Das Klischee ist klar: Nicht die Jugend, sondern nur die Alten sind es, die sich zu den frustrierten und sozial Abgehängten in Brandenburg zählen. Die, die nach der Wende ihre Arbeit verloren, die nach der friedlichen Revolution 1989 zu wenig gehört und gesehen worden sind – und die nun ihr Kreuz bei der rechtspopulistischen AfD setzen und einem Rechtsaußenmann wie Andreas Kalbitz hinterherlaufen.

Die Grünen sind bei Jungwählern am beliebtesten 

Aber wie es oft ist mit Vorurteilen, sie stimmen nicht. Ein Blick in die Analysen der Forschungsgruppe Wahlen zeigt, dass die kleinste Gruppe der AfD-Wähler in Brandenburg die über 60-Jährigen sind: 18 Prozent sind es nämlich. Das ist zwar nicht wenig, aber auch die jüngeren, also die, die die Wende gar nicht miterlebt haben, sehen ihre politische Heimat bei der AfD. Der Partei also, die in Brandenburg mit Slogans wie „Vollende die Wende“ oder „Wende 2.0“ warb. 20 Prozent der unter 30-Jährigen, also mit einem Geburtsdatum nach 1990, wählten am Sonntag die Rechtspopulisten, die sich im Nachbarland solcher Wahlkampfsprüche bedienten. Allerdings sind die Grünen in dieser Altersstufe die Abräumer der Wahl: 24 Prozent gaben der Ökopartei ihr Kreuz. Bei den etablierten Parteien CDU und SPD zeigt sich ein umgekehrtes Bild: Je jünger der Wähler, desto geringer die Zustimmung zur Partei. Die CDU wurde von neun Prozent der unter 30-Jährigen gewählt, die SPD von 13 Prozent.

Die Zahlen basieren auf einer Befragung unter 1059 Wahlberechtigten in Brandenburg in der Woche vor der Wahl sowie auf der Befragung von 16.001 Wählern am Wahltag.

Wahlforscher Nico Siegel ist von Wahlerfolg der AfD bei Jungwählern nicht überrascht 

Auch das Umfrageinstitut Infratest Dimap bestätigt, dass die AfD bei den Jüngeren der Wahl in Brandenburg einen hohen Zulauf verzeichnet. Bei den 16- bis 24-Jährigen wählten 18 Prozent die AfD – drei Prozentpunkte mehr als bei der vorigen Wahl. In der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen waren es sogar 30 Prozent (ein Plus von 14). Vergleichsweise niedrig fällt das Ergebnis bei den über 70-Jährigen aus: Hier wählten 13 Prozent die Rechtspopulisten.

Auch in dieser Analyse sind die Grünen in dieser Alterskohorte zwischen 16 und 24 Jahren die Gewinner: 27 Prozent wählten die Ökopartei in Brandenburg. Befragt wurden am 1. September mehr als 22.000 Wählerinnen und Wähler in 200 ausgewählten Wahllokalen.
Bei der Wahl in Sachsen ergibt sich ein ähnliches Bild. Bei den unter 30-Jährigen ist die AfD beliebteste Partei. Die Grünen folgen hier erst an zweiter Stelle mit 19 Prozent. 

Nico Siegel, Wahlforscher von Infratest Dimap, ist von dem hohen Wahlerfolg der AfD bei den Jüngeren nicht wirklich überrascht. „Bereits bei der Bundestagswahl 2017 war die AfD der Union bei den Erstwählern in Ostdeutschland ‚auf den Fersen‘. Junge Menschen wählen seit Jahren immer weniger die klassischen Volksparteien, sie tendieren stärker zu den Grünen und der AfD, die Pole bei wichtigen Themen wie Zuwanderung und Klima besetzen“, sagte Siegel der Berliner Zeitung.

Slogans der AfD zielen auf ältere Wähler ab - mit weniger Zustimmung

Die Pole zögen junge Wähler stärker an als das Angebot der „Mitte“, das weniger differenziert, weniger polarisiert, mehr Kompromisse im Angebot enthalte. „In ländlichen Gegenden von Sachsen und Brandenburg, in den wir häufig eine schrumpfende Bevölkerung haben und die öffentliche Infrastruktur leidet, liegt der rechte Protest näher als libertär Grüne Politikkonzepte, die vor allem in den urbanen Zentren junge Menschen besonders erfolgreich anspricht“, erklärt Siegel.

Der Slogan „Vollende die Wende“ zielte als Wahlkampfslogan vor allem auf die mittleren und älteren Wähler ab, „übrigens dort auch nur mit magerer Zustimmung, so Siegel. „Kaum mehr als zehn Prozent der unter 45-Jährigen haben in Sachsen vor der Wahl der Aussage zugestimmt, die AfD stehe in der Tradition der ostdeutschen Bürgerbewegung von 1989“, betont der Wahlforscher.

Aber mehr als 40 Prozent fänden, dass die AfD ein Gespür für die Probleme der Menschen vor Ort habe. „Mehr als 80 Prozent der jungen AfD-Anhänger im Freistaat sind der Auffassung, mit der Wahl der AfD können sie am ehesten ihren Protest gegen die vorherrschende Politik zum Ausdruck bringen können. Die AfD ist immer noch das Sammelbecken für Protest gegen das Etablierte schlechthin“, sagt Siegel.