurde, hat sich die Partei hinter ihm versammelt. Und die SPD hat – anders als wir – in der Regierung mehrere ihrer Versprechen schnell umgesetzt.

Bekommt Christian Lindner jetzt ein paar Jahre Zeit? Welche Debatte droht ihm, wenn er die Alternative für Deutschland nicht einholt?

Kuhle: Er braucht die Zeit, niemand sollte schnelle Wunder erwarten. Die FDP verliert absolut mehr Wähler an die SPD als an die AfD. Am meisten verlieren wir an die CDU. Ich bin dagegen, der AfD hinterherzulaufen. Wenn wir uns denen annähern, wählen die Leute doch lieber das Original.

Hat Sie überrascht, wie viel Häme auf die FDP im letzten Jahr eingeprasselt ist?

Kuhle: Nein. Und zwar, weil wir oft genug mit einem ähnlichen Maß an Häme mit dem politischen Gegner umgegangen sind. Im Bundestagswahlkampf waren Liberale an vorderster Front zu viel damit beschäftigt, in den Debatten über Veggie Day und Pädophilie auf die Grünen einzudreschen, statt über eigene Themen zu sprechen. Die Folge war zwar ein schlechtes Ergebnis für die Grünen – doch ein noch schlechteres für die FDP.

Das Gespräch führten Thorsten Keller und Tobias Peter