Berlin - Kai Wegner hat in diesem Jahr selbst einen Wahlkampf vor sich: Er ist Spitzenkandidat seiner Partei für die Abgeordnetenhauswahl und erhofft sich von der Bundespartei Rückenwind statt Ärger. Er war einer der Delegierten beim digitalen CDU-Parteitag, den er von seinem Büro aus verfolgte.

Ihr Kandidat Friedrich Merz hat nicht gewonnen, wie werten Sie die Wahl von Armin Laschet?

Friedrich Merz war mein Favorit. Aber ich habe immer gesagt, dass wir drei starke Kandidaten haben. Jetzt ist die Entscheidung getroffen: Armin Laschet ist unser neuer Parteivorsitzender. Ich kenne ihn, ich schätze ihn – er hat die Fähigkeit, eine Partei zusammenzuführen und die Breite der Volkspartei CDU auch darzustellen. Das zeigt er beeindruckend auch in der Regierungsverantwortung in Nordrhein-Westfalen. Daher hat er jetzt auch meine Unterstützung. Ich wünsche mir aber, dass auch Friedrich Merz und Norbert Röttgen an Bord bleiben. Beide haben wichtige Impulse in diesem sehr fairen Wettbewerb gesetzt. Wir brauchen sie alle drei im Team, damit wir eine starke Volkspartei der Mitte bleiben.

Norbert Röttgen hat sich jetzt ins Parteipräsidium wählen lassen, von Friedrich Merz ist da erst mal nichts zu sehen. Er hat auch anders als Röttgen nicht gesagt, ob er die CDU weiterhin unterstützt. Das ist aufgefallen. Ihnen auch?

Ich habe auch gesehen, dass Norbert Röttgen auf der Liste stand und Friedrich Merz nicht. Ich wünsche mir aber sehr, dass der neue Parteivorsitzende Armin Laschet noch einmal das Gespräch mit ihm sucht – und viele andere auch. Denn Friedrich Merz hat viele Unterstützer, sowohl in unserer Partei als auch in unserem Land. Er steht für Themen, die viele in unserem Land bewegen. Ich habe keinen Zweifel, dass er da mitmachen wird. Er hat uns ja auch bei vergangenen Wahlkämpfen unterstützt und viele Auftritte absolviert. Er ist Teil der Unionsfamilie, und da gehört er auch hin.

Während wir reden, hat Friedrich Merz gerade angekündigt, er wolle Wirtschaftsminister werden. Und das in der aktuellen Bundesregierung. Mal abgesehen von seinem bewundernswerten Selbstwertgefühl, sich als Wahlverlierer für einen Regierungsposten vorzuschlagen – was halten Sie davon?

Ich halte viel davon, dass sich Friedrich Merz und Armin Laschet gemeinsam darüber unterhalten, wie und an welcher Stelle sich Friedrich Merz weiterhin für unser Land und für die CDU einbringen kann.

Nach seiner letzten Wahlniederlage hat es mit der Einbindung von Friedrich Merz ja nicht so gut geklappt. Sehen Sie da wieder die alten Probleme auf die Partei zukommen?

In der Tat, dass Annegret Kramp-Karrenbauer gerade zu Beginn nicht die Unterstützung der gesamten Partei hatte, war ein Problem. Daraus sollten wir lernen. Wir haben in Deutschland sehr wichtige Themen zu bearbeiten, die die Menschen bewegen. Wir stecken mitten in einer Jahrhundert-Pandemie, viele machen sich Sorgen um Gesundheitsschutz, aber auch um Bildung und ihre Arbeitsplätze. Es ist jetzt primär unsere Aufgabe, uns darum zu kümmern. Wir haben in den letzten Wochen einen spannenden und fairen Wettbewerb dreier starker Kandidaten gehabt. Jetzt geht es darum, dass sich die Partei hinter den neuen Vorsitzenden stellt - und zwar die ganze Partei. Jetzt ist nicht mehr die Zeit, sich miteinander zu beschäftigen, sondern wir müssen Deutschland aus dieser Krise führen. Da haben wir eine Menge zu tun, das ist jetzt unser Auftrag.

Wie bewerten Sie, dass Jens Spahn in der Fragerunde mit einem Statement reingegrätscht ist?

Es wäre sicher besser gewesen, das nicht zu tun. Es hat schon ein Geschmäckle, aber jetzt ist es so, wie es ist. Wir blicken nach vorne: Jens Spahn macht als Gesundheitsminister einen großartigen Job, und es geht nun darum, ihn bei dieser herausfordernden Aufgabe zu unterstützen.

Er hat bei den Wahlen zu den stellvertretenden Parteivorsitzenden das schlechteste Ergebnis eingefahren, was sicher eine Antwort auf seine Aktion war. Glauben Sie, der Sympathieverlust ist von Dauer?

Nein! Jens Spahn ist in der Partei sehr beliebt, er ist ein Mann, der auch für die Zukunft der CDU steht. Heute hat er den einen oder anderen Unterstützer von Friedrich Merz enttäuscht und deshalb dieses Ergebnis bekommen. Ich bin mir sicher, dass das in zwei Jahren ganz anders aussehen wird.

Zum Wahlkampf. Wie sind Armin Laschets Chancen auf die Kanzlerkandidatur? Markus Söder hat ja am Freitag wieder einen furiosen Auftritt hingelegt.

Heute haben wir erst einmal einen Parteivorsitzenden der CDU gewählt. Natürlich erhebt der dann auch den Anspruch auf die Kanzlerkandidatur, das wäre bei den beiden anderen Kandidaten genauso gewesen. Das ist ganz normal und auch richtig. Aber den Kanzlerkandidaten bestimmt die CDU ja nicht allein. Wir haben eine sehr selbstbewusste Schwesterpartei in Bayern. Die wird von Markus Söder, einem beliebten und starken Ministerpräsidenten, angeführt. Die beiden Parteivorsitzenden müssen sich zu gegebener Zeit zusammensetzen und einen Vorschlag machen. Dann müssen wir bewerten, mit welchem Kandidaten wir die besten Chancen haben. Mit dem sollten wir dann auch antreten.

Was vermuten Sie, wer die Nase vorne haben wird?

Markus Söder erfährt in ganz Deutschland eine große Zustimmung und hat das Vertrauen vieler Menschen weit über die Grenzen von Bayern hinaus. Ich kann mich noch gut an den letzten Bundesparteitag erinnern, bei dem Markus Söder – allerdings bei einem Präsenzparteitag – die Halle gerockt hat. Ich fand, dass er auch gestern einen starken Auftritt hatte. Es gab selten einen bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden, der so beliebt war in der CDU wie Markus Söder.

Es ist somit auch Ihr Kandidat?

Ich habe eine Meinung, und die verfestigt sich auch, aber jetzt ist noch nicht der Zeitpunkt gekommen, sie zu äußern. Wir müssen jetzt erst mal die Pandemie bekämpfen. Wie geben wir den Menschen Zuversicht und wie bekommen wir unser normales Leben zurück? Der Gesundheitsschutz hat weiterhin oberste Priorität. Wir müssen aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Krankenhäusern und den Pflegeeinrichtungen entlasten, Arbeitsplätze retten und Existenzen sichern, das ist die Aufgabe, die wir jetzt haben.