Da fahrn’s bei der Brücke links, die nächste rechts und dann über den Huckerl rüber. Da kimts scho, links, däs Haus vom Polt.“ In der kleinen Gemeinde Neuhaus bei Schliersee kann fast jeder sagen, wo der Kabarettist Gerhard Polt lebt. Es ist ein unscheinbares Haus, das in einer Kuhle liegt und keine Hausnummer hat.

Immerhin steht der Name an der Tür und nach einem Klingeln der Hausherr in derselben. Gerhard Polt wirkt entspannt. Er trägt ein blaukariertes Hemd, beige Hosen und plüschig-helle Hausschuhe. Er sagt Grüß Gott, bittet in die Stube, räumt Zeitungen weg, bietet einen Espresso an und eine Erläuterung darüber, warum es am Schliersee schneit, während es in München regnet (der Schliersee liegt circa 300 Meter höher).

Er wirkt größer als auf der Bühne und gelöster. Und er tut etwas, was der Komiker Polt nie macht: Er lächelt. Aber nur, bis man nach seinen Ruhestandsplänen fragt.

Herr Polt, Ihre langjährigen musikalischen Wegbegleiter, die Biermösl Blosn, haben vor Kurzem ihren Rücktritt aus der Kleinkunst erklärt. Sie selbst werden dieser Tage siebzig Jahre alt. Denken Sie auch darüber nach, aufzuhören?

Das ist eine Frage, die mir überhaupt nicht gefällt.

Oh je.

Schon das Wort Rücktritt ist falsch, denn die Biermösl haben ja auch nie ihren Antritt erklärt. Und ich tu’ auch keines von beidem. Ich finde diese Frage verhängnisvoll. Stellen Sie sich vor, Picasso wäre in Frührente gegangen. Wäre das für die Gesellschaft besser gewesen? Wissen Sie, was ich meine? Es ist nicht so, dass ich noch Ungeheures vorhabe, dass ich noch alles Mögliche und Unmögliche bewerkstelligen werde. Kein Mensch, der schreibt, weiß, ob ihm noch ein guter Gedanke kommt. Aber man muss sehen, dass es Berufe gibt, dazu gehört auch der Ihre, die man auch noch mit achtzig Jahren machen kann. Ich würde Sie auch nicht fragen, ob Sie mit fünfzig in Frührente gehen werden.

Aber vielleicht habe ich ja irgendwann das Gefühl, alles geschrieben und gesagt zu haben.

Das habe ich natürlich nicht, verstehen Sie? Es ist wie in der Musik. Manche Musiken werden auch erst gut durch eine gewisse Form der Wiederholung. Die Wiederholung ist auch ein Teil dessen, was man macht. Ich kann ja manche Texte wieder bringen, auch Sachen, die ich vor Jahren geschrieben habe. Und da gibt es Leute, die haben das nie gehört oder gesehen. Ich bin ja nicht angetreten, um jeden Tag etwas Neues zu erfinden. So, wie ich mir auch immer wieder gerne manches anschaue vom Loriot oder vom Valentin. Wie gesagt, das ist eine verhängnisvolle Frage. Es liegt anscheinend im Trend zu fragen: „Wollen Sie bald aufhören, in Rente gehen?“ Auch in Ihrer Zunft.

Gerade da hat man aber manchmal das Gefühl, dass der ein oder andere seinen geistigen Endpunkt erreicht hat.

So, meinen Sie? Das kann man doch nie so sagen. Nehmen Sie mal die Schauspieler. Da gibt es den berühmten Zyklus. Einer fängt jung an und wenn er Glück hat, wird er der Typ „jugendlicher Liebhaber“. Wenn er Pech hat, bleibt er irgendwo im Mittelfeld und geht eine Zeit lang unter. Und wenn dann die Gnade des Schicksals ihn ereilt, entwickelt er ein Gesicht. Das passiert ja auch in der Politik. Nehmen Sie den Heiner Geißler. Der kommt im Alter ganz anders daher. Der ist interessant geworden. In jedem Menschen steckt die Chance, dass er im Alter etwas darstellt, was man niemals von ihm erwartet hätte. So etwas ist nicht nur den Jungen vorbehalten.

Als Sie jung waren, hatten sie den Wunsch, Bootsverleiher am Schliersee zu werden. Was hat Sie denn an diesem Beruf so gereizt?

Ich hatte da eine bestimmte Person vor Augen, einen Mann, der souverän war. Mir hat gefallen, wie der dasitzt, wie der in sich ruht, wie der nicht – wie man heute immer wieder liest – im Büro gemobbt wurde.

Aber zu Ihrer Zeit wollten doch Buben Lokomotivführer oder Cowboy werden…

… aber mir hat das eben gefallen. Die haben alle gelacht, als ich gesagt habe, ich will Bootsverleiher werden.