Berlin - Ein Schwarz-Weiß-Foto hat Angela Merkel dabei, silberfarben gerahmt. Die Schutzecken aus Pappe lieber mal dran gelassen. Das Bild muss ja noch einmal über den Atlantik fliegen. Justin Trudeau bekommt ein Foto von sich selber aus dem Jahr 1982. Zehn Jahre ist er auf dem Bild, er steht neben dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und seinem Vater Pierre Trudeau, dem damaligen kanadischen Premierminister. Es war ein Besuch im Kanzleramt in Bonn. Es ist ein Foto aus anderen Zeiten, vor Mauerfall, vor Ende des Kalten Krieges. Angela Merkel arbeitete als Physikerin in Ost-Berlin.

36 Jahre später ist der Sohn seinem Vater als kanadischer Premier nachgefolgt und Merkel schon eine ganze Weile Kanzlerin.

Und schon wieder sind es andere Zeiten. In den USA ist Donald Trump Präsident geworden, Schimpftiraden kommen seither aus dem Weißen Haus. Im Kanzleramt blickt man irritiert und ein wenig ratlos in die USA. Trudeaus Besuch ist da wohl eine angenehme Unterbrechung – jung, gut aussehend, charmant, liberal. Kanada hat Amerikanern halb scherzhaft, halb im Ernst Asyl angeboten. Außerdem ist er gerade bei Trump zu Besuch gewesen – vielleicht hat er ja etwas zu erzählen. Gleich nach ihrer Vernehmung im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags eilt Merkel daher zu Trudeau für ein fast ganz privates Abendessen. Ihr außenpolitischer Berater Christoph Heusgen ist einer der wenigen, der dabei ist.

Merkel bekräftigt Bedeutung des transatlantischen Verhältnisses

Am Freitag folgt das offizielle politische Gespräch im Kanzleramt. Ist das die Anti-Trump-Vorstellung, werden beide auf der Pressekonferenz im Anschluss gefragt. Merkel schüttelt unwillig den Kopf. „Ein gutes transatlantisches Verhältnis ist im Interesse Deutschland“, sagt sie und betont, die Bundesregierung werde mit allen US-Regierungen zusammenarbeiten, „egal wer gewählt ist“. Und auch wenn es mal Meinungsunterschiede gebe. 

Und auch Trudeau ist nicht auf Krawallkurs. „Ich habe viele gemeinsame Punkte gefunden mit Herrn Trump“, sagt er. „Man findet immer Möglichkeiten zusammenzuarbeiten.“ Tatsächlich hat Trudeau bei seinem Besuch im Weißen Haus einen höchst konzilianten Eindruck gemacht. Er sei sich mit dem US-Präsidenten einig gewesen, der Mittelklasse zu helfen, „denen, die sich wirtschaftliche Sorgen machen“. 

Es sind ziemlich allgemeine Aussagen und Ziele.

Ausführliche Freundschaftsbekundungen

Aber dennoch gibt es bei dem Treffen ein Anti-Trump-Momentum, nicht nur im Auftreten. Ausführlich sind die gegenseitigen Freundschaftsbekundungen. Die Kanzlerin hebt hervor, dass Kanada wie Deutschland viele Flüchtlinge aufnehme. „Ich bin sehr dankbar, wenn dies als eine weltweite Aufgabe verstanden wird.“

Trudeau wiederum lobt Merkels Rolle bei der Aushandlung des europäisch-kanadischen Freihhandelsabkommen CETA. Gerade erst hat das europäische Parlament CETA zugestimmt. Trump hingegen hat Freihandelsabkommen gestoppt.

Und dann ist da noch das Thema Nato. Trump hat sich abschätzig über die Nato geäußert, noch ist nicht klar, ob und in welchem Maße er sein Land aus dem Verteidigungsbündnis herausziehen will. „Wir sollten uns des Werts der Nato bewusst sein“, sagt Merkel. Auch die USA habe einen Teil seiner Bedeutung dem Bündnis zu verdanken. „Die Nato ist eine wichtige Institution, auch für die USA“, sagt sie. Ganz offenkundig ist sie sich nicht sicher, ob das im Weißen Haus auch so gesehen wird. Am Samstag trifft Merkel auf der Münchner Sicherheitskonferenz Vize-Präsident Michael Pence. Aber ob der ihr zuverlässig Auskunft über Trumps Ziele geben kann, ist nicht ausgemacht.